Musik

Handelsverbände beziehen Position: „So macht man den Markt kaputt“

Nina Krogmann, Dr. Heinz Stroh und Michael Huchthausen betonen die Notwendigkeit von Gesprächen mit den Plattenfirmen, zum Beispiel bei Fragen der Charts-Regeln oder der Two-Track-Single. Außerdem gingen die Verbandsvertreter zusammen mit dem Kartellamt gegen eine Preismarketingaktion der Handelskette Weltbild vor. Im Gespräch mit musikwoche.de erläutern sie, warum ihr Vorstoß erfolglos blieb.

musikwoche.de: Wie stellt sich die Lage für Sie dar?

Heinz Stroh: Der Branche geht es nicht gut. Die Rückgänge bei den Tonträgerverkäufen der Industrie schlagen voll auf den Handel durch. Mittlerweile steht vielen mittelständischen Firmen das Wasser bis zum Hals. Deshalb erwarten wir auch Beiträge zur Problemlösung von der Industrie. Die Handelsfirmen können zum Beispiel nicht, wie die großen Hersteller, bei den Personalkosten sparen. Die Kostenstruktur des Handels ist ausgereizt. Weitere Entlassungen sind nicht möglich, ohne massiv an Beratungskompetenz zu verlieren. Von Herstellerseite fordern wir zumindest die Bereitschaft zum Dialog. Noch besser wären konkrete Vorschläge, wie denn die Handelslandschaft in ihrer auch von den Herstellern immer wieder geforderten Vielfalt erhalten werden kann.

mw: Welche Lösungsansätze erwarten Sie?

Michael Huchthausen: Wenn wir von Industrieseite hören, dass noch nie soviel Musik konsumiert wurde wie derzeit, dann können diese Ansätze nur dahin gehen, dies auch in bare Münze umzusetzen. Das würde Handel und Herstellern aus der wirtschaftlichen Flaute helfen. Es gibt aber keinen Silberstreif am Horizont. Ganz im Gegenteil: Singles werden nach wie vor vier oder fünf Wochen vor der VÖ im Radio gespielt. Die Verbraucher haben deshalb die Neuheiten vor ihren Händlern. Das macht viel kaputt und vernichtet Umsatz, den wir gut gebrauchen könnten. Wir haben oft auf dieses Thema hingewiesen, aber es ist leider überhaupt keine Entwicklung festzustellen. Das bedauern wir sehr.

mw: Lässt sich diesbezüglich etwas über die Preise regeln?

Stroh: Die Preisdiskussion ist gefährlich, weil der Verkaufspreis durch die rechtliche Situation nicht vorgeschrieben werden kann. Wir haben nun einmal keine Preisbindung für Tonträger in Deutschland. In diesem Bereich darf sich die Industrie auf keine Gespräche einlassen. Aber wir müssen in der derzeitigen Situation zum Beispiel die Zahlungsmodalitäten ansprechen, weil der eine oder andere Händler sonst in noch größere Schwierigkeiten gerät. Wenn wir diese retten wollen, dann muss dieses Thema jetzt auf die Tagesordnung.

Huchthausen: Wobei wir sagen müssen, dass es hier erste Bewegungen gibt. Nur ist das noch nicht die Lösung des großen Problems.

Stroh: Worüber wir vor dem Hintergrund der Frage nach den Preisen sprechen müssen, sind die Verkäufe unter dem Einstandspreis. Dazu gibt es eine Regelung im Kartellgesetz, die wir aber bislang nicht mit Erfolg anwenden konnten. Bei der Veröffentlichung der DVD „Der Herr der Ringe – Die Gefährten“ hatten wir in diesem Zusammenhang wieder ein Ur-Erlebnis: Einerseits soll die DVD der Silberstreif am Horizont sein, andererseits geht in diesem Fall die Filmindustrie hin und zerstört den Aufschwung, bevor er richtig begonnen hat. „Der Herr der Ringe“ war eines des größten Film-Highlights des Jahres. Deshalb war zu erwarten, dass auch die DVD und das Video ein Topseller werden, bei dem jeder Händler die Chance gehabt hätte, interessante Umsätze zu generieren. Das wurde aber durch die Preispolitik zerstört. Preispolitik heißt in diesem Fall, dass die Handelskette Weltbild das Produkt schon im Juli in ihrem Katalog für einen Verkaufspreis von 14,99 Euro beworben hat. Das ist ein Preis für Kunden, der deutlich unter dem HAP liegt.

mw: Wie hoch war der HAP in diesem Fall?

Stroh: Der HAP für den mittelständischen Handel lag abzüglich der üblichen Prozente bei rund 19,99 Euro.

Nina Krogmann: Netto betrug der HAP 21,47 Euro.

mw: Welche Konsequenzen ergaben sich daraus?

Stroh: Keine. Alle rechtlichen Möglichkeiten, die wir in diesem Fall auszuschöpfen versuchten, liefen ins Leere. Die Einschaltung des Bundeskartellamts durch HAMM und GDM hat ergeben, dass der Preis von 14,99 Euro, den Weltbild für seine Kunden ausgeschrieben hat, nicht unter dem Einstandspreis lag. Das heißt, dass diese Handelskette die Produkte günstiger bekommen haben muss, als alle anderen Händler in Deutschland, darunter auch die großen der Branche.

Huchthausen: Es muss hier eine Differenz von fünf bis sechs Euro gegeben haben, und das ist nicht hinnehmbar.

Stroh: So macht man den Markt kaputt.

mw: Welche Bedeutung hat Weltbild im Bereich DVD und VHS?

Krogmann: Im Jahr 2001 waren sie auf dem Videokaufmarkt mit führend, im DVD-Bereich lagen sie auf Platz sechs. Dabei muss man aber sehen, dass die Mitglieder des HAMM – vor allem die Großhändler – sicherlich mehr „Ringe“-Exemplare abgenommen haben als Weltbild, einen VK von 14,99 Euro aber nicht darstellen konnten.

Stroh: Damit machen wir einen Markt kaputt, der eigentlich noch aufgebaut werden soll. Der Bundesverband jubelt zwar einerseits mit Recht über die 200-prozentigen Zuwächse bei DVDs, andererseits sind die Firmen – wenn auch nicht aus dem Tonträgerbereich – dabei, diesen Markt gleich wieder zu zerstören. Krogmann: Dass es Unterschiede bei den Konditionen für den Großabnehmer und für den Fachhandel gibt, ist allen klar. Andererseits müssen die Verbraucher bei solchen Unterschieden wie in diesem Fall denken, im Fachhandel über den Tisch gezogen zu werden.

Stroh: Die meisten Händler hätten das Produkt bei normaler Kalkulation zehn Euro teurer verkaufen müssen als Weltbild.

Huchthausen: Und die Verbraucher denken, dass diese Händler zehn Euro mehr Gewinn machen. Das ist eine Diskriminierung.

Stroh: Wenn das so weiter geht, betätigt sich Warner Home Video als Totengräber der DVD-Branche.

mw: Wann sind Sie beim Kartellamt aktiv geworden?

Stroh: Da Weltbild das Produkt im Juli, also vor dessen VÖ, im Katalog beworben hat, haben wir versucht, das Kartellamt vor diesem Termin zum Einschreiten zu bewegen.

Krogmann: Das Kartellamt hat die Handelskette daraufhin abgemahnt, allerdings konnte Weltbild rechtzeitig nachweisen, nicht unter dem Einstandspreis zu verkaufen.

mw: Wie kann der Handel auf solche Vorstöße reagieren, etwa geringere Stückzahlen bestellen?

Huchthausen: Das macht man ja zwangsläufig. Es gibt aber kein Patentrezept dafür, wie wir wirkungsvoll auf solche Preismarketingaktionen reagieren können. Ein Einkaufsstopp mag vielleicht bei den Systemanbietern ins Gewicht fallen, aber bei Facheinzelhändlern nicht.

Stroh: Eventuelle Reaktionen bleiben eine individuelle Entscheidung jedes einzelnen Händlers, wir als Verband können hier keine Empfehlungen aussprechen.

mw: Wie reagieren Sie in diesem Zusammenhang auf Vorabveröffentlichungen im Internet?

Krogmann: Damit kommen wir zu einem weiteren Kritikpunkt, nämlich zu den neuen Charts-Regeln, nach denen Downloads ab zwei Wochen vor der VÖ in die Bewertung einfließen.

mw: Werden Sie in solche Entscheidungen mit einbezogen?

Stroh: Schön wär’s. Wir haben gegenüber den Herstellern des öfteren gefordert, immer gern und rechtzeitig mit einbezogen zu werden und die Erfahrungen des Handels einzubringen. Diese finden viel zu wenig Berücksichtigung in den Planungen der Industrie. Beim neuen Charts-Regelwerk, das wir grundsätzlich begrüßen, war das genauso: Es gibt darin Regelungen, die wir als Diskriminierung empfinden müssen. Zum Beispiel die Vorabveröffentlichung von Titeln im Internet, die den stationären Fachhändler, der den Titel noch nicht haben kann, in den Augen der Kunden teils als Depp dastehen lässt, der nicht auf der Höhe der Zeit ist. Das ist das Schlimmste, was Händlern passieren kann.

Huchthausen: Und wer sagt uns denn, dass es hier bei Singles bleibt?

Krogmann: Auch die Präsentation im Handel ist in diesem Zusammenhang ein Thema. Hier gibt es durch die Einbeziehung von DVDs in die Longplay-Charts vor Ort im Handel Probleme, die vom Phonoverband nicht berücksichtigt wurden.

Huchthausen: Bei diesen Fragen könnte der Händlerbeirat helfen, den wir schon in Gesprächen mit dem Phonoverband gefordert haben. Es ist ja nicht so, dass dieser Beirat den Herstellern etwas vorschreiben soll, aber gerade in diesen Zeiten muss es doch eine viel engere Kommunikation miteinander geben, damit Änderungen am Markt gemeinsam umgesetzt werden können. Es bringt überhaupt nichts, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, denn letztendlich geht es immer um die Endkonsumenten, die uns allen das Geld in die Kassen bringen. Diesen Kunden müssen wir es so einfach wie möglich machen, denn sie sind durch die Angebotsvielfalt schon genug gefordert.

mw: Wie lief die Abstimmung bei der Two-Track-Single?

Krogmann: Es gibt dazu im Handel verschiedene Meinungen. Worin wir uns allerdings einig sind, ist, dass wir es nicht gut finden können, wenn ein Hersteller diese Produkte mit einem unverbindlichen Verkaufspreis von 2,99 Euro bewirbt, auf der anderen Seite der HAP aber bei 2,69 Euro liegt.

Huchthausen: Es muss für die Kunden eine deutliche Preisdifferenz geben. Wenn wir die Two-Track-Single ordentlich kalkulieren und zum Beispiel für 3,99 anbieten, dann ist die Differenz zur Maxi-CD, die viele Handelsschienen im Charts-Bereich für 4,99 anbieten, kaum zu erkennen. Diese Abgrenzung muss das Single-Produkt zum Beispiel beim Cover-Artwork deutlich erkennbar machen.