“Meine Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, die EMI-Divisionen rund um die Welt beim Aufbau ihres DVD-Geschäfts zu unterstützen“, erklärt Dunn. „Ich helfe bei Entscheidungen über Veröffentlichungen, informiere sie über das mögliche Verkaufspotenzial, unterrichte sie, was in anderen Territorien funktioniert hat und helfe bei der Strukturierung ihrer Organisation.“ Dunn zeigt sich sehr beeindruckt vom jüngsten Wachstum im globalen DVD-Markt, der laut IFPI von 35 Millionen verkauften Einheiten im Jahre 2001 auf 63 Millionen im letzten Jahr zulegte. Dabei konstatiert er trotz territorialer Unterschiede Wachstum in allen Regionen. Der deutsche Markt entwickle sich seiner Meinung nach gut. „Deutschland hinkte zunächst noch etwas hinterher, holt jetzt aber vor allem gegenüber Frankreich auf“, resümiert Dunn. „In Deutschland wurden im letzten Jahr 3,3 Millionen DVDs verkauft. Das Wachstum des Marktes ist zum Teil auf Anstrengungen des Handels zurückzuführen, der auf die DVD ein Hauptschwergewicht legt. Deutsche Händler sind besonders geschickt darin, Musik-DVDs im direkten Umfeld von CDs zu platzieren, was eine sehr gute Strategie ist.“
Dunn unterstreicht die Notwendigkeit, das Medium als zentrale Plattform jeder Verkaufs- und Marketingkampagne für die wichtigsten Künstler zu nutzen. Es gelte, dem Format die Priorität zuzuerkennen, die es aufgrund seines gewachsenes Profils verdiene. „Es ist ein Fehler, die DVD erst dann ins Spiel zu bringen, wenn das Album und Singles eines Künstlers längst gegessen sind. Es ist mein Job, sicherzustellen, dass wir DVDs vom Start eines Projekts an mit in Erwägung ziehen, und das Potenzial des Formats zu maximieren. DVDs sollten heutzutage kein „Nachschlag“ mehr sein. „Ich bin sehr beeindruckt, was Universal mit 50 Cent geleistet hat, wo die DVD von Anfang an eine Hauptrolle in der Vermarktungsplanung gespielt hat. Die Firma hat Schlüssel-Tracks zugunsten des DVD-Konsumenten zurückgehalten, und die daraus resul-tierenden Verkäufe zeigen, dass die Strategie gut funktioniert.“
Als EMI-DVD-Chef hat Dunn die Produktion des hoch gelobten „Anthology“-Pakets der Beatles überwacht, von dem bis heute weltweit über eine halbe Million Exemplare ausgeliefert wurden – eine Zahl, die er als „fantastisch“ bewertet. „Die Leute wollen diese Art von fünf- oder sechsstündigen Dokumenten des klassischen Erbes von Künstlern dieser Kategorie“, so Dunn. „Warner macht einen ähnlichen Job mit Led Zeppelin, und ich denke, es wird in diesem Bereich noch viel nachkommen.“ Wird also der Musik-DVD-Markt in den nächsten Jahren von Nostalgieprodukten überflutet, weil die Plattenfirmen schlichtweg versuchen, ihre „Rock-Dinosaurier“-Acts auszuwerten? Wiewohl Dunn das Potenzial dieses Segments bestätigt, denkt er, dass junge, zeitgenössische Künstler ebenso vom neuen Format profitieren können – wenn ausreichend Kreativität und Phantasie zum Tragen komme. „Wir müssen die Herstellung einer DVD als riesige Chance begreifen. Wir wissen alle, dass die Produktionskosten hoch sind und auch das Filmen eines Konzerts nicht billig kommt. Aber es gibt viele Inhalte, die wir kostengünstig für eine gute Musik-DVD aufgreifen können. Fans lieben Impressionen aus dem Backstage-Bereich, und das wertvollste DVD-Material könne man hinter den Kulissen mit nicht mehr als einer kleinen Digital-Kamera einfangen. Es müsse nicht immer ein gigantischer Dreh mit sechs Kamera-Perspektiven sein. Auch pure Dokumentarfilm-Szenen über einen Künstler, der im Studio ein Album aufnimmt, könnten „absolut faszinierend für Fans sein“.
Obwohl er bei der Entwicklung aller Segmente von EMIs DVD-Aktivitäten involviert ist, hegt Dunn keinen Zweifel, dass im Musikbereich DVD-Video der bei weitem größte Wachstumssektor ist. „DVD-Audio und SACD mögen beide den 5.1-Sound zu den Konsumenten bringen, den sie sehr lieben. Aber beide Formate verzeichnen relativ niedrige Verkaufszahlen im Moment, und werden von der DVD-Video klar übertrumpft.“ Können somit sowohl DVD-Audio als auch SACD überleben? „Ich würde darüber nicht gern spekulieren“, so Dunn. „Ich glaube, in Nordamerika ist die DVD-Audio populärer, aber welches Format überleben wird? Ich habe wirklich keine Ahnung.“ Was künftige DVD-Video-Veröffentlichungen von EMI anbelangt, hält sich Dunn bedeckt. Immerhin verrät er, dass er extrem hohe Erwartungen an eine DVD mit einem Live-Auftritt von Queen aus dem Londoner Wembley-Stadion hege, von der er hofft, zumindest ansatzweise ans Erfolgs-Level der Beatles-„Anthology“ anschließen zu können. „Ich kann mir auch eine DVD von Robbie Williams‘ Sommer-Tournee fürs Weihnachtsgeschäft vorstellen.“
Für Dunn ist die Musik-DVD ein Format, bei dem die Plattenfirmen gerade erst begonnen haben, das Maximum auszuschöpfen. „Wir fangen erst an, das Medium und seine Möglichkeiten zu verstehen“, meint er. „Interaktivität ist der Schlüssel. Eine großartige Idee ist etwa, ein Instrument zu eliminieren, so dass der Konsument seine Gitarre nehmen kann, um selbst als Bandmitglied zu fungieren. Oder wir können Noten und Tabulatur als Feature einbinden. Wir haben sichergestellt, dass Optik, Tonqualität und Verpackung großartig sind, aber es gibt immer noch viel mehr, was wir tun können.“



