musikwoche.de: Sie haben jüngst in Frankfurt Ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert und dabei gekonnt die Nostalgieklippe umschifft. Wie ist es Ihnen gelungen, Ihr Publikum all die Jahre mitzunehmen?
Nena: Mitgenommen habe ich es ja gar nicht. Mir fällt auf, dass das Publikum extrem unterschiedlich ist. Ich habe in diesem Jahr 70 Konzerte gespielt und dabei Kinder, Teenager oder auch Punker auf die Bühne geholt. Natürlich sind auch alte Fans mitgewachsen, aber mich fasziniert immer wieder, dass mein heutiges Publikum so gemischt ist. Zudem ist es sehr offen für Neues.
mw: Ihr voriges Album „Chokmah„, klingt nach einer modernen, mutigen Produktion. Stimmen Sie dem zu?
Nena: Was heißt schon „modern zu produzieren“? Jede Platte ist modern, weil sie die Zeit abbildet, in der man sie macht. Bei mir kommt da immer alles aus dem Bauch, ich versuche nicht, ganz bewusst etwas zu gestalten. Ob das nun draußen akzeptiert wird oder nicht, ist erst einmal zweitrangig, denn man macht immer das, was man fühlt. Die Arbeit mit dem Produzenten Florian Sitzmann hat sehr viel Spaß gemacht. Zwar war „Chokmah“ schon anders als die Platten zuvor, aber ich selbst fand das Album nicht so wahnsinnig mutig.
mw: Hatten Sie nicht im Hinterkopf die Befürchtung, dass viele zu einer CD wie „Nena feat. Nena“, die Neueinspielungen Ihrer alten Songs enthält, sagen würden, jetzt sei Nena nichts mehr eingefallen?
Nena: Wir hatten gar nichts im Hinterkopf, sondern sind einfach mit viel Liebe ans Werk gegangen. Denn für mich ist es nicht leicht, noch einmal eine Version von „99 Luftballons“ aufzunehmen. Und hätte ich irgendeinen Krampf gespürt, hätte ich es auch nicht gemacht. Aber gerade die neue Version dieses Titels ist bei einem Live-Konzert entstanden, ganz natürlich – ich fand es sehr schön, als das Lied gleichsam zu mir gesprochen hat: Ich stand mit einer Gitarre da, spielte irgendwelche Akkorde und habe den Text gesungen.
mw: Wie kam es dann zu dem neuen Album?
Nena: Wir wollten verhindern, dass anlässlich des Jubiläums irgendwelche blödsinnigen Sampler erscheinen, wie etwa die dreitausendste Nena-Best-Of. Dagegen wollte ich einfach etwas Schönes setzen. Ich habe mich nicht dazu gezwungen gefühlt, sondern hatte wirklich Lust. Die Idee ist organisch gewachsen, so habe ich meine ehemaligen Bandmitglieder Uwe Fahrenkrog-Petersen, Rolf Brendel und Jürgen Dehmel bei der Beerdigung von Carlo Karges wiedergesehen. Daraufhin hat Uwe das Album produziert und einen fantastischen Job gemacht. Das Album hat einfach Würde.
mw: Und der Wechsel von eastwest zu Warner Strategic Marketing (WSM) hat damit auch nichts zu tun?
Nena: Nein, so funktioniert Nena nicht. Ich habe immer das gemacht, was ich wollte, da redet mir keiner rein. Und die jetzige Situation bei WSM ist superschön: Das Warner-Team steht so stark hinter mir, das habe ich in 20 Jahren in diesem Business so noch nicht erlebt. Ich habe im Laufe der Jahre mit allen Majors zusammengearbeitet und wollte zwischendurch die Zusammenarbeit mit den Plattenfirmen immer mal wieder aufgeben und alles selbst machen. Aber jetzt fühle ich mich bei Rita Flügge-Timm und ihrer Mannschaft ideal aufgehoben. Ich brauche eine persönliche Beziehung zu den Leuten, mit denen ich arbeite.
mw: Gibt es ein Problem mit den Erwartungshaltungen der Öffentlichkeit, die Sie gern als Ikone der 80-er Jahre sehen, wie etwa zuletzt bei jenem Auftritt in der RTL „80er“-Show?
Nena: Ich fand diese Sendung fürchterlich angestaubt und lasse mich nicht auf Stirnbänder und all diese Klischees reduzieren. Das Problem liegt woanders: Das Radio spielt keine deutschen Titel mehr, so dass viele Hörer meine neueren Sachen gar nicht mitbekommen haben. Beispielsweise hat mir zuletzt ein Programmdirektor erzählt, wie genial er mein neues Album findet – und meint das wahrscheinlich auch so. Aber dann sagt er hinterher meiner Promotion-Frau, dass sie es leider nicht so oft einsetzen könnten, weil sie keine deutschen Sachen spielen. Ich weiß nicht, wer die Fäden in der Hand hat, aber da muss etwas passieren. Denn das Radio ist eine Mafia geworden.
mw: Sie selbst stammen aus einer Bandkultur, während heute viele Newcomer glauben, nur über Casting-Shows zu Stars werden. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?
Nena: Ich finde das gar nicht so schlimm. Die Lage ist so, wie sie ist. Wieso sollte ich mich darüber aufregen? Und eine funktionierende Bandszene gibt es ja auch noch. Bands wie Mia. finde ich zum Beispiel großartig. Ich frage mich zwar oft, wenn ich den No Angels oder Bro’Sis begegne, wie die das aushalten. Aber offensichtlich existiert ein Markt dafür. Und den Kids, die diese Formationen lieben, gibt das auch etwas. Das ist nicht meine Welt, aber ich maße mir nicht an, sie zu verurteilen.
mw: Sie bieten jungen Hörern mit Ihren Kinder-Alben etwas ganz anderes. Halten Sie die Pop- und Kinder-Produktionen getrennt?
Nena: Überhaupt nicht. Ich habe etwa „Nena feat. Nena“ und das „Madou“-Album gleichzeitig produziert, das sind keine unterschiedlichen Welten. Viel entscheidender ist für mich, dass ich mit Zwerkwerk für meine Kinderproduktionen nun eine eigene Firma habe und hier eigene Entscheidungen treffe.



