musikwoche.de: Auf „Iwasig“ hört man neben eher traditionellen Songs mit Jodlern und Ziehharmonika auch Funk, Gospel und Rock. Geht bei dem breiten Stilspektrum nicht der rote Faden verloren?
Hubert von Goisern: Seit meinem ersten Album „Alpine Lawine“ über „Schlafes Bruder“ und „In Exil“ bis hin zu „Fön“ war der einzige rote Faden in meiner Musik immer ich selbst. Aber das hängt vielleicht mit meiner Vita zusammen. Ich konnte mich nie nur auf die Tradition beschränken, mit der ich in meinem Heimatort konfrontiert war. Als ich mit zwölf „Rock And Roll Music“ von den Beatles hörte, wusste ich, das ist meine Musik.
mw: Sie waren mit den Alpinkatzen in den Achzigern einer der ersten Künstler, die Neue Volksmusik mit Rock-Elementen und Mundart-Texten etabliert haben. Wie kam das?
Goisern: Unabhängig voneinander existierten damals Leute wie Haindling in Bayern, Broadlahn aus der Steiermark oder Attwenger in Linz, die dieses Feld bestellten. Um diese Künstler gab es jeweils einen Mikrokosmos, der irgendwann so groß wurde, dass diese Bewegung an die Oberfläche kam. Aber wir haben anfangs nichts voneinander gewusst. Dann wuchs die gegenseitige Aufmerksamkeit und damit auch der Stress.
mw: Welcher Stress?
Goisern: Von der Bekennergemeinde dieser Acts wurden ihre Künstler jeweils als die wichtigsten propagiert und alle andern als Trittbrettfahrer abgetan. Das wurde auch von den Medien so übernommen. Plötzlich bekamen die Musiker, die eigentlich zuvor noch nie ein Problem miteinander hatten, das Gefühl, es gebe eine Frontenstellung. Doch das hat sich mittlerweile wieder entspannt.
mw: Warum haben Sie Ihre Gruppe 1994 auf dem Höhepunkt ihres Erfolges aufgelöst?
Goisern: Vier Jahre lang war ich mit den Alpinkatzen non-stop auf Tour. Nachdem mein zweites Kind 1993 zur Welt kam, zog ich die Bremse, um mich stärker um meine Familie zu kümmern. Hinzu kam das Gefühl, alles gesagt zu haben.
mw: Wie wurde Ihre Musik außerhalb der angestammten Heimat, etwa in Hamburg, aufgenommen?
Goisern: Eigentlich habe ich im ganzen deutschsprachigen Raum Gehör gefunden. Aber wird meine Tradition auch außerhalb von Europa verstanden? Diese Frage motivierte meine Afrika-Tour im Frühjahr, die mich nach Senegal, Burkina Faso, auf die Kapverden und nach Ägypten geführt hat.
mw: Sich selbst und seine Musik in einem fremden Kontext zu erfahren – das ist typisch für eine bestimmte künstlerische Haltung, die mit den deutschen Weltmusik-Pionieren Embryo und den Dissidenten begann. Sehen Sie sich in dieser Traditionslinie?
Goisern: Ich bin schon vor den Alpinkatzen viel gereist. Eigentlich wollte ich immer schon Musik machen. Aber mein Elternhaus war dagegen, darum bin ich mit 21 Jahren nach Südafrika ausgewandert. Dort blieb ich vier Jahre, bis 1979. Darauf ging ich für zweieinhalb Jahre nach Kanada und vier Monate auf die Philippinen. Dann bin ich nach Wien zurückgekehrt und habe mir das Akkordeon-Spiel beigebracht.
mw: Waren diese Reisen Voraussetzung für Ihre musikalische Karriere?
Goisern: Ja, denn vorher habe ich meine eigene Kultur massiv abgelehnt. Volksmusik war für mich der Inbegriff der Rückständigkeit. In den 30er und 40er Jahren wurde die traditionelle Musik von den Nazis vereinnahmt. Bevor man sich von diesem Schock erholte, kam bereits der Musikantenstadl – ein weiterer Grund, die Finger davon zu lassen. Irgendwann wurde mir klar: Volksmusik ist bei uns ein Tabu. Und das habe ich auf meinen Reisen durch die Welt nirgendwo sonst erlebt. Also wollte ich den Beweis antreten, dass unserer Volkskultur nicht zwangsläufig etwas Ewig-Gestriges anhaftet.


