Hat Thomas Stein Recht? Ganz sicher, soweit er rügt, dass der Gesetzgeber immer noch nicht für den notwendigen Schutz vor Schwarzbrennerei und Internetpiraterie gesorgt hat. Insofern bellt er aber den falschen Baum an: hierfür ist Frau Däubler-Gmelin zuständig, ganz sicher aber nicht Herr Nida-Rümelin! Allerdings sind viele Industriefirmen konzernmäßig perverserweise mit den Herstellern von CD-Brennern und PCs verbunden, ohne daß deren Verkaufspolitik bislang von Sorge um die Risiken des Schwarzbrennens gekennzeichnet wäre…
Zwar ist Thomas Stein sicher zuzustimmen, dass ein Deutsches Musikexportbüro ebenso wünschenswert ist, wie eine Unterstützung bei der Nachwuchsförderung. Diesen Wunsch aber zu Vorwürfen an die Politik zu münzen, ist, wie Herr Nida-Rümelin ausführt, absolut unangebracht.
Immerhin soll die Politik jetzt plötzlich richten, was jahrelang von der Industrie versäumt worden ist. Bevor Forderungen gestellt werden, wäre es eher an der Zeit, eigene Fehler auszumerzen. Diese bestehen darin, dass seit Jahren nur noch über Vertriebsformen geredet wird und schlicht vergessen worden ist, dass der Vertrieb bei entsprechender Qualität des Produkts eher ein sekundäres Problem darstellt. Wenn vor vielen Jahren Kompilationen nicht zur Kannibalisierung der Verkäufe der Originalveröffentlichungen geführt haben, lag dies daran, daß eben auf den Alben mehr als nur ein einziger attraktiver Song war. War früher eine Kompilation eher Anreiz, sich die Alben der Künstler zusätzlich zu kaufen, dienen derzeit Kompilationen, die zudem noch oft binnen sechs Wochen nach der Erstveröffentlichung den einzigen Hit eines Albums enthalten, als perfekte 1:1-Vorlage für Schulhofbrennerei.
Insofern ist der Hinweis von Thomas Stein, dass immer mehr Musik gehört werde, ein Rohrkrepierer. Sicher, es wird mehr gehört, indes immer weniger von all dem, was veröffentlicht wird, und zudem, da viel zu viel veröffenlicht wird, auch immer mehr Mittelmaß von geringstem Halbzeitwert. Dies wird forciert dadurch, dass permanent frische Gesichter gesucht werden, die mangels echter A&R-Arbeit dann auch noch per Casting gesucht werden. Den gecasteten „Musikern“ muss dann Material zugeliefert werden, das im „Labor“ entstanden ist und das – anders als früher – eben keinen Test vor Publikum erfahren hat. Ungeachtet dessen ist aber auch Kreativität nicht beliebig steigerungsfähig, so dass dann, wenn pro Jahr 30.000 Veröffentlichungen erfolgen, diese mit oder ohne Nachwuchsförderung zwangsläufig viel Mittelmaß vorherrschen muss.
Damit das elaborierte Produkt publik gemacht wird, stützt sich die Industrie gerne auf Videoclips, wobei sie sich bitter beklagt, dass die Masse der teuer produzierten Videos gar nicht gesendet wird, sondern „in die Mülltonne getreten wird“. Zugleich wird beklagt, dass das Radio seit Jahren immer weniger Neuheiten vorstellt, ohne dass Bemühungen erkennbar wären, die für Videos verbrannten Gelder für eine Kampagne zum Backannouncing zu verwenden. Auch wenn die USA von ähnlichen Problemen wie die hiesige Industrie geplagt werden, ist dort zumindest bereits vor Jahren durchgesetzt worden, dass gespielte Titel und Interpreten angesagt werden: Nur dann kann ein interessierter Hörer aber im Laden seine Wünsche äußern.
Abgesehen von der sicher gebotenen Nachwuchsförderung, bei der ohnehin nicht klar ist, warum die Industrie sich hierum in den guten Jahren nicht selbst gekümmert hat, wäre die Industrie aber auch gut beraten, zum einen demographische Erkenntnisse zu berücksichtigen, die erkennen lassen, dass die derzeit fast allein favorisierte Altersgruppe von zwölf bis 25 immer kleiner wird, zum anderen Erkenntnisse aus den USA zu beherzigen, dass mehr als 40 Prozent aller CD-Käufe von der Altersgruppe 40+ getätigt werden, die als Rock&Roll-Generation wenig überraschend laut jüngster Studie der RIAA in erheblichem Umfang auch Veröffentlichungen von Nachwuchs-Künstlern kauft. Gerade diese potentiellen Käufer vermissen aber die Radioansagen!
An dieser Stelle ist auch hervorzuheben, dass die Industrie jahrelang den Handel sträflich vernachlässigt hat. Wäre dies anders, hätte es kein Händlersterben gegeben, das mitursächlich dafür ist, dass das Internet überhaupt die derzeitige Bedeutung erlangen konnte: Wo sollen denn die Kunden hin, wenn es keine Läden mehr gibt? Auch hier bedarf es eigener Anstrengungen der Industrie, den Besuch im „Plattenladen“ aufzuwerten beziehungsweise zu propagieren. Dass dies nicht damit erreicht werden kann, im Interesse kurzfristiger Umsätze allein die Ketten zu favorisieren, die definitiv keine tiefgestaffelte Repertoirepflege betreiben, sollte an sich keiner Erläuterung bedürfen.
So lange Künstler sofort fallen gelassen werden, sobald sie vermeintlich zu alt sind oder nicht die angepeilten Stückzahlen verkaufen, ist es kaum angebracht, Krokodilstränen zu vergießen. Noch weniger Sinn besteht darin, nach staatlicher Hilfe zu rufen, nachdem sich die Industrie in ihren guten Jahren für derartige Hilfe fraglos „bedankt“ hätte. Warum hat die Industrie nicht Musiklehrer und Musikschulen in ihre Bemusterungslisten aufgenommen? Wo ist die Unterstützung von lokalen Szeneclubs, wo die notwendige Unterstützung von Tourneen gerade von Nachwuchsbands? Wo sind vor allem die Musiker in den A&R-Abteilungen?
Abschließend: Natürlich ist es unglaublich, dass Anleitungen zum Klau von Musik ungeniert veröffentlicht werden, nachdem Anleitungen des Musters „Wie knacke ich eine Ladentür?“ längst verboten wären. Hier ist das Justizministerium dringend gefordert. Allerdings sollte sich die Opposition bei ihren kleinen Anfragen daran erinnern, dass auch sie sich zu ihrer Regierungszeit mit der Novellierung des Urheberrechts nicht gerade beeilt, schon gar nicht mit Ruhm bekleckert hat. Indes von der Politik zu fordern, die Konsequenzen eigener Versäumnisse zu richten, halte ich bereits deswegen für bedenklich, als die Industrie die Öffentlichkeit, deren Unterstützung als Steuerzahler sie fordert, an den früheren Gewinnen auch nicht beteiligt hat. Warum sollen jetzt die Verluste „sozialisiert“ werden?


