MusikWoche: Sind Sie begeistert von „Playing The Angel“, dem neuen Album von Depeche Mode? Dave Gahan: Ja, denn es war eine tolle Zusammenarbeit. Wir alle haben es sehr genossen. Produzent Ben Hillier brachte zwei Programmierer mit ins Studio, Dave McCracken und Rick Morris. Wir arbeiteten die ganze Zeit zu sechst. Dave McCracken ist ein hervorragender Keyboardspieler, auch Rick hatte einige gute Ideen. Ben spielte Schlagzeug und war irgendwie an allem beteiligt. Er arbeitete sehr schnell. Wir hatten nicht viel Zeit, herumzusitzen und zu viel nachzudenken. Das kann manchmal sehr gefährlich sein. Wir begannen im Januar mit der Arbeit und vollendeten das Album im Sommer. Das ist sehr schnell für Depeche Mode. MW: Martin Gore lebt in Kalifornien, Andrew Fletcher in London, Sie in New York. Wie lässt sich bei dieser räumlichen Distanz ein Album produzieren? Gahan: Das macht wirklich keinen Unterschied. Wir treffen uns und reden über das, was wir machen wollen. Wir spielen uns gegenseitig die Songs vor und besprechen, mit wem wir arbeiten. Und wenn wir wirklich mit der Arbeit beginnen, sind wir die meiste Zeit zusammen. Außerdem gehen wir wieder auf Tour und sehen uns dann bis August 2006 jeden Tag. Das ist genug Zeit, um gemeinsam herumzuhängen. MW: Warum „Precious“ als erste Single? Gahan: „Precious“ entstand relativ früh während des Aufnahmeprozesses. Seine Einfachheit faszinierte uns. Manchmal ist es so, dass man bei einem bestimmten Lied sofort das Single-Potenzial feststellt. MW: „Precious“ war sechs Wochen vor der regulären Veröffentlichung als kommerzieller Download erhältlich. Warum? Gahan: Das musste sein. „Precious“ war bereits illegal auf diversen Websites im Umlauf. Wir mussten reagieren. So hatten wir wenigstens noch eine gewisse Kontrolle über die Verbreitung. Manchmal denke ich, dass physische Tonträger kaum noch zeitgemäß sind. MW: Wissen Sie, was mit dem Menschen aus Polen passiert, der „Precious“ illegal ins Internet stellte? Gahan: Nicht genau. Aber er verstieß gegen geltendes Recht und trägt nun die Konsequenzen dafür. So ist das nun mal. Er hat agiert und erfährt nun die Reaktion. Er nahm uns etwas, das noch nicht vollendet war. Das ist Diebstahl, was sonst? Wir verstehen das Bedürfnis der Fans, etwas so früh wie möglich haben zu wollen. Aber es war einfach noch nicht an der Zeit. Dieser Mensch hackte sich in den Server der Firma, die das Video zu „Precious“ produzierte, und verbreitete das, was er für unser neues Video hielt. Aber das war es nicht, sondern lediglich ein Schritt in der Produktion. Dieses so genannte „Precious“-Video zeigte nur uns auf einem Blue Screen. Der Großteil des Clips besteht jedoch aus Animationen, die später hinzukamen. MW: Gibt es Lieder von Depeche Mode, die Sie heute nicht mehr mögen? Gahan: „Nicht mögen“ sind vielleicht nicht die richtigen Worte. Manche habe ich einfach vergessen. Die fallen mir wieder ein, wenn wir die Titelauswahl für die Tour besprechen. Wir setzen uns zusammen, machen eine Liste aller Songs von jedem Album und mit jeder B-Seite. Dann gehen wir diese Liste durch und streichen, was nicht in Frage kommt. Wir fragen uns: Nehmen wir etwas von „Speak & Spell“? Eher nicht. Von „Construction Time Again“ oder „Some Great Reward“? Vielleicht. Von „Music For The Masses“? Aber klar! Dann stellt man fest, was einem aus heutiger Sicht nicht mehr gefällt. MW: Wie bereiten Sie sich auf den Tourneestress vor? Gahan: Das empfinde ich gar nicht so stressig, das ist schließlich mein Job. Viel schwieriger ist es, weit weg von Zuhause, fern der Familie zu sein. Auf der Bühne zu stehen ist wundervoll, eine tolle Erfahrung. MW: Sie sind verheiratet, haben drei Kinder. Wie führen Sie das Familienleben während der Tour? Gahan: Gerade letzte Nacht haben meine Frau und ich darüber gesprochen. Es ist hart für die Kinder, wahrscheinlich noch härter für meine Frau. Wir versuchen, trotzdem Zeit füreinander zu finden. Vergangenes Wochenende hat sie mich zum Beispiel in London besucht. Aber wenn es mal Ärger mit den Kindern in der Schule gibt, bin ich nicht da. Es ist jedes Mal ein Kampf. Schließlich ist die Familie das Liebste, was ich habe. Und auf keinen Fall will ich sie aufs Spiel setzen oder wieder verlieren. MW: Früher haben Sie Drogen genommen, wie entspannen Sie sich heute? Gahan: Lieber auf andere Art. Ich gehe gern laufen, verbringe Zeit mit der Familie und mit Freunden, gehe ins Kino oder ins Museum, helfe meinen Kindern bei den Schulaufgaben, spiele Fußball mit ihnen. Ich vermisse das sehr, wenn wir auf Tour sind. Ein gemeinsames Abendessen kann sehr entspannend sein. Früher bin ich vor mir selbst weggelaufen. Vater verließ uns sehr früh, und meine Mutter war allein mit vier Kindern. Ich bin sehr froh, nun zu einer Familie zu gehören. Ich lerne ständig, ein guter Vater und Ehemann zu sein, und gebe mein Bestes. Manchmal sagt meine Frau sogar, ich gebe mir zu viel Mühe. Und mein Sohn meinte neulich: „Sei einfach du selbst und hör auf, Vater sein zu wollen.“ So lerne ich auch von den Kindern. MW: Was werden Sie ihnen raten, wenn sie Rockstar werden wollen? Gahan: Mein ältester Sohn lebt nun in London, spielt Gitarre und will in eine Band. Ich sagte, wenn er das wirklich will, müsse er hart arbeiten und an sich glauben. Er muss verstehen, dass das Erreichen dieses Ziels sehr viel Zeit und Energie kostet. Aber offensichtlich lässt er sich davon nicht abschrecken und arbeitet daran, denn er liebt Musik. MW: Haben Sie ihm auch von den negativen Seiten des Rockstarlebens erzählt? Gahan: Das muss ich nicht, er sieht die Gefahren. Aber die gibt es überall im Leben. Nicht nur, wer in einer Band ist, kann zuviel Alkohol trinken.
Interview mit Dave Gahan von Depeche Mode: „Früher bin ich vor mir selbst weggelaufen“
Einst galt Dave Gahan, Sänger einer der erfolgreichsten Bands der Welt, als suizidgefährdet, alkohol- und drogenabhängig. Heutzutage ist er lieber treusorgender Familienvater, wie er im Gespräch mit Heiko Meyer gesteht.



