musikwoche.de: Nach neun äußerst erfolgreichen Alben bei eastwest Records, haben Sie ihren weltweiten Vertrag mit der Company nicht verlängert. Ihr neues Album erscheint stattdessen auf ihrem eigenen Label „simplyred.com“. Warum haben Sie sich für ein eigenes Label entschieden?
Mick Hucknall: Weil das Musikmachen ein viel dankbarerer Job ist wenn man an keinen Giganten wie AOL-Time-Warner gebunden ist. Ich arbeite mit einem eignen Label nicht für irgend jemand anderen, sondern für mich selbst. Das ist nicht nur in finanzieller, sondern auch in kreativer Hinsicht sehr viel lohnender.
mw: Inwiefern?
Hucknall: Das Problem, das mich als Künstler über die Jahre immer weiter deprimierte war, das ich für die Aufnahmen meiner Platten zwar zahlte, aber die Rechte daran nicht besaß und bis heute nicht besitze. Die liegen nämlich bei der Company, bei der die Alben veröffentlicht wurden. Ich zahlte alle Aufnahmekosten und bekam keine Tantiemen, bevor nicht all die Kosten durch Verkäufe reingeholt waren, die der Company entstanden waren. Ich meine damit Marketing und Promotion. Wobei ich noch nicht mal genau mitbekam, wohin die Gelder flossen. Und am Ende besitze ich nicht mal die Rechte an den Aufnahmen! Nennen Sie mir irgend ein anderes Business, wo das der Fall ist! Nach 15 Jahren wirkte sich dieser Faktor als reichlich uninspirierend auf mich aus.
mw: Haben Sie diesen Punkt jemals mit ihrer ehemaligen Company diskutiert?
Hucknall: Natürlich und ihre Antwort war, dass das eben das Musikbusiness sei. Für mich ist das eher das Mafiabusiness. Es ist vor allem korrupt. Man mag sich fragen, warum sich ein reicher Popstar über diese Umstände aufregt. Was dabei aber schnell vergessen wird ist die Tatsache, dass es mehrere tausend Bands gibt, die keine Millionen, sondern gerade mal ein paar tausend Platten verkaufen. Wenn diese Leute ihre Aufnahmen besitzen würden, könnten sie ihre Karrieren aufrecht halten. Denn wenn eine Company durch Desinteresse an der Band kein Marketing für sie betreibt, könnten sie mit ihren Masters zu einer Company gehen, die enthusiastisch ist.
mw: Liegt die Zukunft der Musik demnach im Lizenzieren, statt im Verkauf der Rechte des Künstlers?
Hucknall: Absolut. Wenn die Firmen für die Aufnahmen bezahlen würden, hätten sie auch das Recht, die Aufnahmen zu besitzen. Aber das tun sie nicht, Wir, die Künstler, zahlen dafür. Ich bin jetzt mit meinem eigenen Label in der Position, das Copyright an meiner Arbeit nicht verkaufen zu müssen, sondern es behalten zu können. Paul McCartneys Copyright an seinem Katalog, wird in 20-30 Jahren auslaufen. Dann bekommt auch er keine Royalties mehr. Aber EMI, denen die Rechte an den Masters gehören, werden für immer daran verdienen. Deshalb sind die großen Firmen so reich.
mw: Geht das Gründen einer Indie-Company wie „simplyred.com“, denn andererseits nicht mit sehr viel mehr Arbeit einher? Im Gegensatz zu einem weltweiten Major-Deal müssen Sie doch jetzt mit diversen Vertrieben in den verschiedenen Territorien verhandeln.
Hucknall: Sie vergessen dabei, dass der Major, an den man in den jeweiligen Territorien gebunden ist, nicht zwangsläufig der Marktführer, geschweige denn der Beste ist. Wir haben jetzt die Möglichkeit, nur mit den besten Vertrieben und Marketing-Leuten zu arbeiten. Natürlich hat mein Management-Team jetzt mehr Arbeit. Aber der Gewinn wird für alle, die am Erfolg arbeiten, größer Ausfallen. Außerdem tut es gut, mit Leuten zu arbeiten, die der Musik mit Enthusiasmus begegnen.
mw: Soll „simplyred.com“ auch anderen Künstlern als Label dienen?
Hucknall: Nein, das Label ist einzig für Veröffentlichungen von Simply Red gedacht. Es gibt Überlegungen nach denen wir „simplyred.com“ als Modell nehmen werden, um in ein paar Jahren auf einem weiteren Label andere Künstler unter Vertrag zu nehmen. Sicher gehen wir mit der Gründung von „simplyred.com“ ein Risiko ein. Aber wir betrachten es als Risiko, das es Wert ist, eingegangen zu werden. Es ist das erste Mal, dass ein etablierter Act komplett unabhängig ist und mit anderen unabhängigen Firmen kooperiert. Madonna hat zwar ein eigenes Label, aber es gehört zum Teil Time-Warner.
mw: Wer finanziert „simplyred.com“?
Hucknall: Mein Management und ich. Wie kannst du mehr Glauben in deine Musik zeigen, als 2 Millionen Pfund aus deiner eigenen Tasche zu investieren? Das ist mein Anteil am eigenen Label. Die Belohnung, die ich schon jetzt habe ist die, dass ich mit mehr Risiko auch wieder mehr Freude an der eigenen Musik entwickelt habe. Es ist inspirierend, wenn du weißt, dass dein Werk anschließend dir selbst gehören wird.
mw: Reflektiert der Titel des neuen Albums „Home“ diesen Umstand?
Hucknall: Ja, denn wir haben das Album wieder so wie „Stars“ und „Men And Women“ aufgenommen. Mit der kompletten Band im Studio. Es ist eine Art nach-hause-kommen. An „Love And The Russian Winter“ war ich nur am Anfang und Ende beteiligt. Das neue Album lebt dagegen vom Input aller Beteiligten. Mehr als alles andere, war die Intention hinter diesem Album, Musik wieder um der Musik machen zu wollen. Nicht weil man ein Produkt abzuliefern hat. Und damit stellen wir eine echte Alternative zum blauäugigen, kurzzeitigen Denken der Majors dar.
Zur Person
Michael James Hucknall wurde am 8. Juni 1960 in Manchester geboren. Schon als Kind wurde sein Talent offensichtlich, als er Familie, Freunde und Mitschüler mit seinem Gesang unterhielt. Als Kunststudent gründete er in den späten Siebzigern die Punkband „Frantic Elevators“, mit denen er eine handvoll Singles aufnahm, darunter auch seine Eigenkomposition „Holding Back The Years“. Nach dem Aus der Band gründete Hucknall Simply Red. Die Band unterzeichnete 1984 einen Vertrag bei Elektra Records/Warner. Das Debütalbum „Picture Book“ konnte sich prompt in den weltweiten Top drei platzieren, und eine Neuaufnahme von „Holding Back The Years“ belegte auf Anhieb die Nummer eins der US-Singles-Charts. Weitere Millionenseller lieferte Hucknall, dessen Band fortan aus wechselnden, exzellenten Musikern bestand, mit den Alben „Stars“, „Life“ und „A New Flame“. Das neue Album „Home“ signalisiert Hucknalls Rückkehr zu seinen Soul- und Jazz-Wurzeln.
mw: Wie sehen Sie als frischgebackener Label-Inhaber die Diskussion um CD-Preise?
Hucknall: Ich denke dass die Kids auch in Zukunft Musik aus dem Internet beziehen werden. Das ist Teil ihrer Kultur geworden und die Frage ist, wie ich denen eine attraktive Alternative zu den illegalen Tauschbörsen bieten kann. Wenn du als Label deine CDs billiger als andere verkaufen willst, wird dir der Handel mit einem verständlichen Argument entgegen treten. Der Handel leidet nämlich am allermeisten unter den rückläufigen Verkaufszahlen, weil ihre Gesamtkosten durch höhere Einkaufspreise gestiegen sind. Ich habe mit meinem Management über niedrigere Preise für unsere neue CD gesprochen. Mir ist aber davon abgeraten worden, weil wir damit kommerziellen Selbstmord begehen würden.
mw: Spüren Sie jetzt, da sie eigenverantwortlich arbeiten, einen größeren Druck hinsichtlich des Erfolgs von „Home“?
Hucknall: Der Druck war am Anfang der Aufnahmen zu „Home“ enorm, denn wenn du dich nach vier Jahren ohne Hit beim Radio mit einem neuen Song zurückmeldest, musst der wirklich gut sein. Der Druck ist dann aber mit der Freude an den Aufnahmen gewichen. Ich habe „Home“ mit unseren letzten beiden Alben verglichen und kann nur sagen, dass wir wieder genau so gut sind wie auf den Alben „Stars“ und „Life“. Und die Reaktionen auf die erste Single „Sunrise“ sind sehr ermutigend.



