Beim Gedanken an den Juli 1996 plagen den Liverpooler noch heute Albträume: Deutschland wird Fußballeuropameister! Und das ausgerechnet in England, der Heimstätte des Ballsports. Für den Fußballfanatiker war das der Supergau schlechthin.
Schlimmer noch: Schließlich hatte Ian Broudie mit seiner Band Lightning Seeds und dem Komiker-Duo Skinner & Badiel die Euro-Hymne „Three Lions (Football’s Coming Home!)“ geschrieben.
Doch statt dass David Beckham & Co. den Pokal im Wembley-Stadion stemmten, präsentierten ihn die deutschen Elitekicker beim Empfang in Frankfurt und schmetterten, allen voran der heutige Bundestrainer Klinsmann, genüsslich Broudies Hymne – ein Triumph für die „bloody krauts“, aber Broudies Waterloo.
Ein stattlicher Batzen Tantiemen versüßte ihm die Niederlage, und ihm blieb die Genugtuung, eine Hymne geschrieben zu haben, die heute in allen Fußballstadien der Welt gesungen wird. Trotzdem hat er gemischte Gefühle: „Eigentlich war das nur ein Spaßprojekt.“
Midlife-Crisis mit 40
Danach wurde es still um den Songwriter, Sänger, und Gitarristen. Private Probleme und das Scheitern seiner Ehe führten zu Lustlosigkeit und Apathie, die in eine Schreibblockade mündeten. Mit Anfang 40 befand sich Broudie in der Midlife-Crisis. Er verlegte sich aufs Produzieren und saß für Acts wie Sleeper, The Zutons und The Coral im Studio hinter den Reglern.
Mit Erfolg: Viele junge britische Bands sehen in ihm heute eine Art Vaterfigur – ein Begriff, den Broudie leidenschaftlich hasst. Er ist schließlich 44, ein kaum akzeptables Alter in einem Business, das nur die Jugend kennt. Aber dafür kennt Broudie die Jugend.
Zwischen Eminem und Cash
Und er ist erfahren genug, um zwischen vermeintlich so gegensätzlichen Charakteren wie Country-Legende Johnny Cash und Rüpel-Rapper Eminem einen Zusammenhang zu sehen. „Mein Sohn steht total auf Eminem, also habe ich mir sein Album angehört. Er und Cash erzählen Geschichten, was für harte Typen aus der Unterschicht sie sind, die sich durchboxen mussten.“
Diese Entdeckung zeigte Wirkung und endete in einem Kreativitätsschub: Auf seinem neuen Album „Tales Told“ zeigt sich Broudie als Erzähler. Ein zeitloses, akustisch gefärbtes Werk hat er eingespielt, voller leiser Lieder, die die Koexistenz von Folk und Pop belegen. „Viele kennen Lightning Seeds. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich eher solche Musik mag. Ich bin mit diesem Album heimgekehrt.“


