Musik

Interview mit Jörn Hellwig zur Veröffentlichung von „Sternenhimmel“

Die Firmenchronik „Sternenhimmel“ weist Polydor als Label mit großer Vergangenheit aus, die Charts des Jahres 2001 zeugen von der erfolgreichen Gegenwart der Company. Im Gespräch mit musikwoche.de äußert sich Hellwig über den Wert der Chronik für die Firma und über seine Pläne für deren nähere Zukunft.

musikwoche.de: Was wussten Sie als sie 1997 von der Intercord zu Polydor kamen, über das Label und seine Geschichte? Was hatte Ihr Bild von Polydor geprägt?

Jörg Hellwig: Für mich war das zunächst einmal eine der bekanntesten Marken überhaupt in Deutschland. Ich kannte das rote Label schon aus meiner Kindheit, und brachte es unter anderem auch mit The Who und einigen anderen Rockbands aus den sechziger Jahren in Verbindung. Als ich dann in der Schallplattenindustrie arbeitete, habe ich es eher als sehr traditionelles und mitunter auch ein bisschen angestaubt wirkendes Label wahrgenommen. Sozusagen als einen großen Dampfer, der teilweise nicht mehr so wendig war und vielleicht auch etwas zu sehr in der Tradition verharrte.

mw: Was waren für Sie die überraschendsten Erkenntnisse aus der Lektüre von „Sternenhimmel?“

Hellwig: Diese Lektüre macht einfach großen Spaß. Es ist toll, wie man da die geschichtliche Entwicklung in Deutschland durch die Brille einer Tonträgerfirma nachvollziehen kann. Es ist auch erstaunlich, welche der Melodien man alle kennt, die dafür zusammengetragen worden sind. Da ist beispielsweise ein Song von dem Adlon-Orchester aus dem Jahr 1924 erwähnt, den ich auch schon vorher kannte, ohne dass es mir bewusst gewesen wäre. Ich finde, das ist nicht nur für Plattenfirmen-Angestellte richtig spannend. Es ist schon beeindruckend, welch hochrangige deutschsprachige, aber auch internationale Künstler bei dieser Firma alle ihr Zuhause hatten. Sehr interessant fand ich auch, dass Polydor schon in den dreißiger Jahren sehr auf die Verbindung mit dem Film gesetzt hat. Wenn heute also immer von den Produkten gesprochen wird, die so „marketing driven“ seien, dann sollte man auch sehen, dass das überhaupt kein Novum ist. In den dreißiger Jahren gab es zu wirklich jedem großen Film auch Filmmusiken, die sich ganz hervorragend auf Tonträgern verkauften.

mw: Ist aus der Beschäftigung mit all den Archivschätzen, die in „Sternenhimmel“ angesprochen werden, schon die eine oder andere Idee für eine Wiederveröffentlichung oder eine Coverversion entsprungen?

Hellwig: Zum einen haben wir das Ganze ja schon musikalisch zusammengefasst, nämlich in Form der 8-CD-Box „Sinfonie der Sterne“, die in der vorliegenden Form natürlich kein Massenprodukt, dafür aber eine echte Schatzkiste ist. Ich nehme schon an, dass die eine oder andere Inspiration kommt, wenn sich unsere A&R- und Produktmanager erst mal richtig mit dem Ganzen beschäftigt haben. Aber der spannende Punkt ist ja auch, dass einem bewusst wird, Mitarbeiter einer Firma mit so einer großen Vergangenheit zu sein – in der heutigen Zeit, wo alles so vergänglich ist und auch Marken so häufig wechseln, ist das ja etwas wirklich Besonderes. Und wir freuen uns natürlich, dass wir gerade zur Zeit, sozusagen passend zur Veröffentlichung, so einen guten Lauf mit unseren neuen Produkten haben – das schlägt so schön die Brücke zur erfolgreichen Vergangenheit.

mw: Wie ist denn überhaupt das Feedback der Mitarbeiter auf „Sternenhimmel“ bisher ausgefallen?

Hellwig: Die Leute finden das gut! Die Wertigkeit des Buches überrascht sie wohl selbst, das Gefühl, wenn man es in der Hand hat. Das sieht ja richtig nach was aus! Das hat schon mal so ein erstes Aha-Erlebnis bei vielen ausgelöst. Sie fangen jetzt an, sich mit der Geschichte ihrer Firma zu beschäftigen, und das sorgt ja dann auch für eine verstärkte Identifikation.

mw: Warum erscheint die Box bei Bear Family und nicht bei Polydor?

Hellwig: Wir müssen in unserer Katalogabteilung einfach nach anderen Kritierien arbeiten. Die Produktleute bei uns sind gar nicht so auf das uralte Material spezialisiert. Die machen zwar Katalogauswertung, aber das betrifft ja doch jüngere Musik, da geht es ja weniger um das Herstellen von voluminösen Boxen, sondern eher darum, den Backkatalog von Künstlern zu vermarkten, die gerade auch ein neues Album auf dem Markt haben. Aber für dieses Produkt hier ist man ja richtig in die Katakomben der Frühzeit der deutschen Unterhaltungsmusik gegangen. Und die Leute von Bear Family haben das mit sehr viel Liebe gemacht. Schließlich ist da ja ohnehin schon eine gewachsene Geschäftsbeziehung zwischen Bear Family und uns.

mw: Das Jahr 2001 brachte bisher sensationelle Charts-Erfolge für Polydor. Solche Jahre lassen sich nicht beliebig wiederholen – haben Sie schon ein bisschen Bammel vor 2002, wenn Polydor an den Erfolgen dieses Jahres gemessen wird?

Hellwig: Ja, das ist in der Tat immer gefährlich. Als ich hier anfing, hatte mein Vorgänger Götz Kiso gerade ein unheimlich gutes Jahr hingelegt und hatte dann noch zum Schluss mit Bocelli ein alles dominierendes Album. Auch die Karriere von André Rieu wurde damals gerade angeschoben. Von diesen beiden Künstlern waren teilweise bis zu sechs Alben gleichzeitig in den Charts, und vier davon in den Top Ten. Das war auch eine schwere Bürde, an der ich hier noch lange zu tragen hatte (lacht!). Ich weiß also, welche Gefahren um die Ecke lauern, wenn der Erfolg gerade besonders groß erscheint. Nun ist es bei uns ja so, dass wir im Moment noch etwas stärker single-orientiert sind und uns erst jetzt zu den Album-Erfolgen vortasten. Zudem ist der Markt derzeit besonders schwach – die Bäume wachsen also auch bei uns nicht in den Himmel. Wir versuchen, diesen guten Lauf zu nutzen, um damit auch Schwung in das nächste Jahr hineinzubringen, indem wir Projekte noch etwas perfektionieren oder besonders gut vorausdenken. Wer Hits hat, hat dadurch meist auch die Chance, auch das eine oder andere noch nicht durchgesetzte Thema in den Medien besser zu platzieren. Das sehe ich im Moment als unsere Aufgabe.

mw: Vivendi-Universal-Chef Jean-Marie Messier hat in seiner Keynote auf der Popkomm. dem Geschäft mit den Singles nicht mehr viel Zukunft eingeräumt. Verstärkt sich auch von daher der Druck auf Polydor, künftig Album-orientierter zu agieren?

Hellwig: Im Popbereich ist es sehr schwierig, neue Acts ohne einen Hit aufzubauen. Die Single ist nach wie vor meist die Triebfeder für weitere Erfolge. Hinter diesen Singles müssen aber eben möglichst auch Acts stehen, die für längerfristige Karrieren geeignet sind. Und in diese Richtung haben wir zuletzt einige wichtige Schritte voran gemacht – wir haben Rosenstolz und Schiller etabliert, auch die No Angels sind alles andere als ein reiner Single- und auch kein One-Off-Act. Außerdem sollte man berücksichtigen, dass der Albummarkt ja auch Compilations beinhaltet. Ich bin mir sicher, dass wir in diesem Jahr unter den Artist-Companies auch einen guten Marktanteil bei den Alben hinkriegen – und das ohne sehr viel US-Repertoire! Unsere Tendenz ist, Polydor noch mehr als Pop-Firma zu etablieren. Wir sind bei Zeitgeist zwar dance-orientiert, aber viele unserer Dance-Erfolge haben doch eher so einen poppigen Hintergrund.

mw: Was wird sich durch den Umzug nach Berlin für oder an Polydor ändern?

Hellwig: Ich hoffe, sehr wenig. Eine gerade laufende interne Befragung unserer Mitarbeiter vermittelt mir als ersten Eindruck, dass wir als Polydor-Team ziemlich komplett bleiben werden. Es ist auch von der Gebäudestruktur in Berlin her angedacht, dass die Firmen dort alle ihre eigene Identität behalten. Wir werden also auch dort weiter daran arbeiten können, unser Profil als Pop-Firma zu schärfen. Außerdem wollen wir unbedingt versuchen, die Zielgruppe der 30- bis 60-Jährigen im Visier zu behalten, wo Künstler wie Bocelli und Rieu, der ja direkt bei uns unter Vertrag ist, ihr Geschäft machen, und dort noch weitere Künstler platzieren. Wir sind hier also keineswegs dem Jugendwahn verfallen, sondern kümmern uns in einer Sowohl-als-auch-Strategie um wirklich breite Zielgruppen. Themen wie Schiller und die Hermes House Band funktionieren in dieser Hinsicht bereits ganz hervorragend.