Musik

Geoff Kempin, COO Eagle Vision/Eagle Rock Entertainment

Eagle Vision, die DVD-Abteilung der britischen Independent-Firma Eagle Rock Entertainment, besitzt nach eigenen Angaben den weltweit größten Katalog an Musik-DVDs. musikwoche.de fragte den Eagle-Vision-Chef nach seiner Strategie.

musikwoche.de: Welchen Stellenwert messen Sie der DVD bei?

Geoff Kempin: Wir haben uns vollkommen der DVD verschrieben, für das nächste Jahr haben wir keine VHS-Titel mehr eingeplant. Bei den meisten unserer Titel verkaufen wir derzeit 90 Prozent im DVD-Format und nur noch zehn Prozent als VHS-Kassette. In Deutschland ist der DVD-Prozentanteil sogar noch höher. Diese Konzentration auf die DVD hat auch zu den spektakulären Erfolgen geführt: Wir haben im vergangenen Jahr 200 Millionen Euro Umsatz erzielt, das sind 200 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Und der Höhepunkt ist noch nicht erreicht. Im nächsten Jahr rechne ich mit einem Umsatzplus von 30 Prozent.

mw: Was war Ihr bislang größter Erfolg?

Kempin: Wir stehen bei der HipHop-Dokumentation „Up In Smoke“ bei knapp einer Million verkauften Exemplaren. Das ist eine fantastische Leistung, auch wenn es am Anfang ein Wagnis war. Wir haben zwei Millionen Dollar in das Projekt investiert und gehofft, dass es funktioniert. Ähnlich sind wir auch bei der aktuellen DVD von Marilyn Manson vorgegangen, die inzwischen auf Platz eins der US-DVD-Charts steht und in Deutschland sogar in die regulären Longplay-Charts ging. Das liegt an der Vision des Künstlers, da Manson das Potenzial der DVD sieht. Er hat viele Einfälle und viel Arbeit in die DVD gesteckt, so dass er nun zum Weihnachtsgeschäft ein hochqualitatives Produkt auf dem Markt hat – auch ohne aktuelles Album.

mw: Sie haben seit 1980 bei EMI, PolyGram und Castle Communications im Musikvideogeschäft gearbeitet. Wie beurteilen Sie die Entwicklung bei den Formaten?

Kempin: Ich habe das Scheitern von Laserdisc und CD-Video gesehen, aber von Anfang erkannt, dass die DVD ein stärkeres Format ist. Eagle Rock hat ebenfalls sehr früh daran geglaubt. Und nun sind wir sehr froh, dass unsere Vision Früchte trägt.

mw: Wie geht Eagle Vision geschäftlich vor?

Kempin: Es ist eine Mischung aus vorsichtigem Planen, scharfsichtigen Verträgen und – im Wesentlichen – dem Eingehen von Risiken. Wir verfügen über einen sehr gut entwickelten A&R-Mechanismus, bei dem eine bestimmte Mitarbeiter ständig neue Akquisitionsideen entwickeln. Den Fokus legen wir oft auf Künstler, bei denen ein Album oder eine Tour ansteht. Im Normalfall stellen wir dann eine TV-Produktion und eine DVD her. Denn wenn wir eine TV-Show eines Künstlers weltweit verkaufen können, erhalten wir dadurch eine beträchtliche Rückzahlung, die zugleich die Projektkosten mindert und ein starkes Promotion-Werkzeug für die DVD und das Album bildet. Dafür ist „Live In Paris“ von Diana Krall ein gutes Beispiel. Wir haben die DVD produziert, als wir schon einige TV-Deals in der Tasche hatten und wussten, dass die Plattenfirma noch ein Live-Album veröffentlichen würde. Das zeigt, wie ein DVD-Unternehmen, eine Plattenfirma, ein Künstlermanagement und das Fernsehen eine Win-Win-Situation für alle schaffen können.

mw: Sehen Sie Eagle Vision als Backkatalog-Firma?

Kempin: Nein, wir ergänzen etwa unseren Live-Katalog mit der Reihe „Classic Albums“, bei der so verschiedene Künstler wie Greatful Dead, Paul Simon und Stevie Wonder ihre wichtigsten Alben vorstellen. Damit geht es im nächsten Jahr mit DVDs von den Sex Pistols und Elton John weiter. Gerade solche Künstler eignen sich besonders für diese Verwertung. Denn beim Medium DVD gibt es keinen Backkatalog! Viele Leute kaufen sich jetzt ihren ersten DVD-Player und schauen natürlich zunächst bei den Künstlern im DVD-Regal nach, die sie mögen. Für sie ist das die erste Begegnung mit dem Medium. Deswegen ist unser Repertoire so breit und reicht von James Last bis Judas Priest.

mw: Wie schätzen Sie den deutschen DVD-Markt ein?

Kempin: Wir beobachten einen Anstieg bei den DVD-Verkäufen weltweit in den vergangenen zwei Jahren, aber Deutschland ist unser bestes Territorium in Europa. edel ist ein hervorragender Vertrieb, der alle unsere Titel übernimmt. Der Handel in Deutschland hat die DVD schneller angenommen als Resteuropa.

mw: Besteht nicht die Gefahr, dass bei einem wachsenden DVD-Markt die Major-Firmen selbst die audiovisuellen Rechte verwerten?

Kempin: Das haben mir einige Firmen gesagt. Bei „The Crush Tour“ von Bon Jovi haben wir das Material erstellt, es ans Fernsehen verkauft und erst dann die Masterbänder an Universal geliefert, die dann die DVD veröffentlicht haben. Wir sind da sehr flexibel. Aber meistens sind die Firmen, die zurzeit mehr mit Umstrukturierungen und Schrumpfprozessen zu tun haben, sehr froh, wenn sie mit uns ein Joint Venture schließen können. Dann lassen sie uns das Geld ausgeben, was sich mitunter auf Millionen von Dollars belaufen kann. Dadurch bekommen sie unsere Produktionskompetenz und den Einsatz unseres Sales Teams, das die Show ans Fernsehen verkauft. Wir haben mehr als genug Musik-DVD-Projekte, die uns sehr, sehr beschäftigt halten werden.