musikwoche.at: Ihr Wechsel zu Universal Music Austria fällt in eine für die Musikbranche recht turbulente Phase – sehen Sie das als Risiko oder Chance?
Bogdan Roscic: Je turbulenter, desto besser. Das Musikgeschäft ist in den letzten Jahren in Österreich ja nicht sehr spannend gewesen. Und in jedem Geschäft gilt: Damit sich was ändert, muss einfach der Leidensdruck groß genug sein, das war bei Ö3 nicht anders. Den „turbulenten“ Markt betrachte ich daher als Chance für die Companies, sich wieder auf den Kern ihres Geschäfts zu besinnen – das Generieren von Repertoire – und nicht so zu tun, als wäre man eine bloße Vertriebsmaschine.
Da und dort war ja eine Mentalität zu beobachten, bei der man nicht immer wusste, ob man sich schon bei einer semiprofessionellen Ausgabe von Procter & Gamble oder noch im Show-Business bewegt. Turbulent oder nicht – für mich war jedenfalls ausschlaggebend, dass das Angebot von einem unkonventionell denkenden Manager kam, nämlich Vico Antippas, wie sich Universal überhaupt erfrischend von den Konventionen dieser Branche unterscheidet.
mw: Der Kern des Musikbusiness ist das Generieren von Repertoire. Wie sieht hier Ihre Strategie aus?
Roscic: Man muss ja nicht immer gleich von großen Strategien reden. Es heißt doch ganz banal „back to the roots“. Bevor man CDs verkaufen kann, muss man zuerst einmal Musik erzeugen, die irgendwer kaufen will. Also Künstler finden, entwickeln, betreuen, kommunizieren. Dafür sorgen, dass Persönlichkeiten entdeckt werden, die die Kraft haben, für irgend jemanden Idole zu werden. Jetzt wird dieser Gedanke ja gerade wieder zum Allgemeingut – es dürfte spannend werden, zu sehen, wer welche Taten folgen lässt.
mw: Man hört immer wieder Schlagworte wie: zu kleiner Markt, ungenügendes mediales Umfeld. Wie stellt sich dies aus Ihrer neuen Perspektive des Musikfirmen-Chefs dar?
Roscic: In Österreich fühlt sich das Leben ja oft an wie Posaune spielen in der Telefonzelle. Besonders in Sachen Pop; das kulturelle Klima, das da notwendig wäre, ist nicht besonders ausgeprägt. Die Durchdringung aller Lebensbereiche mit Pop wie etwa in Großbritannien ist einfach nicht da. Das fängt mit dem fehlenden Startvorteil für einen österreichischen Künstler beim Publikum an, geht über die Dürftigkeit der Live-Szene und reicht bis zur fehlenden Vielfalt der Medienlandschaft.
Alles erschwerende Umstände, die uns aber nicht von der zentralen Frage befreien: Wozu sind wir eigentlich da? Man muss sich halt Strategien zurechtlegen, die den Rahmenbedingungen gerecht werden. Dazu gehört insbesondere auch, die Vermarktung des internationalen Repertoires endlich ins 21. Jahrhundert zu bringen, statt über die massenmediale Situation hierzulande zu jammern.
mw: Wie betrachten Sie die Marktsituation der Branche?
Roscic: Universal hatte 2001 einen abermaligen Zuwachs von 1,4 Prozent auf 27,7 Prozent Marktanteil, leider in einem allgemein rückläufigen Markt. Jetzt bereits Trends für 2002 zu konstatieren, halte ich für wenig sinnvoll – es gibt auch so etwas wie Selbstlähmung durch permanente Selbstbeobachtung. Und außerdem kann unsere Branche im Gegensatz zu anderen noch überraschen. Das ist ja wohl der Witz an einem Hit. Was die Brennerei betrifft, finde ich derzeit den fahrlässigen Umgang der Medien mit dem Thema bemerkenswert.
Journalisten überschlagen sich darin, den besseren Leitfaden zum Stehlen von Musik anzufertigen; konfrontiert man sie mit den Folgen, kommen querulantische Ausreden wie damals bei den Big-Tobacco-Prozessen von der anderen Seite: Kann man denn wirklich sicher wissen, dass Rauchen schädlich ist? Hier wird es Zeit, dass Musiker und Produzenten lautstark Stellung beziehen. Die Industrie muss natürlich auch reagieren, aber höhere Zäune werden wohl nicht das Allheilmittel sein.
Zielführender ist eventuell die Frage: Warum wird gebrannt? Die Antwort „weil“s nix kostet“ ist zu eindimensional. Vielleicht bieten wir zu viel entemotionalisierte, für fiktive Radio-Bedürfnisse produzierte One-size-fits-all-Musik an, die zwar leicht zu kommunizieren ist, für den Musikfan aber keinerlei Motivation darstellt, sich ins Plattengeschäft zu bewegen. Und vielleicht muss man auch bessere Antworten auf das Käufer-Bedürfnis finden, nur das auf einer CD zu haben, was man wirklich packend findet. Auf eine rein technische Lösung des Problems zu warten, dürfte jedenfalls nicht der Königsweg sein. Diese Nuss muss mit vielen Zangen geknackt werden.
zur person Dr. phil. Bogdan Roscic Geschäftsführer Universal Music Austria geboren am 18. April 1964 in Belgrad
Der Sohn eines kroatischen Vaters und einer Mutter aus Montenegro verbrachte seine ersten Lebensjahre im Kosovo und ging in Belgrad zur Schule. 1974 emigrierte die Familie nach Österreich, wo Roscic 1982 seine Matura machte und anschließend an der Universität Wien Philosophie studierte. Nach seiner Dissertation 1989 wurde er freier Mitarbeiter im Kulturressort der Tageszeitung „Die Presse“. Über Stationen im Medienressort der „Presse“ und als Ressortchef Medien & Pop beim „Kurier“ kam Bogdan Roscic 1993 als Musikchef zum Hörfunkprogramm Ö3, dessen Senderchef er von 1996 bis 2001 war. Seit Januar 2002 ist Dr. Bogdan Roscic als Geschäftsführer von Universal Music Austria tätig.



