Musik

Hoher Kreativ-Level am persönlichen Tiefpunkt

Frontman Hartmut Engler über das neue Pur-Album, die neue Tour, Kreativitäts-Schübe – und „Superstars“ im Allgemeinen.

“ Die Figur, die grafisch durch euer neues Album führt und eurer neuen Single „Ich denk an dich“ sogar als Magnet-Pin beiliegt, heißt „Männle“. Wie seid ihr darauf gekommen?

Eine Grafikagentur schickte uns einen Coverentwurf für das Album, bei dem dieses Männchen falsch herum steht. Das gefiel uns sehr gut, weil es symbolisiert, dass die Welt auf dem Kopf steht, der Boden unter den Füßen fehlt, und weil es so gut zum Albumtitel „Was ist passiert?“ passt. Wir haben die Agentur dann damit beauftragt, das Männchen in verschiedenen Varianten zu gestalten, so dass es zum jeweiligen Inhalt der 13 neuen Songs passt. Die sind im Cover der neuen CD zu sehen.

“ „Was ist passiert?“ klingt musikalisch vielfältiger und spannender als eure letzten Alben. Habt ihr mehr Spaß beim Aufnehmen gehabt?

Ja, auch wenn es mir persönlich nicht so gut ging, hat die Arbeit am Album uns allen sehr großen Spaß gemacht. Mir ging das Texten sehr locker von der Hand. Wenn man persönlich an einem Tiefpunkt ist, erlebt man scheinbar ein höheres Level an Kreativität. Wenn es einem gut geht, lässt man sich wie die Made im Speck ins Studio treiben, weil es mal wieder an der Zeit ist ein Album aufzunehmen. Bei diesem Album war es uns mal wieder ein Bedürfnis, ins Studio zu gehen.

“ Die meisten eurer Songs schreibst du zusammen mit eurem Keyboarder Ingo Reidl. Wie funktionierte die Zusammenarbeit bei diesem Album?

Wer mich kennt, weiß, dass ich immer ziemlich viel Privates in meine Texte packe. Ingo ist einer meiner besten Freunde, mit dem ich auch viel über Privates rede. Er hat mir Musik geschrieben, von der er dachte, dass sie meiner Gefühlslage am nächsten kommen würde. Das hat so gut funktioniert, dass das Texten sehr leicht wurde.

“ Ist die Musik bei Stücken wie „Bitte lieber Gott“, das am Anfang und am Ende stark an die frühen Genesis erinnert, eine Art Huldigung an eure musikalischen Idole?

Ja, dabei durfte sich Ingo Reidl mal richtig was wünschen. Es ist ein bisschen „old fashioned“, und die meisten Jüngeren kennen das ja auch gar nicht mehr. Ein solches Stück zeigt, dass unsere musikalischen Wurzeln im Artrock liegen. Im hinteren Teil von „Bitte lieber Gott“ wird es ja ziemlich wild. Da ist dann fast schon ein bisschen Fusion dabei.

“ Neben ernsten Songs gibt es auch Songs wie „Doof“ auf dem neuen Album. Wie bist du darauf gekommen?

Das war eins der ersten Lieder, die ich für das Album geschrieben hatte. Der Text ist sehr witzig geworden. Es geht darin um die Leute in Talkshows, die sich anpöbeln und beschimpfen und ihre Beziehungskriege dort austragen. Die gehen mir schon lange auf den Zeiger.

„Kannst du schon etwas über die kommende Tour verraten?

Wir werden nicht mehr auf der Rundbühne spielen, aber die Konzerte werden nicht weniger spektakulär. Wir haben diesmal eine Bühne entworfen, die nach vorn ins Publikum verläuft und von allen Seiten einzusehen sein wird. Außerdem werden wir eine riesige Leinwand hinter die Bühne spannen, was man so von uns bislang noch nicht gesehen hat.

„Was hält der Superstar Hartmut Engler eigentlich von den Superstars, die momentan im Fernsehen gesucht werden?

Als TV-Show mit Unterhaltungswert, ist das Ganze natürlich perfekt. Der Punkt, gegen den ich mich wehre, ist, dass die Musik dabei zweitrangig ist und vollkommen verkommt. Ich habe mir die Endausscheidung auch aufgenommen, weil Talentwettbewerbe immer spannend sind. Früher wurden Leute Superstars, weil sie wirklich etwas Besonderes konnte. Aber dass man dem Publikum jetzt erzählt, dass die Gewinner dieser Wettbewerbe Superstars sind… Vielleicht bin ich in dem Punkt altmodisch. Aber frühere Superstars waren nicht so austauschbar. Und wenn heute jemand so austauschbar ist, dann ist das Etikettenschwindel.