Musik

Im Gespräch: Musikchef von Joan Records, Pieter van Winkel

Seit eineinhalb Jahren ist Joan Records, eine Tochterfirma der niederländischen Konzern Foreign Media Group, auf dem deutschen Markt aktiv. Im März zog das Label nach München. Grund genug für den Musikchef Pieter van Winkel, die neuen Büroräume in der Landsberger Straße zu besichtigen und die Philosophie des Labels zu erläutern.

musikwoche.de: Joan Records hat sich mit Produktionen auf seinem Label Brilliant Classics jüngst auch in der Fachwelt einen Namen gemacht. Wie passen Billigprodukte und Qualität zusammen?

Pieter van Winkel: Unser Erfolg ist die Kombination von günstigen Preisen und hoher Qualität. Unser Basisgeschäft liegt in Holland. Dort haben wir vor sechs Jahren mit bekannten Werken wie Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ angefangen. Wir verkaufen dort ausschließlich in Drogerie-Filialen und erreichen damit Kunden, die sonst niemals Klassik kaufen würden.

mw: Sie verkaufen in Auflagen zwischen 50.000 und 100.000 Stück weltweit. Auf welchen internationalen Märkten ist Brilliant Classics bereits präsent?

van Winkel: In Holland sind wir Marktführer im Klassikbereich, in Japan sind wir bereits das zweitbestverkaufende Label nach Universal. Jetzt fangen wir an in Kanada und in den USA. Taiwan und Korea haben wir erschlossen, nach Australien streben wir noch. Und natürlich sind wir europaweit vertreten.

mw: Wann entscheiden Sie, ob Sie wie die jetzt erschienen „Geistlichen Werke für Chor“ von Mendelssohn-Bartholdy selbst produzieren?

van Winkel: Wenn wir keine guten Lizenzen erhalten können, produzieren wir unsere eigenen Aufnahmen. Mittlerweile macht unser eigenes Repertoire etwa 40 Prozent aus. Damit bieten wir auch jungen Künstlern die Möglichkeit, sich zu präsentieren. Es ist für das Publikum und auch für die Presse wichtig, dass wir ein lebendiges Label sind.

mw: Wer wertet die Künstler aus?

van Winkel: Das mache ich. Ich kenne viele Leute und nutze meine Verbindungen. Zudem gibt es auch Chancen, Künstler mit großem Namen für Aufnahmen zu gewinnen, wie etwa mit Nicolaus Harnoncout, der ohne Plattenvertrag ist. Auch etliche Orchester sind frei, so auch der Chamber Choir of Europe, mit dem wir die Mendelssohn-Aufnahmen produziert haben. Für diesen Chor erhalten wir mittlerweile internationale Anfragen nach Auftritten. Und das freut uns dann besonders, weil wir sagen können: Den haben wir entdeckt.

mw: Brilliant Classics verkauft über die Masse und nicht über den Preis. Gibt es Überlegungen, das preisliche Niveau für herausragende Aufnahmen anzuheben?

van Winkel: Nein, die gibt es nicht. Das Konzept lautet „stark und einfach“, und das soll so bleiben. Mit unterschiedlichen Preisen würden wir unsere Kunden nur verwirren. Denn plötzlich wären manche CDs wertiger, sprich teurer. Wenn wir eine teure Aufnahme haben, dann müssen wir mehr verkaufen.

mw: Weltweit verzeichnet die Musikbranche Rückgänge am Tonträgermarkt. Ist Brilliant Classics von dieser Tendenz auch betroffen?

van Winkel: Die Vielkäufer, die wichtigen Kunden für die Majors, kaufen weniger: Deswegen haben diese Firmen Schwierigkeiten. Die Vielkäufer kaufen auch bei uns, aber wir haben noch die anderen Kunden, die Neueinsteiger in den Klassikmarkt. Und deswegen geht es uns gut. Und auch für junge Leute ist Klassik wieder interessant, was in meiner Jugend undenkbar gewesen wäre. Um diese Zielgruppe zu gewinnen, setzen die Majors auch auf Crossover, was jedoch äußerst marketingintensiv ist.

mw: Das ist nicht Ihre Philosophie?

van Winkel: Wir vertreten die „Aldi-Philosophie“. Es gibt Platten mit großen Stars, dafür gibt es Käufer, die bereit sind, auch 20 Euro zu bezahlen. Deswegen legen die Majors den Fokus auf Stars, die sie wie Popstars verkaufen. Denn es geht dann nicht mehr um das Beethoven-Violinkonzert, es geht um Anne-Sophie Mutter. Wir machen das nicht. Wir verkaufen Repertoire mit guten Aufnahmen und guten Musikern, die noch unbekannt sind. Vielleicht werden sie mal Stars sein, das weiß ich nicht. Die Majors können kein Repertoire mehr verkaufen, und das verdanken sie sich selbst. Denn sie haben ihren ganzen Backkatalog in den Niceprice oder Midprice gesteckt. Und wer ist heute noch an neuen Beethoven-Sinfonien interessiert? Wirklich niemand. Und wenn man sie veröffentlicht wie jüngst die EMI mit Simon Rattle, dann muss sie auch ein riesiger Medienhype begleiten, sonst kauft das Produkt niemand. Ansonsten bleibt immer die Frage, ob die neue Einspielung besser ist, als die bereits vorhandenen. Man muss immer erklären können, warum man etwas aufgenommen hat. Und muss etwas Besonderes bieten – also einen Star. Ich kann nicht urteilen, ob es gut oder schlecht ist, was die Majors da machen. Aber sie versuchen das, weil sie nichts mehr allein mit Repertoire verkaufen. Für uns ist das die Chance, gutes Repertoire zu fairen Preisen zu bekommen. Ich sage nicht, dass das besser ist. Aber es ist eine Alternative.

mw: Was planen Sie in anderen Bereichen?

van Winkel: Im DVD-Bereich setzen wir auf DVD-Video mit Opern oder Ballettaufführungen. Aber die Suche nach entsprechenden Aufnahmen braucht Zeit, das Produkt soll ja auch in unser Konzept passen. In Holland haben wir zudem eine Buchreihe mit Komponistenporträts gestartet, die wir eigens von Musikwissenschaftlern verfassen ließen. Denn es gibt wenig seriöse Literatur über Komponisten, die auch bezahlbar ist. Diese Bücher verkaufen wir für drei Euro, und wir wollen sie auch mit einem CD-Set kombinieren. Zu Beginn des dritten Quartals stehen die ersten drei Bücher – Haydn, Mahler und Schostakowitsch – dann auch in Deutschland in den Läden.