Musik

Im Gespräch: Marcus Adam, Leiter Talent & Music bei MTV und MTV2 Pop:

„Wir suchen nach langfristigem Potenzial mit Ecken und Kanten“

musikwoche.de: Wie verläuft die Zusammenarbeit mit den Plattenfirmen?

Marcus Adam: Die Zusammenarbeit läuft sehr gut, wir bekommen regelmäßig interessante Angebote von den Firmen, aus denen wir unsere Auswahl treffen. Leider können wir nicht alle angebotenen Themen umsetzten. Das Angebot ist wesentlich größer als die fünf Acts, die wir pro Jahr picken können. Um den Zuschlag zu erhalten, muss der Künstler natürlich stilistisch zu MTV passen, also cool, frisch und auch ungewöhnlich sein. Gleichzeitig sind wir bemüht, verschiedene Genres abzudecken – in diesem Jahr von Rock-Pop wie Sportfreunde Stiller oder Heyday über Electro-Punk wie Mia. bis Hip- Hop wie jetzt bei unserem neuesten Kandidaten Kool Savas.

mw: Was müssen die Künstler mitbringen?

Adam: Wir suchen nach langfristigem Potenzial. Ecken und Kanten schrecken uns nicht. Ein Act wie Mia. konnte im Vorfeld nicht unbedingt auf eine breite TV- oder Radiounterstützung hoffen. Uns ging es hier um das Besondere, die Andersartigkeit und einen frischen Wind – gepaart mit hoher Affinität zum Sender. Das ist uns bei Mia. mit Sicherheit gelungen.

mw: Was bezwecken Sie mit dem Programm Artist Development?

Adam: Unsere Förderung ist langfristig ausgelegt. Indem wir jedes Thema über ein komplettes Album mit bis zu drei Single-Auskopplungen begleiten, bieten wir einem Act die nötige Ruhe, um ohne Druck zu wachsen und gedeihen. Natürlich wünschen wir uns dabei, dass die neue Band wahrgenommen wird und auch die Platten gekauft werden, ein Charts-Entry in den Top Ten ist aber nicht unser primäres Ziel. Wir wollen den Act übers Jahr begleiten, ihm die Sicherheit für einen fundierten Aufbau geben. Auch Ausnahmekünstler wie Grönemeyer hatten nicht von heute auf morgen ihre erste Goldene im Schrank stehen.

mw: Was hat MTV von der Aktion?

Adam: Auf den ersten Blick bringt es nicht viel: keine höheren Ratings und keine besseren Umsätze. Aber die Früchte dieser Arbeit werden in einigen Jahren zu ernten sein, wenn die hiesige musikalische Landschaft auch in den kommenden Jahren abwechslungsreich und bunt blüht.

mw: Wo liegen genau die Hauptunterschiede zum Viva-„Schlüpfer“?

Adam: Wir haben uns intern schon zu einem frühen Zeitpunkt mit der Newcomer-Problematik befasst und als erster Sender ein umfassendes Programm entwickelt. Andere Sender sind nachgezogen.

mw: Ist Ihre Aktion langfristig angelegt?

Adam: Wir werden sie auch im kommenden Jahr fortsetzen. Bisher sind wir mit dem Verlauf sehr zufrieden. Das Feedback seitens der Industrie und auch der Künstler selbst ist durchweg positiv. Denkbar wäre es, die Aktion in Zukunft auf noch breiterer Basis – etwa in Verbindung mit dem Radio – stattfinden zu lassen.