musikwoche.de: Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit der Musikindustrie im Rahmen Ihres Auftrags, eine Qualitätssendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu garantieren?
Dr. Jürgen Meier-Beer: Die Substanz des diesjährigen Grand-Prix-Vorentscheids markiert einen deutlichen Qualitätsvorsprung auf breiter Ebene; das zeigt sich auch im Wandel der öffentlichen Diskussion, die sich eben nicht mehr um vordergründige Attribute wie „gut“ oder „schlecht“ dreht, sondern in der es um die Frage geht, von welcher Qualität die interessantesten Titel sind. Die Sendung wird sich also auf deutlich höherem Niveau bewegen und dabei nichts von ihrer Spannung einbüßen.
mw: Immer mehr namhafte Interpreten wagen einen Auftritt in Ihrer Sendung. Haben Sie damit Ihr Ziel erreicht?
Meier-Beer: Mein Ziel ist die Präsentation einer quotenstarken Leistungsshow der deutschen Musikszene. Eine Leistungsshow ist ohne Namen bekannter Interpreten, aber auch Produzenten wie Moses Pelham, nicht möglich. Andererseits ist die Teilname neuer Talente für eine spannende Sendung ebenfalls wichtig, wenn so genannte No-Names für Überraschungen sorgen, indem sie durch ihr Können überzeugen. Auch davon wird man sich in diesem Jahr überzeugen können. Ich halte also die Entscheidung der Firmen bezüglich der eingereichten Titel für gelungen. Gerade auch deshalb, weil es sich um sehr unterschiedliche, kontrastreiche und konfliktauslösende Titel handelt. Denn nur eine heterogene Sendung garantiert die Quote und dient so auch dem Vorteil des einzelnen Beitrags.
mw: Innovation und Trendbezogenheit führen oft zum Sieg. Tischt man aber mit Interpreten wie den Kellys, Ireen Sheer, Joy Fleming oder dem Beitrag des altgedienten Grand-Prix-Aktivisten Ralph Siegel letztlich nicht doch bloß alte Hüte auf?
Meier-Beer: Mit Rastern wie „Innovation“ oder „Alt/Jung“ kommt man hier nicht weiter, auch nicht, was die Grand-Prix-Geschichte betrifft, denkt man zum Beispiel an den Sieg der Ohlsen Brothers. Joy Fleming ist vielleicht alt, was Bühnenerfahrung betrifft; sie singt aber besser, als mancher an Jahren junge Interpret. Jan Feddersens Buch der Grand-Prix-Geschichte verdeutlicht, dass sich die Grand-Prix-Siege in kein Raster einordnen lassen und der Grand Prix der schwierigste musikalische Wettbewerb überhaupt ist.
mw: Im Vorfeld war auch die Rede davon, die Interpreten Xavier Naidoo, Ayman, Hans Hartz und Moses Pelham würden dieses Jahr teilnehmen. Was ist daraus geworden?
Meier-Beer: Das weiß ich nicht, denn ich nehme nicht an der Vorabstimmung teil. Ich bin vertraglich an die Plattenfirmen und deren Entscheidungen gebunden und bin selber am Tag des Einsendeschlusses auf die endgültige Teilnehmerliste gespannt.
mw: Welchen Rat würden Sie Ralph Siegel für seine Vorbereitungen für das nächste Jahr geben?
Meier-Beer: Herr Siegel und ich beraten einander regelmäßig, aber nicht jeder Rat von dem einen wird auch vom anderen befolgt. Ohne Siegel gibt es ebensowenig einen interessanten Grand Prix, wie es einen interessanten Ralph Siegel ohne den Grand Prix gibt. Er überrascht mich immer wieder mit seinen künstlerischen Entscheidungen, die zeigen, dass er nicht auf mich hört, weil er einfach besser ist als ich. Aber dies gilt anders herum ebenso.
mw: Wieso halten Sie noch immer an Moderator Axel Bulthaupt fest? Eignet der sich nicht eher als Sprecher der Tagesschau?
Meier-Beer: Für den Grand Prix ist Axel Bulthaupt die bestmögliche Entscheidung, mit ihm begann der Relaunch des Grand Prix. Er hält sich in der Moderation zurück, ist neutral und doch ironisch. Er hat die beneidenswerte Gabe, selbst wenn er frech ist, immer noch charmant zu wirken – und genau das braucht der Grand Prix.
mw: Können Sie sich vorstellen, mit den Kellys nach Estland zu reisen?
Meier-Beer: Ich konnte mir auch im letzten Jahr vorstellen, mit Zlatko nach Kopenhagen zu fahren.
mw: Wie sieht der Showteil der diesjährigen Sendung aus? „11. September hatte heilsamen Einfluss“ Meier-Beer: Die Ten Tenors werden a capella ein Potpourri aller Songs vortragen, und das Duo Modern Talking stellt seine neue Single „Ten Seconds To Countdown“ vor, einen Titel, bei dem Dieter Bohlen wohl doch eher an mich als an seine Estefania gedacht hat.
mw: Was meinen Sie: Haben die Ereignisse des 11. Septem-bers 2001 die Qualität oder den Gehalt von Unterhaltungssendungen beeinflusst?
Meier-Beer: Ja. Sie hatten einen heilsamen Einfluss, da man einen gewissen Zynismus nicht mehr akzeptiert.
mw: Was meinen Sie damit? Können Sie ein Beispiel nennen?
Meier-Beer: Nein. Ich möchte nur eins noch sagen: Harald Schmidt gibt es noch, weil seine Sendung eben mehr zu bieten hat.
mw: Sie haben den Grand Prix gerettet. Könnten Sie sich vorstellen, auch die alte ZDF-Hitparade wiederzubeleben?
Meier-Beer: Als die Hitparade erfunden wurde, wollte das ZDF der musikalischen Überfremdung eine deutsche Bühne als Ausdruck deutscher Leitkultur entgegensetzen. Dass das ZDF diese Sendung wegen Erfolglosigkeit abgesetzt hat, halte ich für politisch bedeutsam und ermutigend.



