Inzwischen ist von dieser positiven Stimmung aber nicht mehr viel geblieben. George Michael hat über die üblichen Newskanäle verkündet, er wolle sich endgültig aus dem Musikgeschäft zurückziehen – das wäre das Ende einer bemerkenswerten Karriere, geprägt von Superlativen, wie auch von Skandalen und kleinen Katastrophen. Was in den 80er-Jahren mit einem smarten Kerlchen begann, das in grellbunten Klamotten und mit Dauergrinsen über die Bühne hüpfte und mit klebrigsüßem Synthie-Pop die Charts verstopfte, endete zuletzt in Schlagzeilen, die herzlich wenig mit Musik zu tun hatten. Statt dessen gab es Überschriften zum Tod seiner Mutter und seines Lebenspartners Anselmo Feleppa, zum Prozess gegen seine Plattenfirma Sony und seine Zwangspause. Und dann war da noch diese dumme Sache auf einer Herrentoilette in Beverly Hills. Fazit: 910 Dollar Strafe, 80 Stunden gemeinnützige Arbeit und ein paar saftige Schlagzeilen.
George Michael schwieg. Heute aber spricht er. Darüber, dass sein vermeintlich ungewolltes Coming-out in Wirklichkeit geplant war. Dass er lange an Depressionen litt. Und dass ihm der Antrieb fehlte. „Ich habe es mir in der Vergangenheit einfach gemacht und den Standpunkt vertreten: alles scheißegal“, gesteht er heute. Warum dann die Rückkehr ins Popbusiness? „Wegen der Millionen treuen Fans“, lautet die Antwort. Erstaunlich, aber wahr: Trotz langer Auszeiten ist George Michael in seiner Heimat laut PRS, der britischen GEMA, der bis heute meistgespielte Künstler im Radio. Nun kehrt George Kyriaco Panayioutou mit einem Album zurück, dessen Titel kaum passender sein könnte: Er lautet „Patience“ – Geduld. Es zeigt ihn künstlerisch gereift und ist kein weinerlicher Abgesang, sondern vielmehr ein selbstbewusstes Statement: Hier bin ich. Das bin ich. Dafür sorgen persönliche Songs wie „Please Send Me Someone – Anselmo’s Song“, das seinem verstorbenen Freund gewidmet ist. Oder „Amazing“, das eine Liebeserklärung an seinen heutigen Lebenspartner Kenny Goss ist.
Ebenfalls ihren Weg aufs Album fanden die bereits im vergangenen Jahr veröffentlichten Singles „Freeek“ und „Shoot The Dog“, dessen dazugehöriger Videoclip US-Präsident Bush alles andere als vorteilhaft erscheinen lässt. „In Amerika halten sie mich nur noch für einen schwulen Kommunisten“, meint Michael, der wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der US-Politik in seiner kalifornischen Wahlheimat als antiamerikanisch beschimpft wurde und deshalb im vergangenen Herbst nach London zurückkehrte. Und damit schließt sich der Kreis, denn in London fing alles an. George Michael, der Streitbare, ist mit sich, seinem Leben und seiner Karriere im Reinen. Das zeigt schon die Wahl seiner Plattenfirma. Denn pikanterweise erscheint „Patience“ wieder bei Sony Music, jener Firma, gegen die er vor Jahren zu Gericht zog und die ihn zu einer dreijährigen Auszeit zwang. Michael macht dafür den damaligen Sony-Boss Tommy Mottola verantwortlich. „Seit dem Prozess ist keine meiner Platten in den USA richtig im Radio gespielt worden. Etwa, weil das ganze Land gegen mich war? Oder weil Mottola damals der mächtigste Mann der Musikindustrie war? Wenn ich nicht den Mut gehabt hätte, zu prozessieren, hätte ich heute keine künstlerische Kontrolle, sondern nur beschissene Konditionen.“ Nun folgte die unerwartete Rückkehr: „Die haben mir so unverschämt viel Geld geboten, dass ich nicht anders konnte, als ja zu sagen.“ Da fällt der Abschied dann wohl umso leichter.



