“ Im Titelstück deines neuen Albums „111„, singst du darüber, dass man für Dinge, die einem wichtig sind, kämpfen muss. Auch auf die Gefahr hin, dass man in dem Kampf zunächst versagt. Welchen Kampf musstest du austragen, den du letztendlich gewonnen hast?
Tiziano Ferro: Als ich 18 Jahre alt war, wog ich 111 Kilo. Das ist wirklich wahr. Damals entschied ich mich dafür, mein Leben umzukrempeln, sowohl persönlich als auch beruflich. Diese 111 Kilo Körpergewicht galt es damals für mich zu reduzieren. Das war mein erstes Symbol für meine Veränderungen. Die Freuden und Schmerzen, die mit den ganzen Veränderungen einhergingen, sind in die Musik des neuen Albums eingeflossen, weshalb es den symbolischen Titel „111“ trägt.
“ Was hat sich denn damals, außer deines Körpergewichts, für dich verändert?
Ich glaubte plötzlich sehr stark an mich selbst, was eine völlig neue Erfahrung für mich war. Ich wurde eine stärkere Persönlichkeit und ging plötzlich als Kämpfer mit einer anderen Haltung durchs Leben. Für mich steht mein damaliges Übergewicht für die Unsicherheit und Sensibilität, die ich als Kind häufig spürte. Als ich 18 Jahre alt wurde, markierte ich meinen Wunsch nach Veränderung am Kalender und sagte mir, dass sich mein Leben von diesem Tag an verändern musste. Niemand gibt einem Selbstbewusstsein. Das muss aus einem selbst heraus wachsen. Okay, auf meinem Weg zum professionellen Sänger bekam ich Hilfe. Aber auch nur deswegen, weil ich an mich glaubte. Und diesen Glauben an sich selbst erreicht man nur, in dem man sein Leben selbst in die Hand nimmt. Davon handelt der Titelsong meines neuen Albums.
“ Hast du damals eine spezielle Diät eingehalten um von 111 auf 70 Kilo zu kommen?
Meine Diät war mein starker Wille zur Veränderung. Wenn du begreifst, wie du dein Leben in den Griff bekommst, kann man selbst die Sucht nach Essen besiegen. Wenn man zuviel isst, bedeutet das nicht, dass man Essen besonders mag. Das Essen nimmt die Rolle ein, die einem ansonsten Aufmerksamkeit und Liebe der Familie geben kann. Das Verlangen nach Essen ist die Antwort auf Einsamkeit. Eine Leidenschaft und eine Tragödie. Es ist also keine Frage der Diät, wenn man sein Übergewicht reduzieren will, sondern eine Frage der Willenskraft. Manche benutzen statt Essen, Drogen, Sex oder übermäßige Gier zum Shopping.
“ Deine Songs erscheinen in italienisch, spanisch, französisch und englisch. Warum nimmst du keine deutschen Versionen deiner Songs auf?
Es ist nicht notwendig, weil die Deutschen Italienisch mögen als Sprache. Die Versionen in den anderen Sprachen entstehen nur deshalb, weil die Leute in Frankreich oder Spanien meine Songs ansonsten überhaupt nicht zu hören bekämen. Irgendwie scheinen Franzosen und Italiener sich auf einer bestimmten Art nicht zu verstehen. Bei den Deutschen ist das anders. Ihr seid oft in Italien, genießt das Essen, das Wetter und mögt unsere Sprache. Wir Italiener respektieren die Deutschen im gleichen Maße. Na ja, vielleicht tun das die Politiker nicht immer. (lacht) Aber das ist für mich dummes Zeug der Politik. Die normalen Deutschen und Italiener verstehen sich ausgezeichnet. Und ihr mögt meine Songs in meiner Muttersprache. Das ist großartig.
“ In „Eri come l’oro“ vom neuen Album, erzählst du davon, dass der Mensch, den man liebt, von einem so vergöttert wird, dass er scheinbar ein Gesicht aus Gold besitzt. In diesem Song, verliert der geliebte Mensch allerdings sein goldenes Gesicht. Wie verlieren diese Leute das Gold in ihren geliebten Gesichtern?
In dem Song geht es darum, dass Liebesbeziehungen oft seltsam enden. Es gibt Momente in Begegnungen zweier Menschen, in denen einem der andere so Kostbar wie Gold erscheint. Einen Monat später realisiert man, dass man Luftschlösser um die Person herum aufgebaut hat. Plötzlich wird aus dem goldenen Gesicht ein leeres Gesicht und meistens ist man dann über die eigenen Luftschlösser schockiert. Aber so ist das Leben halt.
“ Wie ist ein Mensch, der dir als besonders kostbar erscheint?
Wenn mich ein Girl zum Lachen bringen kann, das mag ich. Das passiert so selten, dass sie mir wie etwas besonders kostbares vorkommt. Generell mag ich Girls, die mich nicht dazu bringen, Tränen wegen der Liebe zu vergießen, sondern mich davon abhalten zu weinen. Ansonsten wechseln meine Herzensangelegenheiten, wie bei jedem anderen auch, von Tag zu Tag. An einem Tag ist es dir besonders wichtig, wenn dir dein Girl Wärme und Zuneigung entgegen bringt. Am anderen Tag magst du es ausgelassen und wild. Wenn man sich zu zweit in seinen Bedürfnissen unterstützt, ist das für mich perfekt.
“ Was hat dich dazu bewogen, mit „Temple Bar“ eine Jazznummer für das neue Album aufzunehmen?
Als ich anfing zu singen, trainierte ich meine Stimme mit Jazzstandards. Seit dem liebe ich den Jazz. Wann immer ich Zeit habe, besuche ich Jazzclubs. Auf meinem ersten Album befand sich ein Gospelsong, weil ich Gospel liebe. Auf dem neuen Album wollte ich dem Jazz Tribut zollen mit dieser Nummer. Außerdem teile ich den Leuten auf diesem Weg ein wenig mehr von mir mit. Denn ich bin nicht nur ein Popsänger, sondern auch im Jazz zuhause.
“ Werden die Leute dich denn als Jazzsänger genauso mögen wie als Popsänger in „Perdono“ oder deiner neuen Single „Perverso„?
Na ja, es ist ja nur eine Nummer auf dem Album, die sich wirklich im Jazzbereich bewegt. Aber warum sollen sie meine Stimme nicht in der Rolle des Jazzsängers mögen? Ich will damit einfach nur zeigen, dass es mehr von mir gibt als ausschließlich italienischen Soul. „Perdono“ hat für mich mittlerweile einen seltsamen Charakter bekommen. Der Hit ist gleichzeitig der wichtigste Moment meines Lebens und meine größte Tragödie. „Perdono“ hat mir unglaublichen Erfolg gebracht, aber seitdem erwarten alle von mir ein zweites „Perdono“. Aber es existiert ja bereits und ich will kein zweites „Perdorno“ schreiben. Statt dessen zeige ich jetzt mit dem neuen Album weitere Seiten meiner Persönlichkeit. Hoffentlich gelingt es mir mit „Perverso“ an den Erfolg meiner ersten Single anzuknüpfen. Denn dann möchte ich unbedingt in Deutschland auf Tour gehen.


