Musik

Im Gespräch: Johannes Kernmayer, A&R-Manager und Produzent des Labels Capriccio

Capriccio behauptet sich seit 20 Jahren als unahängiges Klassiklabel von Delta Music. Dabei setzt der Zwei-Mann-Betrieb auf anspruchsvolles Nischenrepertoire und behauptet damit seine Stellung.

musikwoche.de: Das Petersen Quartett wird mit der CD „Werke von Ravel/Milhaud/Lekeu/Chausson“ den zehnten Echo für Capriccio gewinnen. Sind Sie zufrieden mit diesem Erfolg?

Johannes Kernmayer: Ein Echo ist immer eine ganz besondere Anerkennung: zum einen für die Arbeit, die man macht und natürlich auch für den Künstler selbst. Ich bin sehr froh, dass diesmal das Pertersen Quartett zu den verdienten Gewinnern zählt. Immerhin stellt es eines der führenden jungen Streichquartette unserer Zeit dar. Die vier Musiker werden auf internationaler Ebene bereits groß gefeiert. Sie haben gerade ihre zweite USA-Tournee mit Erfolg absolviert; zudem geben sie regelmäßig Konzerte in Frankreich, Spanien, England und Italien. Natürlich freue ich mich sehr, dass das Petersen Quartett jetzt auch in Deutschland so erfolgreich ist, zumal es gerade in unserem Land jede Menge gute Streichquartette gibt und die „Konkurrenz“ daher groß ist.

mw: Das Petersen Quartett gehört zu den Vorzeigekünstlern von Capriccio, oder?

Kernmayer: Das ist richtig. Das Petersen Quartett hat Ende der Achtziger mit Einspielungen für Capriccio begonnen, und wir werden auch den Beethovenzyklus jetzt vervollständigen. Ganz einfach deshalb, weil er so viel Beachtung und Anerkennung findet. Vornehmlich aber arbeiten wir mit dem Petersen Quartett im Non-Mainstream-Repertoire; dazu zählen etwa Quartette von Erwin Schulhoff sowie Quartette von Ernst Krenek, teilweise auch Erstaufnahmen. Durch diese Aufnahmen erlangte das Petersen Quartett Weltruhm.

mw: Wie lautet das Konzept von Capriccio?

Kernmayer: Wir zählen zu den kleineren Labels, gehören zur Delta Music und sind allerdings immer noch völlig unabhängig. Capriccio wurde von Delta Music ins Leben gerufen, einer Pattenfirma, die im Budget-Bereich sehr aktiv ist und viele Sonderfertigungen macht. Da war es naheliegend, ein hauseigenes Hochpreislabel zu gründen und hochwertige Klassikaufnahmen auf den Markt zu bringen. Wir investieren viel Geld in teils sehr aufwändige Produktionen und fördern das Engagement junger, aber auch berühmter Künstler. Diese Strategie, sich primär auf ein Nischenrepertoire zu stützen, hat sich in den vergangenen 20 Jahren hervorragend bewährt.

mw: Vor 20 Jahren hat Dr. Winfried Ammel Cappriccio gegründet. Wie gestaltete sich ihre Zusammenarbeit?

Kernmayer: Ich bin 1989 zu Dr. Winfried Ammel dazugestoßen und arbeite jetzt seit 13 Jahren für Capriccio. Bis zu seiner Pensionierung habe ich mit ihm gearbeitet, und er war ein ganz hervorragender Lehrmeister. Sonst könnte ich meine Aufgabe heute nicht bewältigen. Dr. Ammel hat es verstanden, einen sehr guten Künstlerstamm aufzubauen, den ich etwas ergänzt habe. Und mit diesen Künstlern wird kontinuierlich, teilweise schon seit über zehn Jahren aufgenommen, produziert und veröffentlicht. Dazu zählen Leute wie Jochen Kowalski, das Petersen Quartett, Hermann Max und die Rheinische Kantorei, das Liedduo Mitsuko Shirai und Hartmut Höll. Neu bei uns sind der Weltgeiger Vladimir Spivakov und der Dirigent James Conlon. Vor allem die Verkaufszahlen ihrer Produkte machen mir sehr viel Freude. Auch Concerto Köln ist wieder bei uns: Vor zehn Jahren war es zur Konkurrenz gewechselt, jetzt erscheint im September wieder die erste CD bei Capriccio. Diesen Künstlerstamm hegen und pflegen wir.

mw: Wie sehen Sie die Entwicklung auf dem Klassikmarkt?

Kernmayer: Ich kann im Moment, obwohl rundherum so viele Hiobsbotschaften verlautbar sind, das Gegenteil verkünden: Capriccio hat in den vergangenen Jahren und bis heute kontinuierlich zugelegt. Die Ursache für diese – im Vergleich zur übrigen Branche – antizyklische Entwicklung liegt meiner Meinung nach daran, dass wir unseren Schwerpunkt im Non-Mainstream-Repertoire setzen. Ich sehe einfach keinen Sinn, die neun Beethoven-Symphonien jetzt noch einmal aufzunehmen. Die Kunden haben das schon zwei- oder dreimal im Schrank stehen. Ich konzentriere mich lieber darauf, zum ersten Mal Hans Pfitzners „Der armer Heinrich“ herauszubringen oder Kurt Weills Ballett „Die Zaubernacht“ aufzunehmen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Bei solchen Ersteinspielungen hat sich in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass eben für dieses Repertoire ein immenser Anteil an Käufern und Interessenten vorhanden ist.

mw: Capriccio trug 2001 acht Prozent des Nettoumsatzes von Delta Music bei. Setzt sich dieser Trend in diesem Jahr fort?

Kernmayer: Auf alle Fälle. Ich bin sogar auf dem besten Wege, den Anteil noch zu erhöhen. Damit entsprechen wir in etwa den Ergebnissen der Phonoindustrie vom vergangenen Jahr, nach denen der gesamte Klassikanteil am Musikgeschäft etwa acht Prozent betrug.

mw: Schreibt Capriccio schwarze Zahlen?

Kernmayer: Wir liegen im Plus. Wir können es uns leisten, wirklich gute neue Produkte zu entwickeln und diese auch entsprechend zu promoten bzw. zu bewerben. Allerdings hat sich der Markt, im Vergleich zu vor zehn Jahren, verändert. Ich habe die Anzahl der Produktionen und Veröffentlichungen etwas zurückgenommen: lieber klein und fein und diese Produkte dann gut verkaufen. Bis zum Jahr 2006 habe ich die Programmplanung aufgestellt, und wir haben bereits sehr viele fertige Produktionen vorliegen. Da ist natürlich auch die Anzahl der Neuproduktionen geringer. Obwohl wir immer einen sehr langen Vorlauf haben, versuchen wir trotzdem, uns den jeweiligen aktuellen Marktbedingungen anzupassen.

mw: Vor zwei Jahren verließ Capriccio den Vertrieb von EMI. Was gab nach so langer Zusammenarbeit den Ausschlag für diese Entscheidung?

Kernmayer: Wir sprechen hier nur vom Deutschland-Vertrieb. Ich muss fairerweise sagen, dass wir mit EMI Classics zehn Jahre lang sehr gut zusammengearbeitet haben. Aber so ein großer Konzern wie EMI ist natürlich immer bestrebt, vorerst seine Eigenprodukte zu platzieren, was ja in der Natur der Sache liegt. Wir hatten uns einfach vorgenommen, Capriccio mit unseren eigenen hochmotivierten Leuten in Deutschland wieder selbst zu vermarkten. Dass diese Idee so erfolgreich geworden ist, erfüllt uns natürlich ganz besonders mit Stolz.

mw: Wie viele Mitarbeiter hat Capriccio?

Kernmayer: Sie werden es nicht glauben. Das Team von Capriccio besteht im wesentlichen nur aus zwei Mitarbeitern: Gregor Chanteaux als Redakteur und meiner Wenigkeit als Produzent. Natürlich arbeiten aber viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Delta Music indirekt für Capriccio, vom In- und Auslandsvertrieb bis hin zur Lagerhaltung.

mw: Wie viele Außendienstmitarbeiter kümmern sich um den Vertrieb?

Kernmayer: In Deutschland betreuen die fünf Delta Music-Außendienstmitarbeiter Capriccio mit. In der Schweiz ist EMI zuständig, in Österreich vertreibt uns die BMG. In England, den USA und in Frankreich haben wir unsere eigenen Leute. Die Situation in Frankreich ist sehr erfreulich, denn es ist das umsatzstärkste Land für Capriccio. Das lässt sich vielleicht auf die gut funktionierende Ladenstruktur zurückführen. Durch die Fnac-Läden lässt sich klassische Musik immer noch sehr gut platzieren. In Deutschland hingegen gibt es leider nur wenige Häuser, die noch ein Vollsortiment an Klassik führen. Das heißt, es wird auch für unsere Leute immer schwieriger, Klassik in den Handel zu bringen: Wo platziert man also die Hochpreisklassik? Vor diesem Problem stehen aber nicht nur wir.

mw: Wo sehen Sie Wege aus der Krise?

Kernmayer: Unsere Leute, das ist auch ein Vorteil des Eigenvertriebs, sind sich nicht zu schade, selbst in Dörfer zu fahren, in denen es nur einen kleinen Radio- oder Elektroladen mit CD-Regal gibt. Nach einem alten österreichischen Sprichwort sage ich immer: „Kleinvieh macht auch Mist.“ Und das summiert sich dann. Man muss sich immer mehr bemühen, die wenigen Händler, die wir noch haben, zu hegen und zu pflegen und zu sehen, dass man bei diesen seine Produkte präsentieren kann. Sicherlich hoffen wir auch auf den Internetvertrieb. Die Leute von jpc, mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten, machen das zum Beispiel ganz hervorragend. Die haben es geschafft, eine optimale Plattform für den Mailorderverkauf von Klassik aufzubauen. Auch Amazon leistet hier gute Arbeit.

mw: Sind illegale Downloads und Raubkopien eine Problematik, die die Klassik nicht trifft?

Kernmayer: Diese Problematik trifft vor allem den Popbereich und weniger die Klassik. Bei unserem hochwertigen Programm zum Beispiel wollen die Hörer das Libretto mitlesen und das Booklet und den Original-Schuber haben. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass sich jemand eine drei-Stunden-Oper aus dem Internet runterzieht.

mw: Welche neuen Märkte wollen Sie erobern?

Kernmayer: Wir haben viele Anfragen aus aller Welt wie zum Beispiel Australien, Südkorea oder dem Südamerikanischen Raum. Das freut mich sehr, denn es zeigt, dass Capriccio international einen sehr guten Namen hat. Delta Music selbst ist ja in England und Los Angeles mit eigenen Tochterfirmen vertreten, die Capriccio dort auch überaus erfolgreich vertreiben. Und natürlich ergreifen auch wir die Initiative, auf Märkten stärker zu werden, auf denen wir noch nicht so präsent sind. Auf der anderen Seite haben wir aber auch erlebt, dass Händler aus Übersee auf uns zukommen. Ich versuche natürlich, international gutes Programm zu machen, das sich überall gut verkaufen lässt. In Japan haben wir trotz der Rezession sehr gute CD-Absätze verbucht. Dabei helfen zum Beispiel Promotionabende: So gab Jochen Kowalski letztes Jahr in der Suntory-Hall in Tokio ein Konzert, zu dem wir gemeinsam mit unserem Japan-Vertrieb japanische Händler und Musikjournalisten eingeladen hatten – mit anschließendem Empfang im Beisein von Kowalski. Dort konnten wir auch unsere Kataloge und Produkte präsentieren. Diese Aktion haben wir auch mit dem Petersen Quartett in Paris und New York praktiziert, oder – wie vergangenen April – mit James Conlon in Los Angeles. Geschäftspartner und Kunden merken sich so etwas, und das wirkt sich positiv aus.

mw: Seit Juli sind Delta Music und Capriccio in Deutschland online. Welche Zielgruppe wollen Sie mit ihrem Internet-Auftritt ansprechen?

Kernmayer: Eine gute Website sollte Händler und Musikhörer gleichermaßen ansprechen. Natürlich ist unser Anliegen nicht nur rein kommerziell gedacht; wir wollen zwar so viel wie möglich verkaufen, die Online-Seite soll uns aber auch dabei helfen, unser großes Programmangebot zu bewerben. Und ohne uns loben zu wollen, machen wir hier bestimmt auch ein wenig Bildungspolitik. Zum Beispiel bieten wir aktuell eine Händleraktion bei einem Großteil unserer Opernaufnahmen an. Dadurch sehen unsere Kunden vielleicht, dass neben Mozart zum Beispiel auch Herr Zemlinsky schöne Opern geschrieben hat. Dessen „König Kandaules“ gehört zum diesjährigen Programm der Salzburger Festspiele, und wir bieten weltweit die einzige Aufnahme an. Mit unserem Programm versuchen wir einfach, die „Discothek“ des interessierten Klassikkunden gezielt zu erweitern.

mw: Wollen Sie künftig auch Schwerpunkte bei DVDs setzen?

Kernmayer: Beim Thema DVD machen wir ganz vorsichtige Schritte. Ich lasse die Finger von abgefilmten Konzerten, weil mir viele Händler gesagt haben, dass diese sich nicht gut verkaufen. Aber alles, was eine szenische Umsetzung braucht, wie Oper oder Ballett, geht bereits hervorragend. Und nachdem wir uns als kleineres Label die großen Opernaufnahmen nicht immer leisten können, präsentieren wir eben interessante Dokumentationen. Also Porträts von unseren Künstlern, Backstageberichte oder breitgefächertere Sammelthemen.

mw: Das heißt, sie gehen das Projekt DVD sehr filmisch an?

Kernmayer: Der Schwerpunkt liegt eigentlich immer bei der Musik. Es geht jetzt nur darum, Repertoire gezielt aus unserem riesigen Musikarchiv zu nehmen und dieses mit unseren Künstlern filmisch interessant aufzubereiten. Zum Beispiel haben wir die USA-Tour des Petersen Quartetts mit einem Filmteam begleitet. Vom morgendlichen Zähneputzen bis zum abendlichen Bier nach dem Konzert ist alles mit drauf. Dem Quartett hat das sehr großen Spaß gemacht. Wir suchen uns da auch nicht nur die schönen Stellen heraus. Der Kunde kann ruhig mitbekommen, wie die Quartettmitglieder sich in den Proben ab und zu fetzen, wenn es um Interpretationsfragen geht. Es soll ein lockerer, netter Tour- und Hintergrundbericht in 70 minütiger Länge sein. So ein bisschen Boulevardcharakter kommt immer gut an. Ich denke, dass die Kunden auch gern wissen wollen, was die Petersens nach dem Konzert machen, wie man aus Sicht der Musiker so eine Tournee erlebt, die ja nicht immer ein einfacher Spaziergang ist. Der Titel lautet „Petersen Quartet – on Tour“ und beinhaltet viele Specials und Impressionen aus dem Aufnahmestudio von der letzten Krenek-Produktion.

Die ersten drei DVDs kommen voraussichtlich bereits am 15. September auf den Markt. Dazu zählen „100 Meisterwerke der klassischen Musik und Malerei“ als Doppel-DVD-Set und „Mystik des Ostens – Aus russischen Klöstern und Kirchen“, eine Dokumentation über das russische Osterfest im tiefsten Sibirien, die wir zusammen mit dem ORF produziert haben. Natürlich mit viel Musik von Rachmaninov, Tschaikowsky oder Bortnjansky. Und da ich das Bestreben habe, dass auch die Umsatzahlen der DVD stimmen, erscheint noch ein sehr schönes und sehr emotionsgeladenes Programm mit dem Titel „Christmas Boulevard – Das große Weihnachtskonzert“, mit Jochen Kowalski, den Wiener Sängerknaben oder dem Tenor Peter Svensson sowie Auszügen aus dem Nussknacker Ballett. Die nächsten DVDs folgen dann am 15 Januar 2003. Bis dahin haben wir dann hoffentlich auch den sehr aufwändigen Film über das Petersen Quartett fertiggestellt.