Musik

Eva Cassidy: Posthumer Durchbruch einer Ausnahmesängerin

Das sensationellste Charts-Phänomen derzeit ist der Erfolg der 1996 verstorbenen amerikanischen Sängerin Eva Cassidy. Ganz ohne aufwändige Werbekampagnen eroberte ihr Album „Songbird“ den britischen Charts-Thron und ist jetzt auch in Deutschland ein Hit.

Zu ihren Lebzeiten war die sensible Sängerin allenfalls in ihrer Heimatstadt Washington als lokale Größe bekannt. Die musikbegeisterte junge Frau verdiente ihren Lebensunterhalt als Landschaftsgärtnerin und betrachtete das Singen eher als Hobby. Vor Live-Auftritten litt sie unter großem Lampenfieber. Ihr Repertoire reichte von Jazz, Folk, Blues, Gospel und Tin-Pan-Alley-Standards bis hin zu zeitgenössischen Pop-Balladen, und sie ließ sich deshalb nicht in die gängigen Genre-Schubladen stecken. Eva Cassidy galt deshalb als schwer vermarktbar und konnte vor ihrem tragischen Tod aufgrund einer Hautkrebs-Erkrankung im November 1996 nur zwei Platten veröffentlichen.

Rund vier Jahre später nahm der britische Radiosender BBC Radio 2 ihre Version des Judy-Garland-Klassikers „Over The Rainbow“ ins Repertoire. Dann tauchte ein Schwarzweiß-Amateurvideo mit einem Club-Mitschnitt des Songs auf, der das britische Publikum zu Tränen rührte und zum meistgewünschten Video-Clip der TV-Sendung „Top Of The Pops 2“ avancierte.

Die 1998 vom australischen Independent-Label Hot veröffentlichte CD „Songbird“, die auch „Over the Rainbow“ enthält, gelangte im März auf Platz eins der britischen Charts und verkaufte sich in Großbritannien über 500.000-mal. Eine goldene Schallplatte verlieh Hot auch dem Postamt des Dorfs in Sussex, wo die englische Dependance des Labels sitzt, für die logistische Leistung der CD-Versendungen.

In den USA eroberte „Songbird“ inzwischen die Spitze der „Pop Album Catalog“-Charts. Die Gesamtzahl ihrer dort abgesetzten Alben steigerte sich auf rund eine halbe Million. Jetzt steht „Songbird“ auch in Deutschland (Vertrieb: Zomba) in den Charts (Platz 41) – auch hier „ohne dass wir einen Pfennig für Werbung ausgegeben hätten“, wie Kristina Sprave, Head of Promotion von Zomba Distribution, anmerkt.

Zomba war laut Sprave von Anfang an darauf bedacht, das Thema liebevoll und behutsam zu behandeln. Die Promotion übernahm die Erdinger Firma Strunz Enterprises in Zusammenarbeit mit King Ink Promotion aus Ratingen. Die Firmen versorgten die Medien mit einem einstündigen EPK-Video, das außer dem in England schon legendären „Over The Rainbow“-Clip aufschlussreiche Beiträge britischer und amerikanischer Fernsehanstalten enthält, die unter anderem Eva Cassidys Eltern, Freunde und Musikerkollegen interviewten. Diese Informationen nutzten diverse deutsche Medien zu eigenen Beiträgen über die Künstlerin. So erschienen unter anderem Artikel im „Spiegel“ und im „Goldenen Blatt“ und es gab einen Bericht im ZDF-Frühstücksfernsehen.

Initialzündung für den deutschen Charts-Eintritt war vor allem das Engagement des Radiosenders SWR 3 für das Thema. Der Sender brachte ebenfalls Features über die Sängerin und spielte Cassidys Version des Sting-Titels „Field Of Gold“ häufig – was zahlreiche Anfragen hervorrief, von wem denn diese wunderschöne Fassung stamme. Auch über Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitete sich die Kunde der famosen Stimme. Die Verkaufszahlen des Albums „Songbird“, die vorher noch bei 800 gedümpelt hatten, stiegen laut Sprave auf 30.000 an – ein Großteil im Sendegebiet von SWR 3.

Sprave und Strunz sind optimistisch, dass „Songbird“ und andere Cassidy-Alben wie das ebenfalls posthum veröffentlichte „Time After Time“ noch anziehen, da inzwischen auch andere Radiosender wie Radio 1 oder WDR 2 sich der Sängerin annahmen und Anfragen für weitere Fernsehbeiträge vorlägen.Spätestens wenn die CD in die Top Ten käme, müssten auch Viva und MTV wohl zwangsläufig das „Over The Rainbow“-Video ins Programm nehmen, meint Sprave.

Der intime, anrührende Mitschnitt zeigt eine ganz in den Song versunkene Künstlerin, die hier als das Gegenteil gelackter Popstars in Hochglanz-Videoproduktionen erscheint. Ihre Platten sind Vermächtnisse einer großen Stimme von tiefer emotionaler Kraft, eines empfindsamen Anti-Stars mit traurigem Schicksal. Kurz vor ihrem Tod organisierten Musikerkollegen und Freunde ein Tribut-Konzert für sie. Vollgepumpt mit Morphium schleppte sie sich auf die Bühne zu ihrem letzten öffentlichen Auftritt und sang eine überwältigende Version von Louis Armstrongs „What A Wonderful World“. Wie ihre Mutter berichtet, gab es niemanden im Publikum, der nicht geweint hätte.