Musik

Interview mit Hans R. Beierlein: „Thematisch gibt es überhaupt keine Tabus mehr‘

Nicht erst, seit er mit einem Echo als „Mediamann des Jahres 2000“ ausgezeichnet wurde, gilt als einer der wichtigsten Ideengeber im deutschen Showgeschäft. Das Business verdankt seiner Initiative auch die Existenz des „Grand Prix der Volksmusik“. Im Gespräch mit musikwoche.de reflektiert der Branchenkenner nicht nur die Entwicklung der Sendung, sondern auch die aktuelle Situation der volkstümlichen Musik.

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Musikwoche.de: Was haben Sie sich eigentlich versprochen, als Ihnen vor 16 Jahren die Idee zum Grand Prix der Volksmusik kam? Stand noch eine andere Überlegung hinter dem Vorhaben, als nur das Konzept des Grand Prix d“Eurovision de la Chanson auf ein anderes Genre zu übertragen?

Hans R. Beierlein: Es stand eine ziemlich gravierende Überlegung dahinter. Wir waren nämlich damals so weit, dass wir eigentlich einpacken konnten. Man sah immer die selben Künstler, die zum Teil längst in die Jahre gekommen waren und jahraus jahrein die selben Lieder sangen. Wenn damals nicht tatsächlich jemand das Ruder herumgerissen und gesagt hätte, wir brauchen neue Gesichter, neue Stimmen und neue Lieder, dann wäre die Volksmusik wirklich die Musik der Altenheime geworden.

Und auf den Festen, die ja die Geschäftsgrundlage für die Volksmusik sind, vom Oktoberfest angefangen bis zum Weinfest, Bergfest oder Stadtteilfest, wäre immer noch „Warum ist“s am Rhein so schön“ oder „Treue Bergvagabunden“ gesungen worden. Es war damals also wirklich eine medienpolitische Handlung, nach neuem Repertoire und neuen Künstlern zu suchen. Und es war die beste Methode, über dieses Medium die Autoren zu mobilisieren.

Und aus der Rückschau lässt sich feststellen, dass diejenigen Künstler aus dem volkstümlichen Bereich, die heute in vordere Hitparadenregionen vorstoßen und noch ernsthafte Verkäufe verzeichnen können, alle „Kinder des Grand Prix“ sind – ob das nun das Naabtal Duo ist oder Stefanie Hertel. Also: Der Grand Prix hat sich gelohnt, für die Branche, für die Volksmusik an sich, und natürlich für die beteiligten Sender auch.

mw: Dennoch muss man ein solches Konzept, wenn es über Jahrzehnte funktionieren und frisch bleiben soll, wohl pflegen. Was sind da die Rezepte, worauf kommt es an? Was hat sich im Laufe der Jahre am „Grand Prix der Volksmusik“ verändert?

Beierlein: Wir haben vor zwei Jahren einen tiefen Einschnitt vorgenommen, auch aus der Befürchtung heraus, dass die Einschaltquoten zurückgehen, die Veranstaltung an Bedeutung verlieren und die Autoren nur noch Beiträge aus ihrer Schublade abliefern könnten, wenn wir weitermachen wie gehabt. Es war ein Tapetenwechsel nötig, optisch musste etwas geschehen und auch, was die Moderatoren anbelangt. Die drei Damen und Herren, die in den ersten zwölf Jahren durchs Programm führten, hatten sich enorm große Verdienste erworben, konnten aber das junge Element einfach nicht mehr verkörpern. Deshalb hat damals in einer Nacht- und Nebel-Aktion eine kleine Revolte stattgefunden, die sich gelohnt hat: Seitdem nehmen die Zuschauerzahlen, die zuvor schon am Bröckeln waren, wieder zu.

mw: Inwieweit kommen solche Veränderungen aus den Sendern und ihren Redaktionen, und inwieweit können Sie, der Sie ja als der Initiator der Sendung gilt, von außen auf die Entwicklung Einfluss nehmen?

Beierlein: Die Sender sind ja in diesem Fall nicht die Ideengeber. Das sind Arbeitsgemeinschaften, die sich in den vier beteiligten Ländern gebildet haben und auch die Wettbewerbe durchführen, die gesamte Organisation übernehmen und am Ende eines ziemlich langen Entwicklungsprozesses dem Fernsehen in jedem Land 15 Lieder auf den Tisch legen. Dann erst beginnt die Tätigkeit der Sender, die nun versuchen, diese 15 Lieder möglichst attraktiv zu besetzen, auch unter dem Gesichtspunkt der richtigen Mischung aus frischem Blut und großen Namen. In dieser Konstellation leisten die Sender sehr professionelle und wirkungsvolle Arbeit.

mw: Nun haben wir ja bei der TV-Präsenz der volkstümlichen Musik das eigentümliche Phänomen einer ganz klaren Zweiteilung: hier die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich des Themas intensiv annehmen, dort die Privaten, die sich völlig daraus zurückgezogen haben, weil das Genre für ihre Zielgruppe der 14-49-Jährigen nicht attraktiv sei. Haben Sie Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit gelingen könnte, einen Privatsender von dieser Einschätzung abzubringen?

Beierlein: Ich bin fest davon überzeugt, dass das möglich ist und auch kommen wird. Wenn wir allerdings die eben beschriebene Kurskorrektur beim „Grand Prix“ nicht vorgenommen hätten, gäbe es keine Aussicht darauf, dass sich die privaten Sender je wieder dieses Themas annehmen würden. Aber in dem Moment, wo wir selber wieder junge Interpreten auf die Reise schicken und demzufolge auch wieder etwas jüngeres Publikum haben, sinken bei den Privaten natürlich die Hemmungen, auch wieder zuzugreifen. Das ist ein Entwicklungsprozess, dem man noch drei oder vier Jahre geben muss. Immerhin sind wir jetzt schon im Gespräch mit einigen Sendern, um Formate und Themen zu entwickeln, mit denen sie die volkstümliche Musik wieder in ihre Programme integrieren können. Da helfen natürlich Schlagzeilen wie die vom ersten Bundesliga-Wochenende, als die ZDF-Sendung „Wenn die Musi spielt“ die Fußballeinschaltquoten um Längen übertraf, sehr.

mw: Musik, die volkstümlich sein will, muss sich zwangsläufig mit dem Publikumsgeschmack wandeln – wie stark reflektiert der „Grand Prix der Volksmusik“ das in seiner stilistischen Durchmischung?

Beierlein: Dieser „Grand Prix“ ist keine Angelegenheit im luftleeren Raum. Seine Ideengeber stehen mitten im Leben, deshalb tauchen da in den Liedern jetzt auch ganz neue Themen auf, Themen, die vor zwanzig Jahren in der Volksmusik noch völlig undenkbar gewesen wären.

mw: Welche beispielsweise?

Beierlein: Heutzutage ist etwa nicht mehr nur die Ehe, sondern auch das Zusammenleben ohne Trauschein, der Seitensprung oder die Trennung als Liedthema möglich. Es wird nicht mehr nur die heile Welt dargestellt, ja diese wird sogar in Frage gestellt. In der Volksmusik hat man sich schon früh um die Thematik Umweltverschmutzung und Umweltschutz gekümmert. Da gibt es überhaupt keine Tabus mehr – darin besteht natürlich eine gewisse Zukunftsabsicherung. Wir sind da häufig näher an der Realität dran, als man dem Genre gemeinhin so zutraut. Beim „Weißen Hochzeitskleid“ oder dem „Kleinen Kircherl am Bergerl“ hätte man auch nicht stehen bleiben dürfen. Und wir haben bisher keine Beschwerden bekommen, weil die Sendung etwa zu modern geworden sei, oder weil die Instrumentierung der Lieder häufig die selbe ist wie in der Deutschen Pop- oder Rockmusik.

mw: Im Vorfeld des „Grand Prix d“Eurovision“ gibt es immer wieder Diskussionen darüber, wie ein Grand-Prix-taugliches Lied zu klingen habe, über welche Stilmittel da der Weg zum Erfolg führt. Lassen sich solche Charakteristika auch für den „Grand Prix der Volksmusik“ benennen?

Beierlein: Beim European Song Contest ist es wesentlich komplizierter, weil dort ja unterschiedliche Sprachen zur Geschäftsgrundlage gehören. Viele bedienen sich da ja inzwischen der englischen Sprache und verleugnen ihre Muttersprache. Bei unserem Grand Prix haben wir ja das große Glück, dass in allen vier beteiligten Ländern in ein und der selben Sprache gesprochen wird und die Mentalitätsunterschiede zwischen der Schweiz und Österreich, Deutschland und Südtirol minimal sind. Es gibt kein Thema, das so typisch für eines dieser Länder ist, dass es in den anderen drei Ländern nicht verstanden würde.

mw: Was außer dem Wettbewerbscharakter hebt den „Grand Prix der Volksmusik“ von den anderen großen TV-Ereignissen im Bereich der volkstümlichen Musik ab?

Beierlein: Vor allem der Mut seiner Macher und der ausstrahlenden Sender, in einer Welt, in der die übrigen Medien die Volksmusik hauptsächlich negativ zur Kenntnis nehmen, gegen den Strom zu schwimmen. Mit den Vorausscheidungen in den vier Ländern zusammen genommen, besetzt der „Grand Prix“ ja immerhin fünf TV-Programm-Termine.

mw: Wie wichtig ist der Wettbewerbsaspekt für den Erfolg des Konzepts?

Beierlein: Sehr wichtig, weil wir auf diese Art und Weise zu attraktiven Liedern kommen, und weil wir so auch neuen Interpreten die Chance geben können, sich einem Millionenpublikum vorzustellen. Die vier Länder zusammengerechnet ergeben ja eine zweistellige Millionenzahl an Zuschauern.

mw: Wie zufrieden sind Sie mit dem, was die beteiligten Tonträgerfirmen aus den Startvorgaben machen, die ihnen diese mediale Plattform bietet?

Beierlein: Die arbeiten optimal mit. Aber wir haben in diesem Genre ja im Grunde auch nur noch drei Firmen, die sich den Markt praktisch teilen. Die wissen schließlich auch, dass es auf diesem Gebiet heute nur noch drei Tonträger gibt, die ernsthaft Umsätze erzielen und in Gold- und Platindimensionen hineinkommen, und das sind die Alben zum „Grand Prix der Volksmusik“, zur „Superhitparade der Volksmusik“ und zur „Krone der Volksmusik“. Die sind in diesem Genre zu den Flaggschiffen des Tonträgerverkaufs geworden. Da ziehen die jeweiligen Firmen wirklich alle Register.

mw: Seit Jahren gibt es eine Debatte darüber, ob diese massive TV-Präsenz der volkstümlichen Musik deren Tonträgerverkäufen wirklich nützt. Manche vertreten die Ansicht, der Appetit der meisten Verbraucher werde durch die Fernsehshows im Grunde bereits gestillt. Was ist Ihre Position in dieser Diskussion?

Beierlein: Da ich ja alles dazugetan habe, dass die Sender Volksmusik ins Programm nehmen, kann ich mich schlecht heute darüber beklagen. Und: Was einer nicht erst irgendwo zu hören oder sehen bekommen hat, danach wird er dann auch kaum im Geschäft fragen.

mw: Sie haben sich vor einigen Jahren sehr unzufrieden über die Präsenz von Volksmusik im Tonträgerhandel geäußert. Sind Sie mit dessen Sortimentspflege inzwischen zufriedener?

Beierlein: Es hat sich kaum etwas geändert. Im Grunde könnte man schon sehr ironisch fragen: Gibt es eigentlich noch einen Tonträgerhandel im klassischen Sinn, den Tante-Emma-Laden für Tonträger? Ich fürchte, nur noch in der Provinz, in den Großstädten läuft das ja nur noch über die Großvertriebsformen des Einzelhandels. Und dort wird Volksmusik entweder überhaupt nicht geführt oder sie fristet ein Schattendasein. Firmen wie der Abella-Musikversand, Weltbild, Readers Digest oder die Clubgeschäfte müssen heute tatsächlich einen großen Teil des Umsatzes an Volksmusik-Tonträgern übernehmen.

Ich träume seit Jahren davon, dass es einen Menschen gibt, der in Deutschland eine Kette errichtet, in der „Heimat“ verkauft wird. „Heimat“ kann in diesem Zusammenhang Tonträger, Bücher, Bilder, Trachten bedeuten – eben alles, was unter diesen Begriff „Heimat“ passt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es in all diesen Geschäften nach Tannenduft riecht. Eine Art Wienerwald für“s Heimatgefühl. Die ganzen neuen technischen Bestell-, Verkaufs- und Vertriebsmöglichkeiten dagegen werden der Volksmusik nach meiner Einschätzung nicht sonderlich helfen können.

Generell müsste die Tonträgerbranche ihre Möglichkeiten mehr nützen. Wenn eine Sendung läuft wie die „Krone der Volksmusik“, die ja jetzt auch in Österreich gesendet wird, und damit insgesamt zehn Millionen Zuschauer erreicht werden, dann müssten tags darauf die dazugehörigen Tonträger in den Geschäften ganz vorne präsentiert werden und nicht ganz hinten neben der Damentoilette.

mw: Nach dem zwischenzeitlichen Volksmusikboom Anfang der 90er Jahre haben Sie einen Repertoire-Engpass prognostiziert. Ist der eingetreten? Können die Autoren den Bedarf an neuen Volksmusiktiteln nicht decken?

Beierlein: Der ist absolut eingetreten. Wir bekommen nicht annähernd so viele starke Lieder, wie wir brauchen. Es müssen oft Produktionen verschoben werden, weil nicht genug gute Lieder da sind. Dabei geht es nicht um die Quantität an sich, allein eine kleine Firma wie die Montana bekommt am Tag zwischen 25 und 50 Titel angeboten. Es geht um die Qualität, und da haben wir eine wirklich sehr ernste Situation: Wir leben in einer Krise der Kreativen! Nicht allein was Volksmusik anbelangt – das ist in der Pop- und Rockmusik ja nicht anders.

mw: Worin sehen Sie die Ursachen dieser Kreativflaute?

Beierlein: Ein Grund, sicherlich nicht die Hauptursache, ist für mich, dass unter den Autoren, Verlegern, Tonträger- und Fernsehleuten viel zu wenig geredet und diskutiert wird. Es finden zu wenig kritische Gespräche zur Entwicklung eines Titels statt – die großen Verleger und Produzenten früher haben nächtelang mit ihren Autoren an den Liedern gefeilt.

mw: In der Popmusik hilft man sich ja zum Teil recht erfolgreich mit dem Recyceln früherer Erfolge in neuen Arrangements. Ist das in der Volksmusik deshalb nicht in gleichem Maße möglich, weil die Lieder dort auch nicht so schnell in Vergessenheit geraten?

Beierlein: Das ist sicherlich ein Argument. Die Lieder sind noch stärker im Bewusstsein. Vielen in der Volksmusikszene fehlt einfach auch der Mut, auf Lieder zurückzugreifen, die schon einmal Erfolg gehabt haben. Es ist wirklich keine Schande, ein Lied aufzugreifen, das vor 50 Jahren ein Hit war. Man denke nur an das von Hubert von Goisern wiederbelebte „Hiatamadl“ – das ist 100 Jahre alt!