2003 wird ein weiteres Jahr der Musikverleger werden. Warum? Die Kaufbegeisterung für die Schallplatte sinkt weiterhin. Natürlich wackelt die gesamte Musikindustrie dadurch. CDs haben im vergangenen Jahrzehnt den Geldwert von Musik verkörpert wie kein anderes Gut. Nun ist der Geldwert von Musik unter Druck, während der gesellschaftliche Stellenwert von Musik ständig steigt. In diesem Umfeld sind es die Musikverlage, die den Geldwert von Musik sichern müssen. Denn tatsächlich wurde noch nie so viel Musik konsumiert wie heute. Es fehlt nur an der Zahlungsbereitschaft.
Das hat verschiedene Ursachen, die seit Beginn des Jahrtausends heiß diskutiert werden. Inzwischen wird sogar einiges getan. Die Führungsebenen der Majors verkünden ein Umdenken. Es komme eine neue Zeit des A&R-Aufbaus mit langem Atem. Ernst nehmen kann man sie bisher allerdings allenfalls als Sprecher ihrer Publishing-Divisionen. Denn die Produkteinkäufer der Labels nehmen Themen noch immer eher marketingorientiert als musikorientiert unter Vertrag. Es sind also die Verlage, die damit die Qualität der Inhalte sichern. Man sollte dabei nicht vergessen, dass jeder Künstler über einen guten Song etabliert wird und weniger darüber, wie hoch die Rotation seines Videos bei Viva geschaltet ist. Wo stünden Bands wie Nirvana oder Lou Bega heute, wenn es nie ein „Smells Like Teen Spirit“ oder ein „Mambo No. 5“ gegeben hätte? Gäbe es einen weltberühmten Sting, wenn der Police-Hit „Roxanne“ nie geschrieben worden wäre, eine Shakira ohne „WheneverWherever“?
Die Komponisten der größten Hits werden dabei verlegerisch längst begleitet und unterstützt, bevor ihre Nummern auf Tonträgern erscheinen. Vor diesem Hintergrund verwundert es, wenn die Majorlabels vordergründig die Wiederentdeckung der Bedeutung von Inhalten feiern und tatsächlich die Unterstützung des Aufbaus dieser Inhalte dadurch in Frage stellen, dass sie die Vergütung für die Musikwerke von einem Tiefpunkt auf den nächsten drücken wollen. Viele Autoren und Verleger tangiert dies jedoch nicht existenziell, sie haben eine andere Perspektive. Aus ihrer Sicht ist die Schallplatte immer nur ein Auswertungsmedium von vielen. Solche Medien kommen und gehen, doch Lieder bleiben. Und sowohl große Evergreens als auch auf dem Dachboden vergessene Melodien haben ein anderes, ein längeres Leben als die meisten Tonaufnahmen. Anders ausgedrückt: Musikverleger hat es schon gegeben, längst bevor es die erste Schallplatte gab und es wird sie noch geben, längst nachdem die letzte Schallplatte verschwunden ist.
Auch die weiteren Einnahmesäulen der Copyright-Inhaber zeigen, dass der Tonträger nur einen Teilbereich ausmacht. Denn Sendung, Aufführung und Synchronisation erweisen sich gegenüber dem mechanischen Recht häufig als die bedeutenderen Ertragsquellen. Auch in den neuen Nutzungsumfeldern wie Klingelton und Internet behauptet sich die Stärke der durch die Verlage und die GEMA wahrgenommenen Urheberrechte. Hier zeigt sich wiederum die Bedeutung der Musikverleger für die Sicherung des Geldwertes von Inhalten. Wo die Marketingabteilungen der Labels ihre Acts und Aufnahmen im Wege von Kooperationen kostenlos oder sogar mit hohen Draufzahlungen platzieren und damit ein manches Mal eher zu einer Verramschung als zu der Beflügelung von Plattenverkäufen beitragen, müssen Verlage gegensteuern. Die Zeiten, in denen man die Musik hier verschleudert, um einer oft nicht erfüllten Hoffnung höhere Abverkäufe von CDs im Handel hinterherzulaufen, sollten vorbei sein. Aber die Majorlabels müssen an ihnen festhalten, weil sie nichts anderes als die Schallplatte haben.
Musikverlage können es nicht, weil ihre Einnahmen aus Tonträger-Verkäufen hier nur ein Nebenschauplatz sind und sie auf die Erhaltung der Wertigkeit von Musik im Großen und Ganzen achten müssen. Wenn also der Schallplattenindustrie etwas an dieser Wertigkeit liegt und sie die Bedeutung von A&R wiederentdecken wollen, sollten sie auch hier ansetzen. Im übrigen täuscht die hausgemachte unsägliche A&R-Debatte der Industrie natürlich vor allem über die Versäumnisse bei den Kopierschutztechniken und Internetkonzepten hinweg. Einer ablenkenden Debatte über die Schwäche von A&R bedarf es deshalb nicht. Es gibt nämlich in Deutschland und international weder schwache Künstler noch schlechte Songs.
Es gibt, wenn überhaupt, nur Fehler in der Themenauswahl beim Einkauf der Inhalte in den Etagen der Tonträgerkonzerne und in der Art und Weise, dem Konsumenten Themen nahezulegen. Man muss für die Musikfans allerdings die Inhalte vorrätig halten, die sie wirklich hören wollen. Aber es gibt auch gute Ansätze in der Tonträgerbranche. Viele kleine Firmen setzen sich mit tollen Konzepten und der Pflege kleiner Fangemeinden nach und nach durch. Große Marketingkonzepte, wie zum Beispiel „Popstars“, sammeln erstklassige Songs von allen – großen und kleinen – Musikverlagen für ihre Acts, und das auf hohem Niveau. Und neulich sagte ein Record-A&R-Manager doch tatsächlich zu mir: „Ich glaube inzwischen, dass es schwieriger ist, einen guten Song zu finden als einen guten Interpreten.“ Zeit für Musikverleger!



