Musik

Gelungener Befreiungsschlag

Das wiederbelebte Capitol/EMI-Sublabel Manhattan Records, das in den 80er-Jahren Künstlern wie Bobby Mc Ferrin eine Heimat bot, wartet mit dem Debüt eines außergewöhnlichen Talents auf. Das Album „Fearless“ der 26-jährigen Sängerin, Pianistin und Songwriterin Keri Noble verfügt über alle Ingredenzien für einen weltweiten Erfolg.

Der naheliegende, wenngleich wenig originelle Vergleich mit Norah Jones, dem anderen Schützling von Bruce Lundvall und Arif Mardin, greift beim Debütalbum von Keri Noble definitiv zu kurz. „Dass gewisse Ähnlichkeiten mit Norah zur Sprache kommen, mache ich niemandem zum Vorwurf“, erklärt Keri Noble. „Schließlich spielen wir beide Piano, singen, schreiben eigene Songs und bewegen uns in eher ruhigeren Gefilden.“ Doch sie versichert, dass weder sie selbst noch ihr Lebenspartner und Produzent Jeff Arundel versuchen, Norahs Territorium zu betreten. Zu verschieden seien die Ansätze ihrer Musik. Jeff Arundel zeigt sich begeistert von der Unterstützung Lundvalls, der für die Labels Blue Note (Norah Jones) und Manhattan verantwortlich zeichnet und während der Produktionsphase von „Fearless“ vor allem daran interessiert war, Nobles individuellen Ausdruck nicht zu verwässern.

„Bruce Lundvall hatte gerade Ian Ralfini als Boss von Manhattan engagiert. Ian liebt vor allem Keris langsame, traurige Balladen. Aber bei den Aufnahmen des Albums offenbarte sich Keris rohe Energie als Performerin immer mehr. Ian und Arif Mardin hielten sich als Executive Producers zurück und räumten uns alle Freiräume ein.“ Arif Mardin wollte auch keinesfalls als Produzent fungieren, sondern steuerte lediglich seine grandiosen Streicher-Arrangements bei, so Jeff Arundel. Würde Keri Nobles Individualismus Vergleiche nicht per se verbieten, könnte man sie mit ihrer Stärke, persönliche Verzweiflung in musikalische Schönheit zuverwandeln, glatt als weiblichen James Taylor durchgehen lassen.

Das erscheint als umso erstaunlicher, wenn die junge Frau erzählt, dass ihr die Kunst des Songwriting aus biografischen Gründen bis zum 18. Lebensjahr verborgen blieb. „Keine Drinks, keine Tanzmusik, keine Songs ohne religiösen Inhalt. Mein Vater ist christlicher Fundamentalist und Baptistenpfarrer. Als Priestertochter war mein Zuhause die Kirche. Weil mein Vater in Peru aufgewachsen war, lebten wir in einem von schwarzen und lateinamerikanischen Familien bevölkerten Stadtteil von Detroit. Erst als ich 18 Jahre alt war, hatte ich meine erste Begegnung mit ‚weißer Musik‘, als mir jemand Joni Mitchells Song ‚Blue‘ vorspielte.“ Das war für Noble ein Moment des Erwachens und ein Befreiungsschlag aus der kulturellen Unterdrückung des Baptistenglaubens ihrer Eltern. Vor diesem biografischen Hintergrund lässt sich Keri Nobles Debütalbum als sensationell bezeichnen: Tief in der Tradition großer Songwriter verwurzelt, überzeugt sie mit bluesig erdigem Timbre. Ihre Pianoballaden sind zwischen Energie und Getragenheit angesiedelt, ihre Selbstreflexionen klingen mal sanft, mal rockig und treffen ins Mark – dieses Album offenbart einen selbstbewussten Charakter, der den Frieden mit sich selbst noch sucht.