Musik

Interview mit Konrad von Löhneysen: „Für mich ist ‚Albumthema‘ ein Unwort‘

Nach einer erfolgreichen Karriere in Diensten von Firmen wie BMG, Logic, Jive und Universal Records steht nun an der Spitze der Musikdivision der . Als Vorstandsmitglied und als geschäftsführender Gesellschafter von Ministry of Sound Deutschland will er neue Akzente setzen – und sorgt mit der Verpflichtung von Xavier Naidoo für einen ersten Paukenschlag. musikwoche.de sprach exklusiv mit ihm.

musikwoche.de: Warum haben Sie Universal Records verlassen?

Konrad von Löhneysen: Da gibt es zwei wichtige Komponenten: Ich habe immer noch Ameisen im Hintern. Das war schon damals nach meiner Zeit bei Jive so. Die Firma lief gut, die Integration von Jive und Rough Trade war vollzogen. Genauso ging es mir bei Universal. Da fing ich auch bei Null an: kaum noch Künstler unter Vertrag, eine von der Fusion mit PolyGram verunsicherte Belegschaft, Heinz Canibol war weg. Als ich vor ein paar Wochen bei Universal aufhörte, hatten wir 19 Prozent Marktanteil in den Singles-Charts. Also: Mission completed. Klar hätte ich auf diesen Erfolg aufbauend noch weitermachen können, aber ich wollte nun endlich mal etwas „eigenes“ machen. Mir war immer klar: Wenn ich wieder einen neuen Job anstrebe, dann bei einer Firma, an der ich beteiligt bin. Natürlich hat man es in einem so großen Konzern wie Universal immer leichter. Der Esel scheißt eben meistens auf den größten Haufen. Und in Phasen, wo wir aus eigener Kraft keine Hits hatten, kamen eben die Kollegen aus den anderen Territorien wie jüngst zum Beispiel mit Safri Duo. Der andere Grund ist diese Konstellation, die wir bei IN-motion nun zu Stande gebracht haben. Ich spüre das schon allein an der Resonanz, die ich in den letzten Wochen bekam, bevor ich meine Arbeit dort richtig aufgenommen hatte.

mw: Welche Tipps können Sie Ihrem Nachfolger Neffi Temur für die bevorstehenden Aufgaben geben?

von Löhneysen: Neffi ist mit seinen 27 Jahren wesentlich weiter und erfahrener als viele 35-jährigen Branchenkollegen. Viele Tipps braucht er nicht. Aber er sollte erst einmal seinen Führerschein machen.

mw: Sie sind nun Vorstand Musik bei der IN-motion AG. Wie heißt denn eigentlich die Plattenfirma unter diesem Dach?

von Löhneysen: Ganz sicher nicht nur Ministry of Sound. Da gibt es eine ganze Reihe von Firmen. Und MoS ist eine davon, die man in Repertoire-Fragen zielgruppengerecht ausrichten muss. Für das Pop-Segment wird bei MoS künftig das Label Sushi Pop zuständig sein, das unser MoS-A&R-Director Ken „Sushi“ Ogihara leitet. Der Mann hat immerhin Eiffel 65 und Right Said Fred gesignt. Dann bestehen noch die Teilhaberschaften an Kosmo Records und SPV. Zudem haben wir international noch Trauma Records in Los Angeles. Die Firma war früher bei Interscope. Deren erste große Veröffentlichung bei uns wird im Herbst das Album von Shaquille O“Neill sein.

mw: Wie sieht Ihre Einflußnahme bei SPV künftig aus?

von Löhneysen: Wir überprüfen mögliche Synergien im Bereich Presskapazitäten bei Sonopress, Lizenzbuchhaltung und Clearing. Aber anfangs will ich die Herren Schütz und Erping in Ruhe weiter arbeiten lassen. Die haben in 18 Jahren einen Laden mit einem jährlichen Umsatz von über 50 Millionen Mark aufgebaut. Es gibt keinen Grund, dort zu versuchen, alles anders zu machen. Wir werden natürlich versuchen, diese Umsatzgröße durch unsere neuen Produkte weiter zu erhöhen. Allerdings werden die MoS-Titel über Universal vertrieben.

mw: Wie darf sich die Branche den Repertoire-Unterschied zwischen MoS und Kosmo vorstellen?

von Löhneysen: Eigentlich gibt es da keinen Unterschied. Beide Labels sind starke Marken im Dance-Geschäft. Allerdings hat Kosmo seinen Fokus auf eigene Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum, die jedoch weltweit vermarktet werden. Bei MoS liegt die Kompetenz bisher natürlich im Compilation-Geschäft. Insofern ergänzen sich beide Labels perfekt. Ohne eigenes Repertoire, das zur Drittverwertung freigegeben werden kann, braucht eine Firma bekanntlich gar nicht zu versuchen, im Compilation-Geschäft Fuß zu fassen.

mw: Sie haben zwar mit der Verpflichtung von Xavier Naidoo den derzeit wohl begehrtesten deutschen Künstler unter Vertrag genommen, aber Ihre Ausrichtung klingt doch sehr nach Singles-Geschäft. Wie steht es mit den Alben?

von Löhneysen: Die meisten Alben verkaufen sich nur mit starken Singles. Und ich war schon immer auf Singles ausgerichtet. Auch Xavier Naidoo hat erst viele Alben verkauft, als er eine Hitsingle hatte. Für mich ist „Albumthema“ ein Unwort. Das heißt im Prinzip nur: „Mist, wir haben keine Single“. Und beim kommenden Naidoo-Album haben wir Schwierigkeriten, uns auf die erste Single festzulegen, da wir soviele starke Single-Kandidaten zur Auswahl haben.

mw: Aber müsste eine junge Firma wie IN-motion nicht versuchen, Backkatalog in Form von Alben aufzubauen?

von Löhneysen: Erfolg mit Alben lässt sich nicht planen. Meine Kollegen von damals und heute, Michael Münzing und Luca Anzilotti, arbeiteten 1989 an der ersten Snap!-Single als anonymes Dance-Project ohne jegliche Album-Planung. Und der Katalog spielt heute noch jährlich etwa eine Million Mark ein. Auch der Act Sylver, der bei Universal ursprünglich nur mit der Single „Turn The Tide“ aufhorchen ließ, hat mittlerweile 75.000 Alben verkauft. Und das Safri Duo liegt bei fast 100.000 Alben – nach nur einer Single.

mw: Wird es IN-motion auch als Plattenfirma geben?

von Löhneysen: IN-motion strahlt doch für den Konsumenten als Marke nichts aus. Das ist eben eine Firma am Neuen Markt und der Kurs hat sich trotz des Blutbades dort relativ gut gehalten. Aber als Konsumentenmarke taugt der Name nur begrenzt. Wir werden aber bis Jahresende noch mindestens drei zusätzliche Joint Ventures starten. Teilweise werden wir uns an existierenden Firmen beteiligen, teilweise werden wir viel versprechenden Neugründungen finanzielle und infrastrukturelle Starthilfe geben.

mw: Ist es das, was die Branche will?

von Löhneysen: Produzenten und Kreative ganz allgemein sind doch heute total verunsichert. Die Schlagzeilen, die unsere Branche liefert, sind ja nicht gerade künstlerfreundlich. Fusionen hier, Stellenstreichungen dort – das interessiert doch in der Kreativgemeinde niemanden. Wir können uns zwar darüber unterhalten, aber wir entscheiden diese Dinge doch nicht. Das wird auf ganz anderen Ebenen in den Konzernzentralen entschieden. In meinen zweieinhalb Jahren bei Universal gab es zuerst GetMusic, dann Voxstar, dann Bluematter, dann Duet und jetzt heißt das pressplay – und passiert ist noch immer nichts. Ich muss doch keine Meinung zu Bertelsmanns Strategie für Napster haben. Ich muss dagegen sehr wohl eine Meinung zu meinen Künstlern haben, zu der Frage „Warum hat es mit der Playlist bei Viva nicht geklappt?“ oder ob ich meinen Act auf Tournee schicke.

mw: Aber Sie müssen doch eine Meinung dazu haben, ob Sie genug Platten verkaufen…

von Löhneysen: Sicher. Aber ich verkaufe meine Platten, weil ich die richtigen Acts habe, und weil meine Leute wissen, wie man die Platten an den Mann bringt. Manchmal fragt man sich bei der Nabelschau unserer Branche, worüber wir eigentlich reden. Das Emotionale, die Musik, scheint im Tagesgeschäft oft zu weit in den Hintergrund zu rücken. Ich finde, dass oft die völlig falschen Signale gesetzt werden.

mw: Also heißt Ihr Credo: „Die Leute werden weiterhin Platten kaufen und das ist unser Geschäft“?

von Löhneysen: Natürlich. Die Leute werden weiter Geld für Musik ausgeben, in welcher Form oder in welchem Format sie auch immer vertrieben wird.

mw: Und warum kaufen die Leute heute weniger Platten als früher?

von Löhneysen: Das größte Problem ist natürlich die CD-Brennerei. Aber das liegt auch an zuletzt wenig attraktiven Künstlern.

mw: Was muss sich im gesamten Musikgeschäft ändern, um den Negativtrend zu stoppen?

von Löhneysen: Wichtig ist vor allem, dass wir mehr Plattformen für Musik finden müssen. Das fängt bei den Medien an: Bei Kai Pflaumes „Nur die Liebe zählt“ drängen sich Künstler wie Jennifer Lopez und Mariah Carey, „Geld oder Liebe“ gibt“s nicht mehr. Wenn es uns gelänge, im TV-Bereich die Nadelöhre zu umgehen, wäre viel geholfen. Aber da haben wir bei IN-motion bereits das ein oder andere Konzept in der Schublade. Ein weiteres wesentliches Problem ist der Handel. Nicht der Handel an sich. Aber gehen Sie doch mal in einer deutschen Großstadt durch Fußgängerzonen oder Einkaufszentren. Sie werden nie aus Versehen darauf kommen, sich eine Platte zu kaufen. Weil Sie nämlich keinen Plattenladen finden. Natürlich machen wir nicht soviel Umsatz wie H&M, und deshalb sind wir auch bei Karstadt im vierten Stock im hintersten Regal. Es gibt bei uns eben keine spezialisierten Ketten wie zum Beispiel in England, die meist in besten Lagen vertreten sind.

mw: Was kann IN-motion an dieser Situation ändern?

von Löhneysen: Wir als kleines Unternehmen können an der Handelslage nichts ändern. Aber bei der Musik wollen wir nah am Zeitgeist bleiben. Und weil wir ein relativ kleiner Aparat sind, werden wir extrem glücklich sein, wenn wir viermal im Jahr einen Treffer landen. Ich will ja nicht das Rad neu erfinden, sondern das Rad am Laufen halten.

mw: Und wie schnell muss sich das Rad drehen?

von Löhneysen: Im ersten Jahr will ich mit Ministry of Sound zwischen zehn und 15 Millionen Mark Handelsumsatz machen, zuzüglich Lizenzen und Auslandsumsätze.

mw: Was heißt das in Charts-Positionen umgerechnet?

von Löhneysen: Zwei bis vier Top-Ten-Hits sollten schon drin sein, sonst würde ich selbst nicht mehr an mich glauben. Aber unser Umsatz wird auch aus anderen Quellen kommen. Wir werden ein MoS-Radio ins Leben rufen, die MoS-Events werden von uns mitveranstaltet, bis Oktober werden wir eine deutschsprachige Website gestartet haben und außerdem planen wir einen Printableger.

mw: Wann sind Sie mit IN-motion erfolgreich?

von Löhneysen: Wenn wir es schaffen, ein paar Künstler zu etablieren, Hits zu haben, als wahre Alternative zu den etablierten Plattenfirmen angesehen zu werden. Wenn wir uns kurzfristig neben den fünf Majors, Zomba und edel als achte Kraft durchsetzen könnten und uns mittelfristig auf Rang sechs vorarbeiten könnten. Wenn Künstler auf der Suche nach einem schlagkräftigen Partner erkennen, dass wir durch unser kompetentes Personal und durch zusätzliche Vermarktungskanäle wie unsere TV- und Film-Divisionen eine zusätzliche Möglichkeit darstellen.