Goldsmith bekräftigte, dass Tourveranstalter der überzogenen Forderungen „gieriger Rockbands“ und ihrer Agenten zunehmend überdrüssig seien. Logische Konsequenz sei die Hinwendung zu Entertainment-Events wie „Holiday On Ice“, Disney-Shows oder WWF-Wrestling. „Die Veranstalter sind es leid, von Rockbands ausgenommen zu werden“, mahnte er an. „Wir nehmen das gesamte Risiko auf uns, während sie das ganze Geld einstreichen. Wir haben dem Rock-Business erlaubt, zu einem Monster anzu wachsen, das jeden Deal bis zum Äußersten ausreizt. Doch jetzt begreifen die Veranstalter, dass es eine Welt außerhalb der Musik gibt, wo sie bessere Sponsoring- und Marketingmöglichkeiten finden, und die Fähigkeiten, die sie im Rock’n’Roll-Sektor erlernt haben, profitabler anwenden können.“
Neue Zahlen der britischen National Arena Association stützen Goldsmiths Thesen. Demnach waren fünf der zehn größten Shows in britischen Arenen im Jahr 2003 Events außerhalb des Musik-Business. „Eventshows sind gewinnbringender als Rockkonzerte“, erklärte Goldsmith. „Als ich das WWF Wrestling veranstaltet habe, erhielt ich 50 Prozent vom Merchandising, und wir haben 1,6 Mio. Pfund an einem Tag eingenommen.“ Als Gegenbeispiel nennt er zwei Konzerte eines weiblichen US-Stars: „Wir haben 4000 Tickets verkauft. Einige Wochen später rief mich ihr Agent wieder an und wollte drei weitere Shows und noch mal 6000 Karten verkaufen. Sie forderten einen höheren Ticketpreis, obwohl sie keine neue VÖ auf den Markt gebracht hatte – und ich sollte nur 800 Pfund für Werbung ausgeben dürfen.“
In einer weiteren Diskussion kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Künstleragenten und Veranstaltern hinsichtlich der Abrechnung von Tourneen in neuen Territorien. Panel-Leiter Nick Hobbs, der Shows in Osteuropa veranstaltet, beschuldigte die Agenten der Ausbeutung und des Betrugs. „Agenten weigern sich, Pauschalhonorare zu akzeptieren, und bestehen auf Netto-Deals wie in Westeuropa und Amerika. Sie weigern sich, Ausnahmen für erst entstehende Märkte zu machen. Sind Agenten wie Anwälte professionelle Lügner im Namen ihrer Klienten?“ Andrew Zweck, Gründer der UK-Künstleragentur Sensible Events, verteidigte seine Zunft: „Wir versuchen, Zugeständnisse gegenüber Märkten im Aufbau zu machen, und stimmen Pauschalhonoraren zu, wenn sie uns Sicherheit gewährleisten. Wir erlauben ihnen auch, sich Sponsoren zu suchen – aber der Weltmarkt im Livekonzertgeschäft entwickelt sich eben hin zur Standardisierung.“ Zweck ergänzte: „Ich weiß, dass Veranstalter stehlen – ich habe 20 Jahre für Harvey Goldsmith gearbeitet, ich habe gesehen, was andere Leute tun. Das gegenwärtige System ist nicht perfekt, aber es funktioniert. Ich bezweifle, dass wir es vollkommen refor- mieren können – wir leben in einer Welt der Mauschelei und des legalen Diebstahls.“ Martin Hopewell, ILMC-Mitorganisator und Gründer der Agentur Primary Talent, widersprach Zweck und forderte eine fundamentale Umwälzung der internationalen Livemusik-Industrie. „Die Art, wie Agenten bezahlt werden, ist Unsinn. Sie bekommen in der Praxis beispielsweise zehn Prozent jeder Tournee. Bei einer Newcomerband ist das nichts, aber zehn Prozent einer Stadiontour sind viel zu viel.“ Verschiedene Delegierte beklagten, dass Künstler oft jegliche Bürgschaft für Versicherungen bei Konzertausfällen verweigern. Vivian John Lees, Veranstalter des australischen Festivals Big Day Out, nannte das Beispiel Metallica: „Ich habe noch nie eine Band erlebt, die so komplett alle Bereiche kontrollieren wollte. Sie wollten nicht für eine Ausfallversicherung bezahlen, und sie waren wirklich tough, was Transport, Werbung und andere Aspekte angeht.“
Trotz logistischer und praktischer Probleme wegen des Kursverfalls des Dollars konstatierten die meisten Delegierten dem internationalen Live-EntertainmentMarkt gegenwärtig gute Gesundheit. In einer amüsanten Keynoterede erzählte Ed Bicknell, früherer Manager für Dire Straits und Bryan Ferry, dass er eine Rückkehr ins Musikbusiness ablehnte, als er ein Angebot von Mariah Carey bekam: „Ich kann es nicht mehr verkraften, mit einer Person zu streiten, die Mariahs Fußnägel macht“, witzelte er. „Das Leben ist zu kurz, und ich brauche keine Bands und Musiker mehr in meinem Leben.“



