“ Wie kam es zum aktuellen Album „Panikpräsident„?
Udo Lindenberg: Wir haben vor zwei Jahren mein 30-jähriges Jubiläum als Schallplattenkünstler gefeiert, jetzt geht es um den 30. Jahrestag des Panikorchesters, das wir im Herbst 1973 gegründet hatten. Das Album ist eine gegenseitige Verneigung des Panikorchesters und meiner Seite. Denn diese Band ist wie ein Sonnensegel, in das ich mich hineinlegen kann und nichts als panische Thermik spüre.
“ Wie verlief der Produktionsprozess?
Wir haben alles live eingespielt – ganz ohne Computer. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Als Musiker haben wir im Lauf der Jahre viel experimentiert. Da gab es auch für mich endlose Wunderwelten zu entdecken. Denn wenn es neue Instrumente gibt, und das waren Computer für mich, nutzt man diese auch. Aber für diese Produktion sind wir zum legendären Panikorchester zurückgekehrt. Denn diese Band ist einfach phantastisch: Sie macht ordentlich Druck und spielt einen dermaßen konsequenten harten Rock – das ist für mich immer wieder eine Offenbarung. Wir sind drei Wochen mit den Jungs ins Studio nach Großhansdorf gegangen und haben das Zeug einfach reingeballert. Und dabei waren auch alle ständig vor Ort, so WG-mäßig wie in den alten Hippie-Zeiten. Man kann sagen, wir haben mit den Songs richtig gelebt.
“ Wie fühlt man sich als „lebende Legende“ – empfinden Sie das als Last?
Nein, ich finde das schön und wunderbar, wenn man so durch die Zeiten wandert und dabei immer offen bleibt für Neues, auch beim kulturellen Klima. Es ist spannend, aus meiner Position mitzubekommen, was sich im Lande auch geistig geändert hat. Dagegen setzen wir unsere Songs wie „Sie brauchen keinen Führer“ oder „Straßenfieber“, die mit ihren Ansätzen für eine ganz bestimmte Position stehen. Das wollen wir auch weiterhin nach vorn powern. Zudem ist es sehr schön mitzuerleben, dass etwa bei unserer letzten Live-Produktion „Atlantic Affairs“ sehr viele junge Künstler wie Yvonne Catterfeld mitgewirkt haben. Das ist mir sehr wichtig, denn auf diese Weise bleibt das Unternehmen jung, neugierig und nach vorn gerichtet. Wenn wir nur unseren alten Streifen pflegen und ein Panikmuseum aufmachen würden, wäre das schrecklich. Nein, wir bleiben im Paniklaboratorium und betreiben experimentelle Wissenschaften.
“ Kaum ein anderer deutscher Künstler war so fleißig wie Udo Lindenberg. Sie haben fast jedes Jahr mindestens eine Platte veröffentlicht. Woher kommt dieser Schaffensdrang?
Dieses Werk ist einfach so entstanden, darüber denke ich gar nicht so viel nach. Viel schöner ist doch, dass es immer weitergeht. Meine Schaffenskraft lässt in keiner Weise nach, ganz im Gegenteil. Ich gehe nach wie vor sehr gern ins Studio, singe sehr gern, gehe gern auf die Bühne, produziere gern Bühnenshows.
“ Gab es nie Bedenken von den Marketing-Abteilungen, dass bei einer Produktionsdichte wie der Ihren die einzelne Platte in der Omnipräsenz des Werks verschwindet?
Bei der Produktion darf das nie eine Rolle spielen, denn da geht es um nur um die Lust am Kreieren. Man muss fühlen, was in einem stürmt und drängt. Wenn ein Lied in mir wächst und ready ist – dann muss es einfach das Licht der Welt erblicken. Da kann mir kein VÖ-Stratege kommen und sagen, das wäre jetzt aber unklug, die Platte zu machen. Ich habe zwar immer wieder gehört, dass es für den Markt schwer verträglich sei, so viele Dinger herauszubringen. Aber das habe ich nie ernst genommen.
“ Gibt es unter all diesen Platten auch besonders geglückte oder missratene Kinder?
Es ist zu früh, das zu beurteilen. Da fehlt mir einfach noch die Distanz. Aber natürlich gibt es im nachhinein wie bei einem Film Momente, von denen man merkt, hier war die Spannung etwas schlaffer, hier haben wir das Licht falsch gesetzt oder hier stimmte der Ton nicht. Gut, ich habe zwar meine Lieblingsplatten und dann auch Platten, die ich… nun ja. Aber es passiert immer wieder, dass ich gerade diese Platten dann drei Jahre später mit einem Frischohr auflege und sie plötzlich ganz spitze finde. Das gilt etwa auch für unseren Film „Panische Zeiten“, den wir damals nicht für gelungen hielten, weil alles sehr spontifex und panikmäßig ablief. Aber auch Chaos gebiert Großes, denn gerade weil wir es nicht gelernt hatten, kann dadurch etwas Tolles entstehen. So habe ich den Film neulich auf einem Marktplatz in Weimar noch einmal gesehen und gemerkt, dass die Leute das für Ober-Kult halten.
“ Haben Sie Angst vor dem too old to rock’n’roll, too young to die?
Nein, überhaupt nicht. Früher gab es im Jazz oder im Chanson auch Künstler, die 60 oder 70 waren – alles kein Problem. Nur Rock’n’Roll galt immer als Jugendkultur. Das hat sich heute, wo die ersten Pioniere bereits im hohen Alter sind, geändert. Ich bin nun 57 und habe mit dem Altern kein Problem. Rock’n’Roll ist keine Jugendkultur mehr, sondern Kultur für alle. Der biologische Zufall spielt keine Rolle mehr.
“ Sie waren in 30 Jahren mit Ausnahme der EMI bei allen heutigen fünf Majors unter Vertrag. Was hat sich in dieser Zeit bei den Plattenfirmen geändert?
Bei den Firmen hat sich gar nicht so viel geändert. Ich glaube aber, dass es innerhalb dieser Firmen mal Leute gab, die mehr auf Kunst achteten, und dann wieder Leute, die mehr auf Profit-Center guckten. Es gab immer schon die Sanierer, dann wieder die Entdecker und Scouts, die Neugierigen und die Fänger im Underground. Ich habe bei allen Firmen, bei denen ich war, solche und solche getroffen. Dennoch muss ich schon sagen, dass bei den Firmen heute viel zu sehr die Angst regiert. Um Acts über längere Zeit aufzubauen, fehlt meist der Atem. Heute läuft alles über schnelle Acts – ex und hopp und weg. Wie am großen Roulette-Tisch wird der Chip geworfen, und wenn er nicht trifft, heißt es Arschtritt, der Nächste bitte. Schicksale und Menschenseelen sind egal. Mit dem Rechenschieber im Genick wandert alles in den Gezeitenwolf. Das finde ich sehr schade, sehr brutal, aber auch blöde und völlig daneben. Denn Deutschland ist ein großer Entertainment-Markt, für den uns die Langzeit-Stars fehlen.
“ Warum ist das so?
Es gibt relativ wenige echte Stars – also Künstler, die ihre eigenen Texte und Songs schreiben, echte Personalities, die etwas zu erzählen haben. Die meisten stehen da, machen etwas Tralala, und das Make-Up ist wichtiger als die Musik. Dann sind sie auf der Bühne und tanzen nur einen Sommer. Das ist grausam. Wir brauchen aber ein Finanzklima, in dem neue Stars aus den Kellern und Übungsräumen wachsen können. Die „Superstars“ bringen das nicht. Selbst ein Instrument zu lernen und kreativ zu werden, ist etwas völlig anderes, als sich in einer Casting-Show hinzustellen und schön zu singen. Das ist doch völlig austauschbar. Ein bisschen Vibrato in der Stimme, so wie es im Lehrbuch steht, reicht nicht. Dadurch entstehen keine die Zeiten überdauernden Stars und auch nichts wirklich Neues. Einen Bob Dylan hätten die abgelehnt – und mich wohl auch.
“ Sehen Sie auch positive Entwicklungen? Etwa im deutschen HipHop, der beim Umgang mit Sprache sicherlich durch die Lindenberg-Schule gegangen ist.
Ich finde klasse, was Jungs wie Freundeskreis oder Jan Delay machen. Dazu habe ich auch Connections und pflege diese. Es gibt einen Austausch zwischen uns und den HipHoppern, auch wenn die Szene bedauerlicherweise nicht mehr so stark ist wie noch vor zwei Jahren. Schade ist auch, dass im HipHop die tiefen Inhalte verloren oder verraten worden sind – zugunsten von Goldkettchen, schnellen Autos, Machotum und diesem ganzen Dreck. Das ist gerade im HipHop besonders schmerzlich, weil diese Musik für mich echt ein Ansatz war. So wie damals Punk und Panik verwandt waren, so könnten auch HipHop und Panik Schwestern und Brothers werden. Aber auch Bands wie Blumfeld oder Tocotronic, die mit Sprache ebenfalls sehr kreativ umgehen, schätze ich sehr. Davon müsste es nur mehr geben.
“ Sind wir der „Bunten Republik Deutschland“, die Sie in vielen Texten propagiert haben, inzwischen näher gekommen?
Ja. Wir sind ein gutes Stück weitergekommen – und es wird auch weitergehen. Als nächstes kommt der Rock’n’Roll-Präsident. Denn die zwar gut gemeinten Sonntagsreden von den Freddies aus der Berufspolitik bringen es nicht. Da müssen ein paar aus der Phantasterei kommen, von Kunst und Kultur. Nicht unbedingt ich – aber einer von uns. Dann wird hier alles bunter, und darauf freue ich mich schon.



