musikwoche.de: Was bedeutet ihr aktueller Albumtitel „Right On“? Maximilan „WestBam“ Lenz: Das ist eine Redensart, die ich seit Jahren benutze, und die ich nun einfach mal bringen musste. Dabei bedeutet „Right On“ soviel wie „genau getroffen“ und nicht, wie es in Deutschland oft missverstanden wird, „Weiter so!“. Mit „Right On“ wollte ich etwas Affirmatives und Zustimmendes ausdrücken.
mw: Wem oder was stimmen Sie denn zu? WestBam: Dem, was ich selber mache. Natürlich haben sich die Zeiten geändert, auch wenn ich nicht glaube, dass sie heute schlechter wären. Meine Linernotes zur neuen CD wurden bereits missverstanden, da ich mich nicht für einen Gegenentwurf zu Techno ausspreche, sondern zu dem, was aus Techno geworden ist. Dennoch erleben wir heute sehr spannende Zeiten, da sich der Techno-Begriff noch weiter öffnet als jemals zuvor.
mw: Wie entstand denn das neue Album? WestBam: Bei dem Album ging es mir nicht darum, eine CD zu machen, die bei den Dancefloor-Alben in die Mode der Zeit passt. Ich wollte mit meinem musikalischen Hintergrund einen eigenen Musikentwurf mit Tanz- und DJ-Musik gestalten. Dabei dreht es sich nicht ausschließlich um Funktionalität, sondern auch um ein geschlossenes musikalisches Angebot. Deswegen ist „Right On“ ja nicht nur für Techno-Fans gemacht, sondern allgemein für Musikinteressierte.
mw: Wie beurteilen Sie die Techno-Szene 2002? WestBam: Es gibt ein paar Hauptströmungen, zu denen Techno geworden ist, wo ich mich nicht unbedingt zuhause fühle. Am ehesten hat mein Entwurf mit dem zu tun, was derzeit sonst noch aus Berlin kommt, nämlich diese obskur poppigen Sachen wie die Märtini Brös. Aber selbst in diese Szene empfinde ich die Entwicklung so, wie ich sie bereits auf meinem letzten Album vorgestellt hatte. Ich wollte also lieber noch einen Schritt weiter und bereits nach der Alternative dazu suchen.
mw: Vor allem die Presse erklärt zurzeit gern das Ende von Techno. WestBam: Ich erinnere mich, dass man mir das Ende von House bereits 1987 und das Ende von Techno spätestens 1992 erklärt hat. Ich kann das absolut nicht sehen. Der vermeintliche große Einbruch der Loveparade, daran möchte ich einmal erinnern, hatte mit dem Terminproblem letztes Jahr zu tun. Aber das hat nichts mit Techno zu tun, sondern ist eine Loveparade-spezifische Thematik. Und bei der Mayday gibt es überhaupt keine Probleme, im Gegenteil. Nach einem Knick um 1997 ging die Popularität der Veranstaltung wieder steil bergauf. Allein in den vergangenen zwei Jahren konnten wir nicht alle Leute reinlassen, die noch reinwollten.
mw: Und Techno als stilistische Entwicklung? WestBam: In den Segmenten, wo Techno nur langweiliges Gebretter ist, gibt es zwar eine gewachsene und legitime Popularität, die viele Teenies gerade erst entdecken. Aber musikalisch-ästhetisch sehe ich darin keine Revolutionen mehr. Die großen Neuentwicklungen in dem Genre finden in anderen Bereichen statt, etwa in der Inspiration durch deutschen HipHop – was man auch an Acts wie 2raumwohnung oder Mia. festmachen kann. In dieser musikalischen Richtung geht es weiter.
mw: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die aktuellen Coverversionen? WestBam: Diese Art von Covers zielen im schlechtesten Sinne nur auf das Kommerzielle. Da hat man nicht das Gefühl, da hätte irgendjemand Spaß an etwas Neuem, sondern eher nur Spaß am Hithaben, Geldverdienen und Erfolg, egal wie. Als wir 1994 bei Low Spirit Marushas „Somewhere Over The Rainbow“ herausgebracht haben, gab es – in diesem Feld – keine Coverversionen oder auch nur DJs in den Charts. Dieser Track markierte wirklich etwas Neues als eine authentische Form von Popmusik. Dieses ganze aktuelle Cover-Phänomen ist sehr ärgerlich, wird sich aber von allein geben, denn die Leute werden daran nicht ewig Spaß haben.
mw: Sehen Sie einen Trend zurück zur Gitarrenmusik, geraden bei den Jungen? WestBam: Ich wage zu bezweifeln, dass es mehr junge Bands als junge DJs gibt. Wahrscheinlich verteilt es sich relativ gleichmäßig zwischen Kids, die HipHop oder Techno machen oder eben Gitarre spielen. Andererseits merke ich an mir selber: Gitarren sind kein Tabu mehr. Auf „Right On“ habe ich einige eingesetzt. Denn die klassiche Idee von Techno als Maschinenmusik hat in den letzten Jahren tatsächlich nichts besonders Spannendes hervorgebracht. Stattdessen werden aus der Richtung „Techno macht Musik“ neue kreative Ideen kommen – und zwar mit allen möglichen Mitteln. „Musikalisch eine Alternative suchen“ mw: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der DJ Culture? WestBam: Ähnlich wie bei der Technomusik erwarten die Leute hier immer neue Gesichter. Keiner fragt jedoch, warum ein Herbert Grönemeyer nach so langer Zeit immer noch eine Million Platten verkauft. So haben sich eben auch bei den DJs im Laufe der Jahre ein paar große Namen herauskristallisiert. Und wer in die Szene schaut, kann immer wieder neue Leute entdecken. Kritisch sehe ich in der Tat jedoch die Entwicklung zur immer feineren Spezialisierung – wenn DJs die ganze Nacht entweder nur Auf-die-Fresse-Techno, nur Kinder-Coverversionen oder nur minimalistisches Blablabla auflegen. Die Wahrheit ist jedoch, dass man von der Musik eine universellere Aussage erwarten sollte.
mw: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Dance-Branche ein? WestBam: Ich sehe die Entwicklung vor allem aus musikalischer Perspektive. Wir bei Low Spirit wollen Qualität abliefern und hoffen, dass es dann auch ein paar Leute akzeptieren und letztlich auch kaufen. Allerdings hat die Techno-Szene ein bisschen mehr als andere Genres unter dem Bootlegging und der Brennerei zu leiden. Aber wir müssen uns dem stellen wie der gesamte Rest der Branche. Auf die eine oder andere Art muss diese Entwicklung eingedämmt werden. Denn sonst werden die Leute irgendwann voller Schrecken feststellen, dass sie zwar die Musik umsonst bekommen, diese Musik dann aber auch in ihrer Machart dementsprechend billig wird. Die Profis können dann nicht mehr davon leben können und alle Musik kommt nur noch von Feierabendmusikern.
mw: Ist die Konstellation als Indie-Label bei einem Major noch richtig? WestBam: Ja, denn wir haben uns von Anfang an stark um eigene Strukturen bemüht – von der Musik bis zu den Marketingplänen. Ob damals bei Urban oder jetzt bei BMG waren wir schon immer ein Staat im Staat.
mw: Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung? WestBam: Wenn ich beobachte, wie Dance-Labels, die bei Majors angebunden sind, nun massenweise Tracks signen, teure Remixe machen lassen, Videos drehen, die nicht gezeigt werden oder enorme Vorschüsse zahlen, denke ich mir nur: Das wird sich rächen. Wir bei Low Spirit haben immer auf einen sehr kleinen Künstlerstab gesetzt und immer darauf geachtet, nur vernünftige Deals abzuschließen. Und wenn man bei einer Newcomerformation für eine LP, die man noch nicht gehört hat, 100.000 Euro auf den Tisch legt, wird das auf Dauer keine Früchte tragen. Und gibt es seit 1985 und wird es auch noch nächstes Jahr geben.


