Musik

„Ein Tritt in den Hintern“

Ersthaftigkeit? Älterwerden? Solche (Un)Worte aus Ärzte-Mund? Doch, meint Farin Urlaub im Interview – aber immer mit Augenzwinkern.

“ Neben dem typischen, absurden Ärzte-Humor, gibt’s auf „Geräusch“ auffallend viele politische Lieder. Seit ihr ernster geworden?

Farin Urlaub: Bela und ich haben uns am Anfang der Aufnahmen gegenseitig gefragt, ob „Geräusch“ das ernsteste Ärzte-Album überhaupt wird. Ich denke, dass das tatsächlich etwas mit Älterwerden zu tun hat. Stell dir vor, wir würden die ganzen ernsteren Themen weglassen. Dann wären wir echt eine Band, die verkrampft versucht, auf keinen Fall älter zu werden und darauf aufpasst, dass uns die Teenies noch hören. Die Themen, die wir auf das neue Album gepackt haben, sind Dinge, die uns beschäftigen. Also sowohl die albernen, als auch die ernsten und die in der Mitte. Was wir wollen, kommt auf unser Album. Fertig.

“ Das war ja bei euch schon immer so. Sonst hätte es eine Platte wie „Le Frisur“ vermutlich nie gegeben, oder?

Richtig. Nur unsere Plattenfirma sah das nicht so, weil wir von „Le Frisur“ weniger verkauft haben als von der „Planet Punk„. Unsere Firma dachte damals, dass wir mit „Le Frisur“ totalen Mist gebaut hatten, weil sie sich weniger gut verkauft hatte. Aber darum geht’s doch gar nicht. Wenn es nur darum ginge, wäre Dieter Bohlen der beste Musiker der Welt. Ist er aber nicht!

“ In „Deine Schuld“ singst du, dass der Kopf noch zu mehr zu gebrauchen ist, als nur eine Kappe darauf zu tragen. Ist das ein Tritt in den Hintern der Kappenträger?

Nein, ich trage ja selbst begeistert Kappe. Das Lied ist ein Tritt in den Hintern all der Leute, die von vornherein schon aufgeben und denken, dass man ohnehin nichts ändern kann. Das ist falsch, falsch, falsch. Ich hoffe, dass ich mit dem Lied vielleicht jemandem Mut machen kann. Aber in erster Linie ist es mal ein auskotzen von dem was ich denke.

“ Bislang galt Rod immer als der ‚wahre Musiker‘ bei euch. Auf dem neuen Album hat er endlich sein gefeiertes Coming Out als Songwriter. Habt ihr seine Lieder vorher abgeschmettert?

Nein, im Gegenteil. Bela und ich hatten uns vorher schon gewünscht, dass Rod mit eigenen Liedern mehr aus der Hüfte gekommen wäre. Jetzt hat es geklappt, was ich sehr geil finde. Weil wir nun drei Schreiber in der Band haben, ist eine Doppel-CD daraus geworden. Rod hatte bislang in Punkto Kreativität bei den Ärzten nicht soviel zu bieten gehabt, weshalb viel davon auf den Schultern von Bela und mir lastete. Als es dann darum ging unsere Lieder für „Rock’n’Roll Realschule“ neu zu orchestrieren, haben wir Rod dazu verdonnert. Ich glaube dass ihm das mehr Selbstbewusstsein gegeben hat. Das ist meine Theorie.

“ Ist dein „Pro Zombie“ nach Rods „Anti Zombie“ entstanden?

Nein, die sind unabhängig voneinander entstanden, was ich superlustig finde. Ich spielte Bela mein Demo vor und war ganz stolz auf mein Zombie-Lied. Bela meinte dann, „na, das ist ja ein Ding. Rod hat auch ein Zombie-Lied gemacht.“ Ich hatte schon Angst davor, dass wir eins der beiden streichen müssten, aber wie haben sie „Pro-Zombie“ und „Anti-Zombie“ genannt und dann war wieder alles gut.

“ Wie ist eigentlich jemand, der „rockbar“ ist?

Nicht so wie eine ehemalige, gute Freundin von mir. (lacht) Die weiß zwar inzwischen, dass das Lied existiert, aber sie hat es noch nicht gehört. Es wurde einfach Zeit für diese Wortneuschöpfung „Unrockbar“. Es gibt ja tatsächlich Leute, die in musikalischer Hinsicht schmerzfrei sind. Es gibt Leute, die im Supermarkt stehen, sich dort die Musik anhören, mitswingen und denken, dass das ja auch schöne Musik ist. Solche Leute sind unrockbar, weil das was ihnen dort vorgespielt wird, keine schöne Musik ist, sondern Industriemist.

“ Habt ihr die Lieder der beiden CD’s thematisch unterteilt?

Wenn wir daraus eine Partyplatte und eine Platte mit ernsteren Liedern gemacht hätten, wäre vermutlich hauptsächlich die Partyplatte gehört worden. So wie wir die Lieder der Doppel-CD jetzt gemischt haben, werden alle Lieder gehört.

“ Ist „Geräusch“ eine Doppel-CD geworden, weil ihr so viele gute Lieder hattet?

Ja, das ist tatsächlich der Grund. Wir haben schon relativ früh gemerkt, dass wir sehr viele Lieder zur Auswahl hatten. Wir wollten dann ein paar Lieder rausschmeißen, von denen uns aber einige viel zu gut gefielen. Als wir dann alle Lieder aufgenommen hatten, war dann auch relativ schnell klar, dass sie so gut waren um daraus eine Doppel-CD machen zu können.

“ Eure Tour jetzt im Winter, zu denen ihr Fettes Brot als Vorgruppe eingeladen habt, ist relativ kurz und findet nur in großen Hallen statt. Wird die Tour im nächsten Jahr fortgesetzt?

Ja. Die kleinste Halle, die wir dabei spielen werden, fasst 3000 Leute und die größten Konzerte werden in der Berliner Wulheide vor jeweils 18.000 Leuten stattfinden. In Berlin werden wir die Village People als Vorgruppe haben.

“ In der originalen 70er-Jahre-Besetzung?

Ja. Allerdings sind die so teuer, dass Bela und ich von Rod für bekloppt erklärt wurden, weil wir uns die Truppe als Vorgruppe gewünscht hatten. Weil wir dreimal in Berlin spielen werden, haben wir uns dann dazu entschlossen, dass Bela sie mir an einem Tag schenkt und ich sie ihm am anderen Tag schenke. Das fand Rod dann wieder so bescheuert, dass er schließlich eingewilligt hat.