Den ausführlichen Bericht zur Halbjahresbilanz des Bundesverbands Phono lesen Sie
Einen Bericht zur Brenner-Problematik lesen Sie
Zum Interview mit Chris Green, BPI Director of Research & Information, über die Unterschiede zwischen dem florierenden britischen und dem kränkelnden deutschen Tonträgermarkt, gelangen Sie
Beim Umsatzeinbruch ist Deutschland ein Trendsetter vor anderen Märkten. Wie gehen die Chefs der deutschen Firmen mit dieser Herausforderung um und welche Lösungen schlagen sie vor?
Tim Renner, President & CEO von Universal Music, fordert einen Paradigmenwechsel: „Es kann nicht sein, dass mehr Kraft und Geld in die Zweitauswertung von Musik gesteckt wird, als in die Entdeckung und Entwicklung von neuen Künstlern. Diese Rechnung kann nicht aufgehen. Was wir starten müssen, ist eine Qualitätsoffensive in der A&R-Arbeit.
Die grosse Frage der Zukunft wird sein: Wie erreichen wir den potentiellen Fan/Käufer da draussen? Und nicht nur die Jugend, sondern die bisher vernachlässigten Käuferschichten über der magischen Grenze von 25 Jahren. Wir müssen uns so schnell wie möglich von althergebrachten Denkweisen lösen, die uns nur behindern. Denn hier läßt sich mit den richtigen Strategien ein enormer Zukunftsmarkt erschliessen. Menschen, deren Wunsch und Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Musik bisher nur unbefriedigend gedeckt wurde, die bei der richtigen Kommunikation eine enorme Kaufkraft entwickeln können und die wir mit unseren auf die Jugend ausgerichteten Tools bisher nicht erreicht haben.
Ein Teenager mit viel Zeit und wenig Geld wird immer Wege finden, sich unser Produkt irgendwo umsonst zu besorgen. Diesen Kampf können wir auf lange Sicht nicht gewinnen. Wir können immer nur einen Vorsprung haben: Kopierschutz. Hier ist auch der Gesetzgeber gefragt, Flagge in der Frage der Rechte von Produzenten und Künstlern zu zeigen. Das schafft Fairness und Klarheit aber natürlich auch nicht absolute Sicherheit. Aber ein Anfang 30-Jähriger wird sich kaum die Mühe machen, sich seine private Kollektion von Musik aus dem Internet illegal zu brennen. Hier muss die Plattenfirma eine auf diese Zielgruppe zugeschnittene Beratungskompetenz entwickeln, um so diese neue Käuferschicht effektiv zu bedienen und zu binden. Denn am Ende gilt: Musik muss den Konsumenten schmecken, nicht den Medien. Und deswegen müssen wir neue Wege finden, ihn so direkt und kompetent wie möglich zu erreichen. Das Internet und die mobilen Geräte geben uns da wunderbare Möglichkeiten an die Hand, von deren Power wir bisher nur bedingt Gebrauch gemacht haben.
In unserem Merger haben wir die einzelnen Labels bewusst spitzer auf ihre Zielgruppen positioniert und diese Entwicklungen anmoderiert. Daher scheint es so, als wären wir von den aktuellen Umsatzeinbrüchen nicht so betroffen wie andere, die diesen Schritt noch nicht gegangen sind. Im Gegenteil: Universal liegt mit seinem Marktanteil vor den Vergleichszahlen des Vorjahres.“
Wingolf Mielke, EVP & General Manager Sony Music GSA: „Die Industrie muss mit großer Dringlichkeit die Maßnahmen weiter durchziehen, die eine Linderung im Hinblick auf Kopiererei und Downloading ergeben. Das heißt, alle Produkte sollten sobald als möglich mit Kopierschutz ausgestattet werden – und zwar mindestens im EU-Gebiet. Die Internet-Piraterie muss weiterhin entschlossen bekämpft werden und es müssen auch die Provider in die Pflicht genommen werden. Die legalen Angebotsportale wie pressplay und MusicNet müssen vorangetrieben und attraktiv gestaltet werden, eine noch engere Zusammenarbeit mit dem traditionellen Handel und den Non-Traditional-Outlets muss angestrebt sowie das E-Commerce-Geschäft weiter ausgebaut werden.
Daneben wird jeder verantwortliche Executive gezwungen, alte Zöpfe abzuschneiden und bestimmte Gewohnheiten und Praktiken zu überprüfen, ob sie in diesem Marktumfeld noch haltbar sind. Und dazu gehört auch ein kritisches Durchleuchten der Wertschöpfungskette, um den traditionellen Markt noch effizienter abdecken zu können, ohne die geänderten und neuen Marktchancen von morgen zu verpassen. Dazu wird diese Krise auch eine verstärkte A&R-Diskussion wieder aufleben lassen. Lokales Repertoire sowie die Schaffung und Verstärkung von Trends können sehr viel zur Gesundung des Marktes beitragen. Im Übrigen denke ich, dass wir unter anderem auch durch den Einsatz von neuen Techniken, wie zum Beispiel die Fusion von TV-Geräten mit dem PC, in ein paar Jahren wieder sehr stark steigende Märkte haben werden.“
Heinz Canibol, President & CEO EMI Music GSA: „Es gibt die immer währende Hoffnung, dass sich der Markt durch hochkarätige VÖs im Herbst erholt. Das ist diesmal fraglich. Die Industrie wird sich strukturell anpassen müssen. Wir haben das bei der EMI bereits getan und unseren Headcount signifikant reduziert. Seither arbeiten wir erfolgreich mit dieser Struktur.
Der Brennerproblematik begegnen wir nun mit Kopierschutzvorrichtungen, die wir über lokale VÖs einführen. Allerdings besteht in diesem Punkt noch Abstimmungsbedarf auf internationaler Ebene: Es macht keinen Sinn, eine Best-of von Pink Floyd hier mit einem Kopierschutz zu versehen, wenn sie in anderen Märkten ohne erscheint. Da müssen wir noch um Verständnis bei den Kollegen werben, und ich fürchte, so wird es auch unseren Mitbewerbern ergehen. Trotz allem dürfen wir nicht in Panik verfallen. Die vielen zugkräftigen Releases werden die Stimmung wieder beleben.
Zudem ist es eine positive Entwicklung, dass sich die Interneteuphorie in den letzten Wochen deutlich gelegt hat. Nur dürfen wir nicht aus den Augen verlieren: Das Internet wird ein wichtiger Vertriebsweg werden. Aber die digitale Dividende wird frühestens in fünf Jahren messbar sein. Bis dahin müssen wir sicher stellen, dass der Handel als Hauptumsatzbringer intakt bleibt. Das ist zwar nicht die Hauptaufgabe der Industrie, aber wir sollten auch keine unnötigen Störungen verursachen.“
Bernd Dopp, President Warner Music Germany: „Personalabbau ist kaum eine Lösung für die Probleme der Branche. Die Industrie befindet sich in einer Übergangsphase, in der die traditionellen Konfigurationen, also vornehmlich die CD, durch die Brenner, private Vervielfältigung und illegale Downloads stark angegriffen werden, während die neuen On- und Offline-Business-Modelle noch nicht greifen können, was aber bald der Fall sein wird.
Jeder weiß um die Potenziale dieser Möglichkeiten, wenn die logistischen Fragen gelöst sind. Ich bin daher ganz optimistisch für die Zukunft. Die Musik ist eben derzeit das einzige Entertainment-Produkt, das man kopieren kann. Natürlich gibt es ein unglaubliches Überangebot an Musik, und leider haben wir hier die mit Abstand konservativste Funklandschaft Europas. Das versperrt vielen neuen Künstlern der Weg zum geneigten Konsumenten. Selbst hohe Charts-Positionen für diese Acts werden von den Mainstream-Medien ignoriert.
Allerdings veröffentlicht die Branche auch zu viel Schrott, der oft mit gewaltigem Marketing-Aufwand gepuscht wird. Darüber hinaus müssen wir intensiver und schneller auf die Wünsche der Verbraucher eingehen, weswegen customized Compilations erhebliche Umsätze in der Zukunft versprechen. Dies gilt auch für die DVD-Audio. Nach einer 20-jährigen CD-Dominanz ist es an der Zeit, neue Formate und Konfigurationen zu lancieren.“
Christoph Schmidt, President BMG Entertainment GSA: „Wir müssen unsere Kosten anpassen, wenn nötig auch im Personalbereich. Wir müssen effizienter arbeiten, effizienteres Marketing betreiben und somit dem Markt Rechnung tragen. Wir müssen im Produktbereich kreativer werden und die Konsumenten wieder für das Produkt zahlen lassen. Diesem Punkt begegnen wir mit Kopierschutzmaßnahmen. Im übrigen muss die derzeitige Marktlage keine ungesunde Entwicklung sein. Sie wird viele Leute zum Nachdenken anregen. Auch anderen Märkten geht es schlechter, nun trifft es uns. Da hilft nur eins: Aufhören zu jammern und die Probleme anpacken.“
Manfred Wodara, stellvertretender Geschäftsführer Warner Music Austria und Vorsitzender des Marketingauschusses der IFPI Austria –, erklärt zu möglichen Lösungsansätzen gegen die Absatzflaute: „Maßnahmen hat es immer gegeben, wie es auch Absatzflauten immer gegeben hat. Dieser Situation müssen wir uns mit Kreativität, Engagement und den richtigen Produkten stellen. Das wichtigste aber ist Flexibilität. Das sollte sich mancher in unserer Branche hinter die Ohren schreiben.“
Die Libro-Krise habe in Österreich zu einer Neuorientierung geführt: „Das ist zwar in diesem Falle eine österreich-spezifische Problematik, die aber in jedem anderen Land ähnliche Auswirkungen gehabt hätte. Wie es momentan aussieht, ist Libro am Gesunden und auf dem Weg zurück zum normalen Geschäft.“ Einen Vergleich mit anderen Märkten wie Großbritannien oder Frankreich möchte Wodara nicht ziehen: „Die Entwicklung in Großbritannien hat ganz andere Ursachen, wir konzentrieren uns auf unseren eigenen Markt. Ich bin sicher, dass der österreichische Markt zu seinem Maß zurückfindet und sehe keinen direkten Zusammenhang mit der Entwicklung in anderen Ländern.“
Für die Zukunft erklärt er: „Man sollte Probleme wie das CD-Brennen und die Downloads nicht verniedlichen, aber auch nicht für alles verantwortlich machen. Eine Belebung des Markts erreichen wir nur mit Kreativität und spannenden Produkten. Die Musikindustrie sollte sich in diesen Fragen bemühen, maßgeblich besser zu werden. Auch in vergangenen Jahrzehnten hatten wir eine Rezession im Markt, aber auch diesen sind wir kreativ begegnet. Wir sollten beginnen, unsere Strukturen zu hinterfragen. Wir für unser Unternehmen haben diese Schularbeiten – wie wir glauben – gemacht, ein Feintuning vorgenommen, und uns selbst hinterfragt, denn nicht immer sind allein die Rahmenbedingungen schuld.“
die halbjahresbilanz…
… im europäischen Umland sowie in den weltweiten Märkten zeigt zwei unterschiedliche Tendenzen auf: Während einige Märkte wie Großbritannien und Frankreich prosperieren (vergleiche Tabelle), haben neben dem deutschen Musikmarkt auch andere mit einer substanziellen Absatzflaute zu kämpfen: Unter anderem fielen die Verkäufe in den beiden weltgrößten Märkten, den USA und Japan, die allein rund 57 Prozent aller weltweiten Verkäufe generieren.
Die USA mussten einen Absatzrückgang von 9,4 Prozent und ein Umsatzminus von 4,4 Prozent verkraften. Das Minus von rund 280 Millionen Dollar befindet sich dabei in einer Größenordnung, die dem zweieinhalbfachen des österreichischen Markts zum Halbjahr entspricht. Der japanische Industrieverband meldet nach sechs Monaten bei Umsätzen von rund 2,1 Milliarden Dollar ein Minus von vier Prozent. Nach Stückzahlen brach der japanische Markt bei Singles um 20 Prozent ein, bei CD-Alben um vier Prozent. Gleichzeitig zogen die Verkäufe von internationalem Repertoire um zwei Prozent bei Alben und um zwölf Prozent bei Singles an. Kanada verbuchte allein in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres ein Umsatzminus von zwölf Prozent und ein Absatzminus von zehn Prozent.
Damit befindet sich der kanadische Markt im dritten Jahr in Folge auf einem absteigenden Niveau. Ein weiteres Beispiel für den Negativtrend ist Schweden: Hier gingen die Verkaufszahlen um 14,3 Prozent zurück, Singles brachen nach Stückzahlen gar um 22 Prozent ein. Nach Umsätzen verzeichnet Schweden ein Minus von 12,6 Prozent. Nach Einschätzung des nationalen IFPI-Arms GLF sind vor allem CD-Brenner (laut IFPI-Pirateriereport sind CD-Brenner in Schweden neben den USA am weitesten verbreitet) sowie die hohen Verkaufspreise für das hohe Minus verantwortlich. Einschneidend fiel die Halbjahresbilanz in Brasilien aus: Nach einem Plus von 28 Prozent im Vorjahreszeitraum gingen die Umsätze im größten Markt Südamerikas nun um 50 Prozent zurück.



