Musik

Interview mit Michael Jürgens, freier TV-Produzent: „Heute kopieren uns alle ehemaligen Kritiker“

Die „Feste der Volksmusik“ mit Moderatorin Carmen Nebel brachen mit den Sehgewohnheiten bei TV-Shows dieses Genres. Michael Jürgens, konzeptionell und redaktionell verantwortlich für die MDR-Sendung, erklärt, warum das Format gerade deshalb so erfolgreich ist.

musikwoche.de: Angesichts der eher mäßigen Tonträgerverkäufe im Bereich der volkstümlichen Musik kommt aus der Musikindustrie immer wieder die Forderung nach TV-Formaten, die noch stärker die Brücke zwischen volkstümlicher Musik, Schlager und Pop schlagen. Hat dieser Wunsch Chancen, erhört zu werden?

Michael Jürgens: Ich glaube, solche Formate haben große Zukunft. Man sieht jetzt schon, dass ausgerechnet die sogenannte Volksmusikshow, in der am wenigsten Volksmusik präsentiert wird, die mit Abstand erfolgreichste ist. Ich spreche von den „Festen der Volksmusik“ mit Carmen Nebel, die der MDR für die ARD und den ORF als Eurovisionssendung produziert. In dieser Sendereihe sind die Volksmusikanten in Wahrheit schon lange in der Minderheit.

In der letzten Folge waren Acts wie Riverdance, Mary, Otto Waalkes und Smokie vertreten. Mit der Öffnung der Sendung für Schlager und Pop hat sich auch die Zusammensetzung des Publikums stark verändert. Zuletzt hatten wir zehn Prozent Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen und lagen damit über dem ARD-Monatsdurchschnitt in dieser Zielgruppe. Das „Sommerfest der Volksmusik“ hatte in dieser Zielgruppe etwa 100.000 Zuschauer mehr als „Top of The Pops“ am gleichen Abend.

So weit zu kommen, war eine langwierige und mitunter auch mühsame Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Inzwischen interessieren sich auch die Privatsender wieder für Musikshows. Es wird dort überall an Konzepten gebastelt, und es wird im nächsten Jahr mit Sicherheit wieder mehr Musikformate bei diesen Sendern geben. Die Öffentlich-Rechtlichen tendieren verstärkt zu Crossover-Formaten, in denen von Helmut Lotti bis Volksmusik und von Schlager bis Pop alles möglich ist.

mw: Ist also die Zurückhaltung der Werbeindustrie gegenüber Volksmusikshows wegen deren Altersstruktur unberechtigt?

Jürgens: Naja, die „Feste der Volksmusik“ stellen diesbezüglich schon eine Ausnahme dar. Bei den meisten Volksmusiksendungen hatte sich in den letzten 20 Jahren eigentlich wenig geändert. Bis zu den Frisuren der Protagonisten war alles gleichsam einbetoniert. Wir haben mit den „Festen der Volksmusik“ vieles aufgebrochen, was vielleicht auch ein bisschen daran liegen mag, dass ich nicht aus der Volksmusikszene komme und deshalb an diese Shows herangegangen bin wie an normale Unterhaltungsendungen.

mw: Was heißt das konkret?

Jürgens: Wir haben uns nie darauf verlassen, dass ein paar bekannte und beliebte Stars und Musiktitel schon für hohe Quoten sorgen werden. Das reicht nicht mehr. Die „Feste der Volksmusik“ sind so erfolgreich, weil sie nicht einfach Musikshows sondern Musikunterhaltungsshows sind, in denen eben nicht nur Musik, sondern ganz unterschiedliche Unterhaltungselemente präsentiert werden, und in denen die Genre-Grenzen wenig Bedeutung haben.

Wenn etwa die No Angels einen nach unserem Eindruck für die Sendung passenden Titel haben, dann können sie auch bei uns auftreten. Anfangs wurde diese Herangehensweise von vielen Redakteuren, Produzenten und Moderatoren anderer Sender heftig kritisiert. Ich bin zum Teil richtig beschimpft worden und bestimmte Zeitungen haben sogar gezielte Leserbriefaktionen dagegen gestartet. Heute kopieren uns alle ehemaligen Kritiker. Die beste Kopie sind die „Lustigen Musikanten“, die schlechteste ist die „Volkstümliche Hitparade“.

mw: Was sind denn aus Ihrer Sicht die häufigsten Fehler, die im Zusammenhang mit der Präsentation von volkstümlicher Musik und Schlagern im Fernsehen gemacht werden?

Jürgens: Ich will nicht von Fehlern sprechen, da bestimmte Leute ganz gut davon leben, dass sie immer wieder das Gleiche machen. Man erreicht auf diese Weise nur kein neues Publikum mehr. Dafür muss man Shows und Musik heute unterhaltsamer präsentieren. Auch junge Zuschauer interessieren sich für Schlager und volkstümliche Musik.

DJ Ötzi oder die Hermes House Band sind mit ihren Erfolgen die besten Beispiele dafür. Auch Michelle ist ein Beispiel dafür, dass es heute noch neue Schlagerinterpreten geben kann, die weit über die Volksmusik- und Schlagerszene hinaus bekannt werden und Platten verkaufen können. Und das, was für diese Acts gilt, gilt genauso auch für Fernsehsendungen: Nur mit neuen unterhaltsamen Konzepten und einer zeitgemäßen Präsentation kann man ein junges Publikum erreichen.

mw: Unter den zehn erfolgreichsten Sendungen mit Volksmusik im Jahr 2001 kamen sieben von ARD-Sendern und nur drei vom ZDF. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Jürgens: Im ZDF hat sich in den letzten Jahren viel verändert, und es wird sich noch mehr ändern. Und dann werden dort ähnlich erfolgreiche Musikshows wie in der ARD produziert werden.

mw: Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die Qualität der A&R-Arbeit der Plattenfirmen und Musikverlage im Bereich der Unterhaltungsmusik dar?

Jürgens: Es gibt sehr viele neue Produktionen, aber leider kaum neue Ideen und Konzepte. Vor allem im Bereich Schlager und Volksmusik setzt man leider immer wieder auf das gleiche. Mir werden immer wieder neue Stefanie Hertels oder Patrick Lindners angeboten. Aber es braucht niemand eine neue Stefanie Hertel, weil es Stefanie Hertel schon gibt. Und wenn man die Wahl zwischen Original und Kopie hat, entscheidet sich logischerweise fast jeder Redakteur für das Original. Das Ergebnis ist dann meist, dass sich die „Erfinder“ der Kopie beschweren, dass immer wieder dieselben Künstler in Fernsehshows auftreten würden.

mw: Welche Wünsche bleiben für Sie in der Zusammenarbeit mit der Musikindustrie bisher meist unerfüllt?

Jürgens: Wir würden gern viel häufiger bereits in der Frühphase der Entwicklung eines Acts oder eines Albums schon in die Planung mit einbezogen. Denn dann haben wir auch viel mehr Möglichkeiten, einen Künstler optimal zu präsentieren. Ein absolut positives Beispiel ist für mich die Zusammenarbeit mit der EMI und da besonders mit Roman Rybnikar und Judith Coen, etwa beim Thema Vikinger. Diese schwedische Schlagerband wurde uns früh avisiert und die Zusammenarbeit war dann sehr intensiv und für beide Seiten erfolgreich.

zur person

Michael Jürgens Inhaber und Geschäftsführer Jürgens & Partner Medienkonzepte GmbH geboren am 12. Oktober 1967 in Mühlheim/Ruhr; ledig

Michael Jürgens ist seit 1989 als freier Autor und Redakteur sowie als Producer und Berater von Fernsehshows in München und Bad Homburg tätig. Dabei arbeitet er frei für verschiedene Produktionsfirmen und Fernsehsender mit Eigenproduktionen. Zudem war er in der Vergangenheit als Chefredakteur und Produzent verschiedener Unterhaltungszeitschriften aktiv, bevor er sich auf sein Kerngeschäft mit Unterhaltungsshows im Fernsehen konzentrierte. Zu diesem Zweck gründete Jürgens – ursprünglich gemeinsam mit einem Teilhaber – die Firma Jürgens & Partner Medienkonzepte GmbH, die er inzwischen allein leitet. Das Unternehmen konzipiert Unterhaltungszeitschriften und -TV-Formate genauso wie Tourneen und Veranstaltungen. Jürgens erstellte bereits Programminhalte für Sender wie ZDF, Sat.1 und RTL II sowie für die ARD-Anstalten SWR, NDR und BR. Hauptauftraggeber ist zurzeit der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR), für den Jürgens die „Feste der Volksmusik“ produziert.