Tonträgerfirmen nehmen Kampf gegen CD-Brennerei auf München – CDs vor dem unerlaubten Kopieren zu schützen, ist seit längerem eines der Hauptziele der Tonträgerindustrie. In den vergangenen Wochen haben bei fast allen Majors Tests verschiedener Systeme stattgefunden, nach und nach führen die Firmen verschiedene Schutzsysteme ein.
„Eine ganze Reihe von Mitgliedern haben bereits einen Kopierschutz eingeführt oder testen ihn gerade“, erklärt Dr. Hartmut Spiesecke, Leiter Öffentlichkeitsarbeit beim Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft. „Die Firmen gehen nicht konzertiert vor, sondern schützen sich jeweils selbst“. In der Praxis bedeutet dies, dass künftig nahezu alle CDs nicht mehr in den CD-Rom-Laufwerken von PCs abspielbar sein werden – die Branche will so dem am meisten verbreiteten Kopieren per CD-Brenner einen Riegel vorschieben.
Unter den großen Plattenfirmen in Deutschland scheint Zomba Records derzeit die Nase vorn zu haben: Geschäftsführer Kurt Thielen kündigte an, dass ab dem 23. Juli alle Zomba-Veröffentlichungen mit Kopierschutz versehen sein werden. Bei BMG befindet sich das Vorhaben noch in der Testphase, bis Ende des Jahres will man die Einführung bewerkstelligen. Universal Music hat Ende Mai testweise die Compilation Bild Mallorca Hits mit Kopierschutz versehen und rüstet ab Herbst alle Polystar-Veröffentlichungen damit aus.
Joachim Kirschstein, Managing Director der Universal Marketing Group, meint dazu: „Der Kopierschutz wird den Markt nicht stimulieren – das können nur spannende Inhalte – aber er wird unsere Künstler vor der stetig wachsenden Bedrohung durch massenhaftes illegales Kopieren bewahren.“ Und edel music führt den Kopierschutz, eine Eigenentwicklung, jetzt sukzessive ein und testet die Resonanz, wie Jörg Hahn, Geschäftsführer von optimal media production, erklärte. Von Warner Music Deutschland und von EMI Music lagen bis zum Redaktionsschluß keine Stellungnahmen vor.
Bundesverband Phono bläst zum Angriff auf die CD-Piraten Hamburg – 133 Millionen CD-Rohlinge wurden im vergangenen Jahr mit Musik bespielt, was 54 Prozent aller verkauften CD-Rs entspricht. Die Zahl stammt aus einer Studie über CD-Brennerei und Downloading, die der Bundesverband Phono anfertigen ließ. Die Branche und der Verband sind sich sicher: Die Zeit des Wegschauens ist jetzt vorbei.
„Gegen massenhaften Musikdiebstahl wehren wir uns mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Ohne Bezahlung können auch Künstler nicht von ihrer Kunst leben“, erklärt der Bundesverband-Phono-Chef Peter Zombik. Und weiter: „Wir fordern die Bundesregierung auf, die legale Privatkopie deutlich einzuschränken, um dem Raubbau Einhalt zu gebieten“.
Der Widerstand kommt zur rechten Zeit: Händler wie Plattenfirmen-Chefs beklagen Umsatzeinbußen. In Mark ausgedrückt, ist laut der Studie durch illegales Downloaden von Songs und durch CD-Brennerei eine Umsatzeinbuße in Höhe von 3,3 Milliarden Mark entstanden. 1999 wurden lediglich 58 Millionen CD-Rohlinge mit Musik bespielt, die Menge steigerte sich im Folgejahr um 129 Prozent. 14,6 Prozent der Befragten gaben an, seitdem sie die Möglichkeit zum Brennen haben, weniger Alben zu kaufen.
Auch hinsichtlich der Downloads scheint der Hang der Bevölkerung zum Nichtbezahlen von Musik sehr ausgeprägt: Im vergangenen Jahr wurden 316 Millionen Downloads aus dem Internet „gezogen“, 228 Millionen davon illegal über Tauschbörsen wie Napster oder Gnutella. Im Durchschnitt ergaben sich 77,7 Stück oder Songs pro User.
Kostenpflichtige Song-Downloads nutzten dagegen nur 5,5 Prozent aller Befragten. Die Tonträgerindustrie schließt sich dem Engagement des Bundesverbands gegen CD-Piraterie an. In diesen Wochen werden die ersten CD-Veröffentlichungen mit einem Kopierschutz versehen, der das Abspielen (und damit Kopieren) der CDs auf PC-Laufwerken unterbinden soll.
Piraten-Märchen? (Rubrik Apropos MW 31/01) Es war einmal ein böser Pirat, der brannte in seinem stillen Kämmerlein Musik auf CDs. Er brannte, was ihm gerade unter die Finger kam, und er tat, was konnte, um den Musikunternehmen und ihren Künstlern zu schaden. Vorstellungen wie diese äußern Branchenvertreter des öfteren. Gerne wird das Bild vom finsteren Gesellen stilisiert, der nicht eher ruhen wird, bis alle Produktmanager und A&R-Experten arbeitslos sind und die Musik niemandem mehr gehört.
Ob diese Darstellung der Realität entspricht oder eher ins Reich der Märchen einzuordnen ist, ist ebenso umstritten wie die Frage, was das „nächste große Ding“ wird. Doch seit ein paar Tagen liegen neue Argumente auf dem Tisch, die das Bild vom bösen Piraten ins Wanken bringen. Folgt man den Ergebnissen der Brenner-Studie des Bundesverband Phono, treibt die Konsumenten nicht hauptsächlich der Hass auf die Branche zum CD-Brenner, sondern Wünsche, die die Plattenfirmen und Händler nicht oder noch nicht in ausreichendem Maße erfüllen.
Zwei Drittel der Befragten wünschen sich eine größere Auswahl im Handel, 23 Prozent beklagen, dass die Wege zu CD-Geschäften zu weit sind, 69 Prozent wollen sich individuelle CDs zusammenstellen. 68 Prozent finden im hauptsächlich im Internet und nicht im Tonträgerhandel neue, interessante Musik. Natürlich schwebt seit der Untersuchung kein Heiligenschein über den Köpfen der Durchschnitts-Konsumenten. Interessant ist dennoch, dass es Ansätze jenseits des restriktiven Kopierschutzes gibt, die die Branche verfolgen kann.
Diese Ansätze werden weniger Medienecho verursachen, aber mit Sicherheit zusammen mit dem flächendeckenden Kopierschutz zu einer Entspannung der Situation beitragen. Dem Bundesverband Phono gebührt jedenfalls Anerkennung für die Präsentation der Studie. Ihr Zahlenmaterial und ihre Aussagen werden mit Sicherheit in den nächsten Monaten vielen Branchengesprächen als solide Grundlage dienen und vielleicht dazu beitragen, die Diskussion zu versachlichen. Martin Schrüfer, Redakteur
Statements der Verantwortlichen Dr. Carl Mahlmann, Director Planning GSA bei EMI Electrola: „EMI Electrola hat im letzten Jahr begonnen, einige besonders kopiergefährdete Promotion-CDs mit einem Kopierschutz zu versehen. Wir arbeiten seit Anfang Juni daran, auch kommerzielle CDs kopierzuschützen, und werden voraussichtlich die ersten dieser CDs im Herbst im Markt haben. Wir werden sukzessive beginnen, zuerst besonders kopiergefährdetes Repertoire zu schützen und dabei die notwendigen Erfahrungen sammeln.
Alle kopiergeschützten CDs werden von Tests begleitet, damit sichergestellt ist, daß die CDs auf herkömmlichen CD-Playern problemlos laufen. Die Ausweitung auf internationales Repertoire setzt ein gemeinsames Vorgehen mit unseren Schwesterfirmen im Ausland voraus. Daran arbeiten wir. Bei der technischen Umsetzung des Kopierschutzes werden wir auf die langjährigen Erfahrungen von Spezialunternehmen zurückgreifen. Dabei muß eine permanente Weiterentwicklung der Kopierschutz-Maßnahmen gewährleistet sein. Dies schliesst in einer zweiten Stufe auch Abwehrmaßnahmen gegen Internet-Piraterie mit ein“.
Auf die Frage, ob die Einführung eines Kopierschutzes den Konsumenten verärgern könnte, meint Mahlmann: „Unabhängig davon, daß es keinen Anspruch auf Abspielbarkeit auf PC-Laufwerken gibt, werden nach Möglichkeit Kopierschutz-Verfahren eingesetzt, die das Anhören der Tracks über den PC ermöglichen. Dazu gibt es momentan mehrere technische Ansätze, zum Beispiel über speziell codierte Musikfiles auf der CD oder über Zugriffsmöglichkeiten via Internet-Links. Die Entwicklung dieser Alternativen ist aber noch nicht abgeschlossen. Wir erwarten natürlich nicht den Beifall der Raubkopierer. Eine gemeinsame Lösung aller Plattenfirmen lehnt Mahlmann ab: „Das dürfte nicht im Sinne der Piraterie-Abwehr sein, denn eine gewisse Vielfalt der Abwehrmaßnahmen ist notwendig, um es den Raubkopierern nicht zu leicht zu machen.
Dr. André Schirmer, Director Corporate Communications bei der edel music AG: edel setzt einen Kopierschutz seit Beginn des Jahres ein, den ersten Versuch starteten wir mit der „Eis am Stil“-Compilation. Die Entscheidung, den Kopierschutz auf alle Veröffentlichungen auszuweiten, hängt von den Reaktionen der jeweiligen Zielgruppen ab. Unser Schutzsystem ist eine Eigenentwicklung der Abteilung Neue Medien bei optimal unter der Leitung von Axel Sarodnik. Das könnte für den Hersteller optimal in Zukunft zum Marketingvorsprung werden, wegen dem sich Labels entscheiden, bei optimal fertigen zu lassen“.
Christoph Schmidt, President BMG Entertainment GSA: „Zur Zeit prüfen wir in Zusammenarbeit mit Sonopress Germany diverse Verfahren. Wir werden so bald als möglich mit einem am besten geeigneten Schutzverfahren an den Start gehen. Dabei ist unser Ziel dem Konsumenten den meisten Komfort beim Abspielen der CD zu ermöglichen und gleichzeitig unsere Künstler vor dem illegalen Kopieren ihres Produktes zu schützen“.
Und Hans-Dieter Queren, Kopierschutzexperte der BMG, ergänzt: Zur Zeit sind rund 100.000 Tonträger im Markt mit unterschiedlichsten Kopierschutzmöglichkeiten – sozusagen als Testversion. Bis jetzt haben wir kein negatives Feedback. Das soll aber noch nicht alles gewesen sein: „Es sind viele weitere Überraschungen möglich. Unsere Softwareentwickler sind mindestens so kreativ wie die Hacker.
Joachim Kirschstein, Managing Director Universal Marketing Group GmbH: „Ein Kopierschutz ist überfällig und Universal wird ihn im Herbst auf breiter Front einführen. Unser Ziel ist die Einführung eines Kopierschutzes für alle Universal Produkte im Herbst 2001 Er wird den Markt nicht stimulieren – das können nur spannende Inhalte – aber er wird unsere Künstler und unsere Marken vor der stetig wachsenden Bedrohung durch massenhaftes illegales Kopieren wirkungsvoll schützen.
Das von uns favorisierte System wurde von einem externen Partner entwickelt und soll fortlaufend aktualisiert werden. Der Kopierschutz, den Universal einsetzen wird, verhindert nicht das Abspielen von CDs am Computer. Im Gegenteil: Beim Einlegen in den PC öffnet sich ein spezieller Media Player mit diversen Service-Funktionen. Eine gemeinsame Lösung aller Plattenfirmen ist zur Zeit nicht aktuell. Aber wir sind offen für alle Initiativen. Es wird nie einen perfekten Kopierschutz geben, insofern kann ein solches System nur ein Beitrag zur Lösung unserer Probleme sein.
Wichtiger als die Bekämpfung der Symptome ist die Beschäftigung mit den Ursachen des CD Brennens. Den Wunsch der Kunden nach individuellen Musikzusammenstellungen müssen wir ernst nehmen und zügig die entsprechenden Angebote schaffen.
Edward Will, Head of Legal & Business Affairs bei Warner Music Germany: „Warner Music Germany plant die Einführung von CD-Kopierschutz für Ende dieses Jahres. Es laufen z. Z. noch interne Tests, um zu entscheiden, welches Kopierschutzsystem eingeführt werden soll. Wir sind überzeugt davon, daß der CD-Kopierschutz einen ganz wesentlichen Beitrag zur Eindämmung der Gefahr durch illegales Kopieren von Musik leisten wird.
Koch International möchte nach Auskunft von Geschäftsführer Franz Selb noch in diesem Jahr mit dem Einsatz von Kopierschutztechniken beginnen. Derzeit führt die Firma Gespräche mit verschiedenen Anbietern entsprechender Lösungen.
Eberhard Kromer, Vice President Business Affairs/eMedia GSA bei Sony Music Entertainment (Germany): Unser erster Release mit dem Kopierschutz „Key2Audio“ ist bereits terminiert: Am 6. August 2001 wird die erste damit ausgerüste CD, „Hot R&B – The Biggest Names in R&B And Soul„, auf den Markt kommen. Als nächste Veröffentlichung ist „The Dome, Vol. 19“ für den 3. September geplant. Nach und nach werden immer mehr Veröffentlichungen gegen Kopieren geschützt, ohne dass sich jetzt schon sagen ließe, wann auch alle internationalen Releases einbezogen werden. Das System wurde von Sony DADC Austria in Österreich entwickelt.
Jeder, der dort herstellen lässt, kann ihn übrigens aufbringen lassen – zahlreiche Firmen haben das bereits getan. Wir sind sicher, dass eine ganz große Mehrheit der Konsumenten uneingeschränktes Verständnis für den Kopierschutz hat. Sollte es dennoch Beschwerden, oder auch Anregungen, geben: wir werden dazu für die Verbraucher eine E-mail-Hotline einrichten unter der E-Mailadresse [mailto:[email protected]@@@[email protected]].
In der Branche herrscht Einigkeit, dass es höchste Zeit ist, zu handeln. Gemeinsam agieren werden wir in dem Sinne, dass Kopierschutz, wie er bei Spielen oder Software längst üblich ist, auch bei Music CDs üblich wird. Allerdings werden sicherlich verschiedene Techniken und Vorgehensweisen zum Einsatz kommen, da es darüber keine Absprachen gibt. Eine ultimative Antwort auf die Brennerei gibt es aber leider noch nicht. Illegalität wird vorhanden sein, aber es ist jedenfalls vorbei mit dem viel zu einfachen Zugang zu nicht autorisierten Kopien, wodurch auch das Rechtsbewußtsein für den Wert von Musik gelitten hat.
Manfred Schütz, Managing Director von SPV: Im Oktober oder November werden die ersten Veröffentlichungen mit einem Kopierschutz auf den Markt kommen. Derzeit besprechen wir uns mit der Duplizier-Firma Sonopress über mögliche Lösungen“.


