Musik

„Ich habe Angst vor Schweinebauchverkäufern“

Wolfgang Niedecken – seit 25 Jahren feste Größe im Geschäft und Freund klarer Worte. Diese findet der BAP-Frontman auch zur Branchen-Krise.

“ Haben Sie bereits Niel van Hoff, den Chef Ihrer Plattenfirma, kennengelernt?

Wolfgang Niedecken: Nein, bislang noch nicht. Und auch Udo Lange habe ich erst knapp zwei Wochen vor dem Zeitpunkt, bevor er geschasst wurde, richtig kennen gelernt. Wir waren uns zuvor mal auf einer Präsentation von Joe Cocker begegnet, sind dann aber einen Abend essen gegangen und haben uns ausgetauscht. Und ich kann nur sagen: Udo ist ein sehr angenehmer Musikmann. Ich habe allerdings große Angst, dass wir in Zukunft in der Plattenindustrie nur noch Schweinebauchverkäufer haben, denen egal ist, womit sie handeln. Das ist eine Entwicklung, die mich sehr besorgt. Das ist nur ein Symptom einer gesellschaftlichen Krankheit.

“ Lähmt die Angst in den Firmen kreatives Arbeiten?

Ja. Glücklicherweise haben wir bei der EMI noch einige Leute, die richtig mit uns in der Kurve liegen. Wir sind dort nun seit 23 Jahren und damit in Deutschland wohl der langlebigste Act der EMI. In dem Haus läuft keiner herum, der länger dabei ist als ich. Viel mehr Sorgen macht mir, wenn irgendwann der nächste Merger kommt und EMI vielleicht mit Uhu zusammen geschlossen wird. Dann sitzen da irgendwelche Strategen, die überhaupt nichts mit BAP zu tun haben – und für die müssten wir dann ein Album machen. Das wäre wirklich herb.

“ Sie haben noch mit Helmut Fest und Heinz Canibol zusammengearbeitet. Hat sich seit dieser Zeit etwas geändert?

Es ist nicht schön, diese Umbrüche persönlich mitzuerleben. Auch wenn es bei Helmut, der sich seinerzeit gleichsam privatisiert hat, etwas anderes war als mit Heinz, der damals weggekürzt wurde. Denn er war wirklich ungeheuer beliebt und hat uns sehr viele Sachen ermöglicht, für die ich ihm nach wie vor sehr dankbar bin. Heinz war wirklich ein Traumplattenboss, den ich sofort mit Kusshand wieder nehmen würde. Aber darüber habe ich nun wirklich nicht zu entscheiden…

“ Steckt hinter diesen Prozessen ein Jugendwahn?

Selbst ich bin nun seit sieben Jahren außerhalb der zu bewerbenden Zielgruppe für irgendetwas. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, und wenn man mit denkenden Menschen darüber spricht, ist es eigentlich redundant. Denn jeder weiß, dass diese Entwicklung völlig schwachsinnig ist. Aber in der Realität besteht sie eben. Die gleiche Ambivalenz spiegelt sich auch in der Radiolandschaft wider: Man kommt in eine Redaktion, unterhält sich mit den Leuten, die da sitzen und erfährt, dass sie unser neues Album privat gern auflegen. Aber in die Playlist kommt es nicht – mit der Begründung, unsere Songs würden sich zu sehr von den 30 Songs absetzen, die dort den ganzen Tag zwischen Flensburg und Kufstein laufen.

“ Ist denn die Radiolandschaft wirklich so schlimm?

80 bis 90 Prozent der Sender spielen nicht mehr das, was sie für gut halten. Ich hoffe immer noch, dass ich einmal in einem Studio den „Last DJ“ treffe, wie ihn Tom Petty auf seinem letzten Album so schön beschrieben hat: der spielt, was ihm gefällt und nicht nur die Shakiras dieser Welt rauf- und runterjagt.

“ Wie sehen Sie die heutige Entwicklung in der Musikbranche insgesamt?

Die heutigen Plattenfirmen sind Teile von Konzernkonstrukten, die vom eigentlichen Musikbereich hinübergehen bis in die Elektronik- und Hardware-Industrie. Das heißt, auf der einen Seite werden CDs hergestellt, aber im gleichen Konzern gibt es auch die Brenner, die für den Niedergang der Tonträger mitverantwortlich sind. Hier haben die Firmen genauso geschlafen wie bei den Downloads. Als die Download-Technologie entwickelt wurde, hat offenbar keiner daran gedacht, sie so zu entwickeln, dass auch der Urheber von geistigem Eigentum etwas davon hat. All dies hat die Industrie vermurkst und ausgesessen.

“ Und warum ist das so?

Das liegt vielleicht daran, dass die Industrie lieber Hardware verkauft, schließlich wächst neue Software immer wieder nach. Da brauchen wir einfach nur bis zur nächsten „Deutschland braucht das Superhuhn“-Veranstaltung zu warten. Schnellschüsse gibt es ohne Ende, die kann man dann bequem entsorgen, dort gibt es keine langfristigen Verträge. Dabei wäre es so wichtig, in Deutschland wieder echte Künstler aufzubauen.

“ Woran lässt sich der Wandel in der Industrie noch festmachen?

An den Budgets. In dem einen Monat, in dem wir im Studio an der Produktion gearbeitet haben, gingen dort Bands ein und aus, um im Nebenstudio aufzunehmen. Und ab und an kamen Musiker zu uns rein und staunten, dass wir tatsächlich mit einem echten Schlagzeug spielten. Dass Musiker zusammen Musik machen, gibt es eigentlich nicht mehr. Das meiste wird in winzigen Studios mit Computer und Synthesizern zusammengefummelt, was für die Firmen natürlich günstiger ist. Deswegen haben sie im Laufe der Jahre die Budgets immer weiter gekürzt, wodurch die Lage immer enger wird. Und selbst wir als BAP stehen natürlich in Konkurrenz zu denjenigen, die es ganz billig hinbekommen.

“ Was für ein Fazit ziehen Sie daraus?

Insgesamt ist alles viel zu kurzfristig gedacht. Ich kenne eigentlich keine andere Branche, auf die der alte Spruch so sehr zutrifft – aber die Musikindustrie sägt in vollem Bewusstsein an dem Ast, auf dem wir alle sitzen.

“ Würden Sie Herbert Grönemeyer Recht geben, der den Gang an die Börse für den größten Fehler der Industrie hält?

Das war in der Tat unglaublich. Wie kann man mit so etwas wie Musik an die Börse gehen? Es ist schon schlimm, wenn ein Fußballverein an die Börse geht, und auch die Musikindustrie hat dort nun wirklich nichts verloren. Man macht sich von Quartalsberichten und den Aktionären abhängig, die irgendwo in einer Versammlung sitzen und ihre Dividende einstreichen wollen. EMI war zwar seit jeher an der Börse, aber das in Zeiten, als man im Musikbereich noch anders unterwegs war.

“ Hat BAP jemals überlegt, wie die Toten Hosen oder die Ärzte ein eigenes Label zu gründen, alles selbst zu machen und nur noch einen Vertriebsdeal mit den Majors zu schließen?

Darüber haben wir niemals nachgedacht. Denn wenn man so arbeitet wie wir, muss man sich darauf konzentrieren, dass man als Künstler qualitativ etwas Gutes herstellt. Und ich weiß, dass die Leute in unserem Umfeld sich um den anderen Krempel kümmern. Ich bin keiner, der die Plattenfirmen neu organisiert. Mit dieser Zielsetzung bin ich nie angetreten. Es tut zwar weh, die jetzige Entwicklung mitanzusehen, aber meine Hoffnung liegt darin, dass irgendwann ein radikaler Umbruch einsetzt und eine Gegenkultur einen neuen Umgang und auch neue Medien findet. Aus der Asche wird ein Phoenix aufsteigen, an den wir jetzt noch gar nicht denken.