In England hat die junge Künstlerin inzwischen fast eine Million Käufer von ihren herausragenden Talenten überzeugt – und zwar ohne Unterstützung eines Majorlabels. Was hat sie, was andere nicht haben?
Die Frage beantwortet sich schnell, wenn man „Call Off The Search“ hört. Hier meldet sich eine Künstlerin zu Wort, die mit geradezu verblüffender Selbstsicherheit zwischen Folk, Pop, Blues und Soul wandelt.
Vergleiche mit Norah Jones drängen sich fast zwangsläufig auf, und doch besitzt Katie Melua ganz andere Qualitäten als die weltweit so erfolgreiche Kollegin. Mit 19 Jahren liefert sie ein rundum perfektes Album ab, gespickt mit einfühlsamen Balladen wie „The Closest Thing To Crazy“ und jazzigen Midtempo-Nummern wie „Crawling Up A Hill“.
Genug künstlerischer Freiraum
Die 1984 in Georgien geborene Musikerin verdankt ihren kometenhaften Aufstieg nicht zuletzt dem Gespür von Produzent Mike Batt, der auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Stimme für eines seiner Projekte zufällig auf Katie Melua stieß.
„Einer der ersten Songs, die ich geschrieben habe, war ‚Faraway Voice‘, eine Hommage an Eva Cassidy. Mike hörte ihn und war von meiner Stimme begeistert“, erinnert sie sich.
Auch wenn Mike Batt die Hälfte der Songs zu „Call Off The Search“ beisteuerte, ließ er Katie Melua von Anfang an genug Raum, damit sie sich entwickeln konnte. Mit dem Songschreiben habe sie erst vor vier Jahren begonnen, berichtet sie. „Erst als ich anfing Gitarre zu spielen, entwickelte ich meinen eigenen Stil.“
Wie weit sie auf ihrem Weg inzwischen gekommen ist, lässt sich auf den zwölf Stücken gut erkennen. Zwar gibt es hin und wieder noch ein paar Anklänge an ihre Vorbilder, Joni Mitchell und Eva Cassidy, aber insgesamt ist „Call Off The Search“ ein erstaunlich reifes, eigenständiges Statement.
„Ich habe, bevor ich mit meinen Eltern nach Belfast gezogen bin und von dort weiter nach London, viele Jahre in Georgien gelebt. Auch wenn in meinen Songs kein direkter musikalischer Einfluss auszumachen ist, so hat mich das Land doch sehr stark geprägt. Die Verbindungslinien verlaufen für Außenstehende eher unsichtbar.“
Keine Star-Allüren
An das Leben als Star muss sie sich aber erst noch gewöhnen. Der Erfolg kam sehr plötzlich und unerwartet. „Ich versuche mich ganz auf meine Musik zu konzentrieren, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen“, erzählt sie. „Ich kann mit dem affektierten Auftreten vieler Stars nicht das Geringste anfangen. Das ist definitiv nicht meine Welt.“
Da macht sie sich lieber Gedanken darüber, wie es weitergehen soll. Ein erster Ausflug in die USA 2003 war wenig ermutigend: Keines der großen Labels zeigte Interesse an der damals noch unbekannten Sängerin.
Inzwischen hat sich die Situation geändert: Mike Batt, der das Album auf seinem eigenen Label Dramatico veröffentlichte, hat für Deutschland, Österreich und Schweiz einen Vertrag mit Rough Trade geschlossen, mit Bonnier Amigo für Skandinavien, mit Naive für Frankreich und mit Universal für die USA. Die Weichen sind gestellt.


