mw: Die EMI hat eine Rosskur durchgemacht und steht erfolgreich wie nie da: BAP auf eins, Gorillaz und Radiohead in den Top Ten. Wie schafft man das? Verschlanken auf der einen Seite und trotzdem erfolgreich sein?
Canibol: Das ist ein Kraftakt, der ohne ausreichende Praxiserfahrung nicht funktioniert hätte. Ich bin aber wahrscheinlich der einzige Geschäftsführer der mittlerweile in drei Konzernen in Deutschland und Österreich tätig war, und der möglicherweise daraus genügend Erfahrung gesammelt hat, um ein Team durch so einen Prozess zu leiten und dabei die Motivation und die Fokussierung hochhalten zu können.
mw: Wie schaffen sie es, bei den Mitarbeitern beliebt zu sein, obwohl sie doch auch harte Maßnahmen ansetzen mussten?
Canibol: Dass funktioniert nur, indem man einerseits den Mitarbeitern über wirtschaftliche Zusammenhänge und Notwendigkeiten reinen Wein einschenkt, sie an Entscheidungsprozessen bis zu einem gewissen Grad beteiligt und sie dann in der Weiterentwicklung der Firma nicht wieder abhängt, sondern sie in die Rolle der Beteiligten lässt.
mw: Das Team ist jetzt wie verschlankt?
Canibol: Als ich anfing, hatte EMI in Deutschland ohne 465 Mitarbeiter. Das sind heute noch 195. Dazu gehören die bedauerlichen Abgänge bei Intercord, die Verselbstständigung unseres Distributions-Centers, wo wir die Arbeitsplätze in der Selbstständigkeit erhalten konnten, und die interne Umstrukturierung, die natürlich auch eine Verringerung des Headcounts bedeutete.
mw: Während der EMI-Konzern in den vergangenen Jahren Einbrüche erlitt, legte der Bereich GSA, seit Sie da sind, ordentlich zu.
Canibol: Der ist erfreulicher Weise stabil, auch durch überdimensionale Erfolge, die meine österreichischen Freunde mit DJ Ötzi erlebt haben und noch erleben, denn der ist gerade an der Spitze der Charts in Dänemark. Sein Erfolg hat uns hier in Deutschland bei der Wiederbelebung kräftig geholfen. Deshalb bin ich und seinem Team doppelt dankbar.
mw: Wir haben in Deutschland derzeit das Problem, dass nicht genügend lokales Repertoire nachwächst, das auch über einen längeren Zeitraum vermarktbar ist. Wie sieht es da bei der EMI aus, wie ist die Repertoire-Ausrichtung in diesem Bereich?
Canibol: Ich will nicht sagen, dass wir es einfacher haben als die anderen Firmen. Aber wir haben – möglicherweise bedingt durch die Tatsache, dass wir im Vergleich zu den anderen Majors weniger, wenn nicht fast kein amerikanisches Repertoire haben, auf das wir uns verlassen können. Das führt zwangsläufig dazu, dass wir uns dem lokalen Bereich mit noch mehr Intensität und Fokus nähern.
mw: Aber EMI hat ja durchaus britisches Repertoire, von dem der Konzern zehren kann.
Canibol: Ja, natürlich. Und Gott sei Dank hat sich auch die britische Company in den vergangenen zwei Jahren in diesem Bereich erholt, wovon wir profitieren. Wir haben aber auch im übrigen Europa zugeschlagen und Potenziale gefunden. Wir haben Bosson aus Schweden, der bislang weder im Heimatland noch in Amerika erfolgreich war, wir haben auch einen amerikanischen Künstler bei uns wie Joshua Kadison, der hier erfreulicherweise sofort wieder durchstarten konnte, wir haben die Vengaboys aus den Niederlanden in den letzten eineinhalb bis zwei Jahren sehr erfolgreich vermarkten können. Da besinnt man sich schon auf die Märkte, die einem zur Verfügung stehen, wenn aus Amerika gerade mal nichts kommt.
mw: Wie ist die Strategie bei EMI in Köln, was die A&R-Arbeit betrifft?
Canibol: Wir haben die vorgegebenen Strukturen fast unberührt lassen können. Wir haben mit Evelyn Junker eine sehr erfahrene A&R-Direktorin, mit der mich die gemeinsamen Wurzeln aus der CBS-Zeit verbinden, sodass es da keine großen Verständigungsschwierigkeiten gab. Wir haben relativ wenige Labels ans Haus angeschlossen, sodass fast alles wirklich hausgemacht ist. Im Dance-Bereich sind wir in einer sehr guten Kooperation mit Overdose aus Frankfurt, ohne dort eine Label-Anbindung zu haben, aber es funktioniert ganz gut. Und der Rest wird wirklich Home-Made produziert. Und wir haben jetzt drei aktuelle Schwerpunkte im Endstadium der Fertigstellung. Das ist einmal Samir aus Stuttgart, Chima aus Frankfurt und Vanessa Mason aus Berlin. Alle drei stehen auf einer HipHop-beeinflussten R&B-Basis. Und wir haben hier im Laufe der letzten zwei Jahre das Image der EMI von der Kölsch-fixierten Company auch in Richtung HipHop drehen können, waren aber verhältnismäßig spät dran.
mw: Bestimmt es den Umsatz für die nächsten Monate, ob man als Plattenfirma einen guten HipHop- oder R&B-Act im Programm hat?
Canibol: Sicher. Zwar darf man sich nicht darauf verlassen, dass dieser Trend jetzt endgültig neuer Mainstream wird, aber HipHop zu vernachlässigen, wäre absolut fahrlässig.
mw: Wo ist das Repertoire für die Kunden mit der höchsten Kaufkraft, also den Kunden über 30 Jahren?
Canibol: Das kann ich Ihnen genau sagen: Das ist Michelle, das ist Helmut Lotti, das sind die Vikinger, die zum Beispiel aus dem Stand zwei Alben á 120.000 Einheiten verkauft haben. Das ist musikalisch direkte Sleeper-Ansprache. Da wecken wir die Kunden, die auch momentan noch nicht kopierwillig oder gefährdet sind; noch ein Originalprodukt wollen, eine Loyalität zu einem Künstler entwickeln und dementsprechend häufig auch ins Konzert gehen. Auf diesem Sektor sind wir gut ausgerüstet.
mw: Vielleicht sogar besser als mancher Mitbewerber?
Canibol: Irgendwoher müssen die Zahlen ja kommen.
mw: Immerhin ist EMI bei den Longplay-Charts-Anteilen auf Rang zwei und bei den Singles auf Rang vier.
Canibol: Vor dem Hintergrund, dass unsere Company in den USA mit Andrew Slater kürzlich einen neuen Präsidenten bekam, sich jetzt erholt und wir dann auch noch eine funktionierende Repertoire-Versorgung aus den Staaten erhalten, ist noch gar nicht auszumalen, wo wir dann stünden.
mw: Wie ist denn die Zusammenarbeit mit den Kollegen in UK und USA?
Canibol: Es gibt regelmäßige Treffen auf europäischer Ebene, wozu die Engländer zählen. Und die Amerikaner werden in diesen Prozess integriert, sobald dort wieder eine gewisse Kontinuität im Management vorhanden ist. Jetzt wünsche ich erstmal dem Kollegen dort, dass er eine ähnlich glückliche Hand beim Aufräumen hat, wie sie hier notwendig war.
mw: Aufzuräumen hätte ja noch einmal angestanden, wenn kartellrechtlich mit der angestrebten Fusion alles geklappt hätte. Auch wenn Bertelsmann-Chef immer noch sagt, er möchte es weiterhin mit der EMI probieren…
Canibol: Es ist ja legal, zu träumen.
mw: Ging da ein Aufatmen durch die Büros, als die Fusion abgeblasen wurde?
Canibol: Natürlich ging durch die Mannschaft ein Aufatmen, wobei ich dem Frieden nicht ganz traue. Denn die Marktverhältnisse sind nicht immer so, dass man für die nächsten zehn Jahre festschreiben kann, dass eine Schallplattenfirma so auszusehen hat, wie sie jetzt aussieht. Ich befürchte, dies gilt für alle, zumindest für alle Major-Companys. Wenn der Markt sich weiter mit einer Negativtendenz entwickelt, werden alle noch einmal auf vorhandene Ressourcen und Resourcenbündelung und möglicherweise auf Verschlankung schauen müssen.
mw: Wo kann den eine Firma wie die EMI zum jetzigen Zeitpunkt noch verschlanken?
Canibol: Die Firma EMI besteht ja nicht nur aus der EMI. Und ob da noch Synergiemöglichkeiten zu finden sind, werden uns unsere Konzernspitzen möglicherweise irgendwann mitteilen.
mw: Es deutet sich an, dass 2001 ein noch schwächeres Jahr wird als 2000 war. Wo geht es hin mit dieser Branche?
Canibol: Also erstens hat der Markt noch eine Chance, sich über mehrere Monate hin in eine andere Richtung zu entwickeln. Wir dürfen aber nicht unberücksichtigt lassen, wie sich das allgemeine Konjunkturklima verhält. Da sehen wir derzeit eine Abschwächung der Prognosen auf allen Ebenen. Das Problem ist, ich kann mir selbst, meiner Mannschaft und meinen Künstlern helfen, ich kann aber nicht dem Gesamtmarkt helfen. Das kann nicht einmal die gesamte Industrie. Da geht es auch um Käuferpsychologie, die durch die Gesamtkonjunktur beeinflusst wird, und letztendlich geht es auch darum, in einem relativ gesättigten Markt neue und faszinierende Musik zu finden, die zum Kauf stimuliert und nicht nur – wie in vielen Fällen – ein Durchmischen und Wiederaufpolieren der bekannten Melodien, um diese noch einmal an den Mann zu bringen. Das geht auch, aber ob das auf Dauer zukunftstragend ist, ist eine andere Frage.
mw: Hat sich denn der Stellenwert von Musik im deutschen Markt in den vergangenen Jahren verändert, hat der Kunde nicht mehr das Interesse, für sich Musik zu entdecken?
Canibol: Wir haben eine schizophrene Situation. Wir haben eine krass steigende Nutzung der CD, leider aber überwiegend im illegalen Bereich. Bei einem Verhältnis von 260 Millionen verkauften Industrie-CDs zu 130 Millionen Rohlingen wird mir schon schwummerig.
mw: Aber da ist doch der deutsche Markt noch fast alleine in dieser Entwicklung. In den USA, Großbritannien oder Japan haben wir so ein Phänomen noch nicht in diesem Ausmaß erlebt.
Canibol: Da müssen Sie vielleicht nach Skandinavien oder in die Benelux-Länder schauen, wo ähnliche Phänomene zu beobachten sind. Die Amerikaner waren zwar die ersten auf dem Mond, aber Musik nutzen sie dort noch sehr traditionell. Wie lange sie dort noch auf einer Insel der Glückseligen leben, bleibt abzuwarten. Nach ersten konzerninternen Reports findet die illegale Nutzung dort langsam auch mehr Zuspruch. Und wir müssen juristische Mittel wie auch Kopierschutztechniken konsequent einsetzen. Ich versuche hier gerade im Konzern dafür eine Lanze zu brechen, dass wir spätestens für die Herbstsaison mit Kopierschutz aktiv arbeiten. Ich schätze, dass von einem Dienstleister eine fertige Entwicklung eingekauft wird, auf die auch andere Firmen Zugriff haben. Ich behaupte auch nicht, dass irgendein Kopierschutz 100-prozentig funktioniert. Aber wenn wir nichts tun, müssen wir uns am Ende selbst anklagen und sagen, dass wir nicht einmal versucht haben, diese Entwicklung zu beeinflussen.
mw: Ziehen Sie da auch auf Ebene des Bundesverbands Phono an einem Strang?
Canibol: Natürlich, nur die Konzerne treffen ihre Entscheidung bezüglich des Timings letztendlich selbst, auch in internationaler Abstimmung. Nur der Verband arbeitet seit Jahren daran, Bewusstsein für diese Problematik bei den Gesetzgebern zu finden, das ist aber ein schwieriger Prozess. Und Politiker machen sich nicht beliebt, wenn sie zum Beispiel höhere Abgaben auf Rohlinge verabschieden.
mw: Sie haben aus Firmen wie Universal und CBS unterschiedliche Erfahrungen mitgebracht. Wie ist in der Nachbetrachtung Ihr Eindruck von den verschiedenen Firmenphilosophien?
Canibol: Bei CBS war es ursprünglich eine rein amerikanische Orientierung, die dann mit einer japanischen gefärbt wurde. Als ich zu MCA kam, wechselte gerade die Eigentümerschaft von MCA Amerika zu Matsushita und kurz darauf zu Seagram nach Kanada. Die beiden Firmen waren sich ziemlich ähnlich in der Formulierung ihrer Strategie. EMI wiederum als ein englisches Mutterhaus mit Schwerpunkt Europa, aber auch einer Präsenz in Amerika, hat doch ein paar Schwerpunkte in meiner Denkweise verlagert. Das war noch einmal eine ganz neue Welt, in die ich mich eindenken musste.
mw: Sie haben auch eine zeitlang in Österreich gearbeitet. Herrscht dort eine andere Arbeistphilosophie?
Canibol: Das Land lebt einen anderen Rhythmus. Innerhalb der Branche aber, auch wenn der Markt kleiner ist, gelten mittlerweile dieselben Gesetze.
mw: Waren Sie nicht nach ihren Erfahrungen bei MCA drauf und dran, der Branche den Rücken zu kehren, bis dann der Ruf der EMI kam?
Canibol: Da war schon zum damaligen Zeitpunkt ein Verlangen vorhanden, zum ersten Mal im Leben acht bis zwölf Wochen Urlaub zu machen und die Branche auch wirklich mal aus dem Hinterkopf zu verdrängen. Das Angebot der EMI, das dann innerhalb einer Urlaubswoche auf dem Tisch lag, hat doch bewiesen, dass die Faszination dieser Branche bei mir immer noch wirkt. Dass das Umgehen mit Kreativen, sowohl mit Künstlern als auch im Managementbereich, und im eigenen Team immer noch tausendmal stärker motiviert, als der Verkauf von Waschmaschinen oder Wertpapieren.
mw: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zur Musik?
Canibol: Ich habe früher in einer Band Bass gespielt, bevor ich in die Branche kam. Ich habe dann ein paar Versuche als Texter gemacht und bin einmal in den Top 20 gelandet, habe es danach aber wieder eingestellt. Es gab da eine deutsche Version eines Hits von Cpt. Sensible, die haben wir damals mit Willem unter dem Titel „Watt?“ aufgenommen.
mw: Ist Ihr 50. Geburtstag für Sie ein einschneidendes Datum?
Canibol: Überhaupt nicht. Ich fühle mich dadurch weder durch einen Quantensprung versetzt noch habe ich das Gefühl, dass sich in meinem Kopf etwas ändern wird. Ich behaupte mal, dass ich mental irgendwo zwischen 32 und 38 stehen geblieben bin und die restlichen Jahre werden einfach gezählt. Und das klingt dann längst nicht so dramatisch. „Guck nach vorn“ ist die Devise. Es sind schöne Erinnerungen an die Zeit, die ich in der Branche hatte. Die lässt sich aber nicht wiederholen, egal wie sehr man sich anstrengt. Man muss den Blick nach vorn halten, sonst kommt man aus dem Rhythmus.
mw: Beeinflusst es Sie im Tagesgeschäft, dass der Shareholder Value zumindest bei einem börsennotierten Unternehmen wie der EMI im Vordergrund steht?
Canibol: Es beeinflusst insoweit, als man sich über die kurzfristige Tragweite einzelner Entscheidungen ständig im Klaren sein muss, dass man akzeptiert und versteht, welche Erwartungshaltung aus der Konzernzentrale in Bezug auf die Shareholder da ist. Auch dass man für sich selbst eine Risikoquote in Sachen Artist Development veranschlagt, die man noch glaubt verantworten zu können.
mw: Welchen Rat würden Sie heute jüngeren Kollegen geben, die sich in der Branche gerade ihre ersten Sporen verdienen?
Canibol: Um dieses Geschäft voll auszukosten, kommt man nach einer gewissen Zeit zu der Erkenntnis: Ein Scheißjob, aber immer noch besser als richtig zu arbeiten.
mw:Was macht denn der Privatmann Heinz Canibol, wenn er sein Büro verlässt?
Canibol: Erstens habe ich das Glück, mit einer Frau verheiratet zu sein, die selber aus der Branche kommt, die ich damals bei CBS kennen lernte und die deshalb für die Menge an zeitlicher Beanspruchung Verständnis hat. Zweitens habe ich einen Hund, der nach sehr viel Bewegung verlangt. Und sobald der Kopf wirklich frei ist, wird auch sehr gern und viel gelesen, hauptsächlich Künstler-Biografien – nicht nur Musiker, es gibt ja auch Künstler in anderen Bereichen.
mw: Schließt sich für Sie als gebürtigen Gelsenkirchener mit Ihrem heutigen Arbeitsplatz Köln ein Kreis?
Canibol: Ja. Ob es die endgültige Lösung ist, vermag ich aber nicht zu sagen. Ich glaube, meiner Frau und mir schwebt doch irgendwann wieder ein Wohnsitz in Hamburg oder Norddeutschland vor. Ich bin mit meinem Job glücklich, möchte auch das, was wir hier aufgebaut haben, nicht riskieren und weiß auch, was in Hamburg derzeit innerhalb der Branche strukturell passiert. Deshalb denke ich da eher an die nachberufliche Zeit, und die ist zeitlich ja noch nicht festgelegt.



