musikwoche.de: Bislang wurden über zweieinhalb Millionen Exemplare von „Mensch“ verkauft. Wie überraschend kam für Sie dieser Erfolg?
Herbert Grönemeyer: Völlig überraschend. Für mich gab es einfach das elementare Interesse, dass ich es hinkriege, wieder eine Platte zu machen. Wir hörten zwar von der Krise drumherum, wie der Markt einbricht, zum Beispiel vom Kopieren. Aber man denkt selber gar nicht so weit – sondern macht eine Platte und ist stolz, wenn sie fertig ist. Das war das wichtigste Ziel. Doch dann ging die Single plötzlich überfallartig direkt auf eins, was wir vorher noch nie hatten, und dann kam alles andere – das kann man selber noch gar nicht alles so schnell einschätzen, es überrennt einen. Für mich ist das alles noch gar nicht fassbar.
mw: Ganz Deutschland singt mit, wenn Grönemeyer singt – was ist das für ein Gefühl?
Grönemeyer: Es ist überwältigend, diese Zustimmung und auch Zuneigung. Aber es ist auch einfach die Musik, die Zuspruch findet – und darüber freut man sich, auch wenn es dauert, bis man es richtig realisiert. Ich bin wirklich überwältigt. Es fühlt sich alles sehr verblüffend an, und natürlich auch sehr schön. Für mich war die erste Woche, als das Album herauskam, am besten: Zu merken, wie das auf Zustimmung stößt, auch in Österreich und der Schweiz, das war fast der schönste Moment. Und das Maß der Zustimmung machte uns fassungslos. Ich habe die Promotion zusammen mit Alex Silva gemacht, mit dem ich damals auch „Bleibt alles anders“ produziert habe – an seinen Augen kann ich die Freude immer am besten ablesen, denn der freut sich immer so unglaublich. Und es ist schön, wenn man die Freude teilen kann. Für mich selber ist das immer noch schwierig, was sicher auch mit meiner Geschichte zu tun hat; die ganz großen Emotionen fallen mir immer noch sehr schwer.
mw: Wenn man sich den Erfolg von „Mensch“ ansieht, könnte man meinen, die Musikbranche stecke gar nicht so sehr in der Krise. Trügt dieser Eindruck? Warum wachsen so wenige deutsche Stars nach?
Grönemeyer: Es gibt zwei Faktoren, die miteinander zu tun haben. Ich halte zwar nicht viel von einer deutschen Quote, wohl aber von einer Newcomer-Quote. Früher haben die Radioredakteure Sachen gespielt, die sie selber entdeckt oder in Plattenläden gefunden haben. Inzwischen wird das Programm so stark von Computern gemacht, dass es nur noch wenige Sendungen gibt, wo man als Hörer wirklich neue Sachen entdecken kann. Ich bin nicht für eine deutsche Quote – aber jeder Sender müsste eine Newcomerquote einführen. Newcomer sollten einfach mal einen Monat lang laufen, genauso wie auch Hits gespielt werden. Es wäre doch schon eine große Hilfe, wenn man beim Einschalten des Radios neue Sachen hören könnte.
mw: Und der zweite Faktor?
Grönemeyer: Auf der anderen Seite haben die Plattenfirmen in der Hoch-Zeit Anfang der Neunziger durch ihre CD- und Compilation-Umsätze ein bisschen auch die Geduld und den Rhythmus verloren. Einen Künstler aufzubauen, dazu braucht man viel Zeit und langen Atem und einen Plan – und auch Konstellationen wie Studios und Produzenten, mit denen man arbeitet, Teams, die sich mit Musik beschäftigen, die über Qualität reden. Mit der Krise ist natürlich viel Angst in die Plattenfirmen eingezogen, es gibt immer weniger, die sich trauen, Verantwortung zu übernehmen; man hat nicht mehr den langen Atem und die Vision, einen Künstler zu entwickeln, zu sagen, der macht drei Alben bei uns, und wir kümmern uns um den, Tag für Tag, und lassen uns Zeit für die Alben und längere Intervalle für ihre Veröffentlichung. Und man hat in der Phase der großen Erfolge die A&R-Abteilungen runtergefahren, was sich jetzt rächt. Deshalb kommen die kleinen Labels immer mehr nach vorne, die spezialisiert sind und unter einem anderen Geist arbeiten können.
mw: Was lässt sich dagegen denn tun?
Grönemeyer: Man muss wieder viel mehr über Inhalte und Qualität sprechen, das ist der Punkt: Über Musik reden und Musik sich entwickeln lassen und Teams zusammenbauen, die Verständnis haben, mit Künstlern umgehen können und ihnen eine Heimat bieten. Sicherlich trägt auch das Internet zur Krise bei; durch Downloads und die Kopiererei ist der Umsatz natürlich wahnsinnig runtergegangen. Ich bin fast umgefallen, als ich hörte, dass es auch bei uns an die zwei Millionen Kopien aus dem Netz gegeben haben soll.
mw: Von „Mensch“?
Grönemeyer: Ja, eine wahnsinnige Dimension. Aber grundsätzlich berührt das einen zentralen Punkt: Als Musiker denke ich, man muss eben komplette Alben machen und zum Beispiel mit Newcomern so lange daran arbeiten, bis man ein volles, spannendes Album hat. Man muss wieder viel mehr über Inhalte sprechen. Das ist verloren gegangen, als die Branche geboomt hat, denn da hat man sich nicht mehr so viel über Musik unterhalten. Die Musik selber, die jungen Künstler – das gibt es nach wie vor.
mw: Was fehlt?
Grönemeyer: Es gibt den Rahmen, die Leute, die sich um die jungen Künstler kümmern, nicht mehr in dem gleichen Maße wie früher, speziell nicht bei den großen Plattenfirmen. Auch ein A&R-Mann muss die Zeit haben, sein Handwerk zu lernen. Man kommt ja nicht in eine Firma, und ab morgen signt man einen Hit nach dem anderen. Es dauert doch Jahre, bis jemand einen Beruf richtig kann. Diese Zeit müssen sich die Plattenfirmen nehmen – aber sie kennen das fast nicht mehr.
mw: Sie sagen, Plattenfirmen müssen dem Künstler eine Heimat bieten. Das scheint bei Capitol/EMI und Grönemeyer der Fall zu sein, denn immerhin sind Sie schon ziemlich lange zusammen. Gab es nicht manchmal auch verlockende Angebote von anderen Plattenfirmen? Fühlen Sie sich wirklich so heimisch in Köln?
Grönemeyer: Ja, doch. Wir sind miteinander groß geworden. Ich bin bei „Bochum“ mit dem Vertrieb losgezogen und habe in den Läden Prügel einstecken müssen, weil keiner am Anfang die Platte haben wollte. Ich bin jetzt mit Sylvia Kollek und dem Team im Wesentlichen seit „Cosmic Chaos“ zusammen – das ist eine gewachsene Familie. Ich hänge an der Firma, wir gehören zusammen. Wir sind ein Team, und wenn wir zusammen arbeiten, dann kommt dabei auch was heraus. Das hat immer gut funktioniert und funktioniert auch jetzt wieder. Natürlich gibt es auch immer wieder attraktive Nebenbuhler – aber damals in einer schweren Situation hat mir zum Beispiel auch Ken Berry sehr geholfen. Und wenn ich mich über den Erfolg von „Mensch“ freue, dann freue ich mich natürlich auch für die Firma. Denn das bringt für Capitol/EMI auch wieder neue Dynamik. Kein Zweifel: Das ist meine Heimat und meine Firma.
mw: Wie wichtig ist dabei Ihr eigener Backkatalog? Für „Bochum“ haben Sie mit Capitol einen neuen Lizenzvertrag ausgehandelt. Wie kam es dazu?
Grönemeyer (lacht): Ich werde jetzt nicht über Vertragsdetails reden. „Bochum“ ist jetzt auf meinem Grönland-Label, mehr werde ich dazu nicht sagen.
mw: Mit der Wiederveröffentlichung der drei Neu!-Alben ist Ihrem Label Grönland ein großer Coup gelungen. Wäre es nicht eine schöne Idee, den Backkatalog von Kraftwerk einer Generalüberholung zuzuführen?
Grönemeyer: Kraftwerk ist bei der EMI, die kriege ich nicht. Neu! war sicher ein Glücksfall, und ich bin sehr froh darüber, dass mir das gelungen ist. Ich habe versucht, Klaus Dinger und Michael Rother zusammenzubringen, was mir für eine gewisse Zeit auch gelungen ist. Unser großer Vorteil ist, dass wir langsam arbeiten können – zwar mit niedrigen Budgets, aber wir können dafür musikalischen Input geben. Das hat damals auch Neu! überzeugt, von deren Katalog wir weltweit übrigens 110.000 Stück verkauft haben, was wirklich nicht schlecht ist.
mw: Wenn die Zeit reif ist, macht man es. Und es steckt kein Zeitdruck dahinter?
Grönemeyer: Richtig. Und immer mit der Vision, dass wir mindestens zwei Alben machen, manchmal auch drei, das garantieren wir. Ich habe selber vier Alben gebraucht, bis ich Erfolg hatte, und denke, jede Band braucht mindestens zwei, wenn nicht drei Alben, um Selbstbewusstsein aufzubauen und Identität zu finden.
mw: Das klingt wie die Antithese zu den TV-Casting-Bands wie No Angels oder auch „Deutschland sucht den Superstar“. Oder ist das auch ein Weg mit Zukunft?
Grönemeyer: Das ist kein Weg, das ist allenfalls ein Medienpfad. Da kann man, wenn man Glück hat, einen Sänger finden, aber mit musikalischer Entwicklung hat es gar nichts zu tun. Ich finde das auch langweilig, es interessiert mich nicht. Aber man sollte nicht darüber jammern, das ist ein Zeitphänomen. Mit meinem Verständnis von Musik hat es indessen überhaupt nichts zu tun.
mw: Was finden Sie im Rückblick am Jahr 2002 am bemerkenswertesten?
Grönemeyer: Allgemein bin ich ja Optimist; ich glaube, eine Krise hat immer auch einen Vorteil, bringt was Positives. Man besinnt sich zurück, man will wieder pure Musik hören, lernt wieder ein komplettes Album zu schätzen. „Come Away With Me“ von Norah Jones ist zum Beispiel ein sehr schönes, pures, durchkomponiertes Album, ganz einfach und schlicht. Man sehnt sich wieder nach Musik, die Seele hat. In jeder Krise steckt auch was Gutes. Das ist mein Glauben, der auch was mit meiner persönlichen Erfahrung zu tun hat. Zum Ende des Jahres merkt man, dass alles wieder substanzieller wird; man fängt wieder an, über Inhalte nachzudenken.
mw: Was kommt demnach in 2003 auf uns zu?
Grönemeyer: Da werden die ersten Früchte dieser Entwicklung kommen. Es wird wieder substanziellere Platten geben, und vielleicht besinnen sich auch die Medien, vor allem die Radiostationen, wieder darauf, dass sie auch ein Bestandteil davon sind. Und vielleicht helfen auch die Plattenfirmen mit, dass diese Entwicklung weitergeht und alles wieder etwas weniger Hype und mehr Substanz hat.
mw: Haben Sie schon überlegt, was Sie sagen werden, wenn Sie im Februar in Berlin Ihren Echo in Empfang nehmen?
Grönemeyer (lacht): Was ich sagen werde, weiß ich noch nicht. Keine Ahnung. Gucken wir mal, was bis dahin passiert. Noch hab‘ ich den nicht.




