Musik

Echo fürs Lebenswerk an Caterina Valente – Die Callas des Entertainment

Caterina Valente hat seit den Wirtschaftswundertagen Maßstäbe gesetzt – nämlich wie man mit unbändiger Musikalität und perfektem Handwerk so etwas wie Glamour entfaltet. Ein Portrait von Jan Feddersen.

Sie hat zwei Söhne, Eric Philip Bruno und Alexander. Es werden ihre persönlichen Erben sein, irgendwann einmal und hoffentlich nicht so bald. Aber ihre eigentliche Erbschaft, den Ertrag ihres öffentlichen Lebens, wird niemand antreten können: Caterina Valentes Vermögen auf der Bühne, als Entertainerin und Sängerin, hat niemand, der es ihr wird gleich tun können. Den Kindern und Jugendlichen von heute ist sie, wenn überhaupt, nur als Sängerin ein Begriff, die für ihre Großeltern und Eltern eine Bedeutung hat – wenn überhaupt. Lebte sie in Großbritannien, hätte man ihr längst, wie Shirley Bassey in Kooperation mit der Band Propellerhead, ein modernes Denkmal gesetzt: als Interpretin ohne Haltbarkeitsgrenze, als, sagen wir: „Callas des Entertainments“.

Aber wer weiß heute schon, was dieses Wort meint – Entertainment. Gewiss die Kunst, auf der Bühne, im Film oder im Fernsehen mehr zu verkörpern als eine Sängerin, die en suite Lieder singt und dabei keine schlechte Figur abgibt. Caterina Valente, 1931 in Paris als Spross einer multinationalen Künstlerfamilie geboren, konnte und kann mehr: Singen ohnehin, tanzen wie kaum eine andere in ihrer Zeit, plaudern und konferieren, als sei die Bühne die Plattform der Welt. Entertainen, das ist die Kunst, mehr zu sein als eine singende Clip-Maschine. Und die Valente konnte das. Sie war, ob im Pariser Olympia, in Las Vegas oder im Londoner Palladium, eine Erscheinung, die durch Lässigkeit bestach, der als Sängerin keine Sparte fremd war, ob Jazz, Bossa oder Schlager. Noch auf ihrer jüngsten CD, einer leider kaum beachteten Produktion mit der schweizerischen Harfenistin Cathérine Michel unter dem Titel „Girl Talk“, schimmert ihre Klasse durch (Nagel Heyer Records NH 1015). Titel wie „The Way We Were“ oder „With A Song In My Heart“ interpretiert sie so furios weise, zurückhaltend und präsent zugleich, dass erst an diesen Stellen schmerzhaft auffällt, wie sehr es der Welt an Nachfolgerinnen gebricht, die in die Fußstapfen der Valente treten könnten.

Ihre Karriere begann in den 50er Jahren zunächst in Paris, wo sie – gegen den Willen der Mutter – in Clubs auftrat und durchaus wenig Resonanz erntete. Aber dieses Schicksal teilte sie mit Gilbert Bécaud, mit dem sie etliche dieser Vorstellungen gemeinsam bestritt. Caterina Valente musste sich erst aus der Umklammerung ihrer Familie befreien, ehe sie ihren Weg gehen konnte. Dabei war sie keineswegs ein Genie, dem alles Können in die Wiege gelegt scheint. An der Valente beweist sich, dass Karriere wie Können buchstabiert wird – und dass dieses Können durch harte Arbeit zustande kommt. Mehrere Instrumente spielte sie, tanzen konnte sie, ein Rhythmusgefühl war ihr ohnehin eigen, ein Gespür für das Timing – und eine gewisse Härte im Ausdruck, ohne die das Publikum sich zu leicht umworben fühlen würde. In den 50er Jahren prägte sie das (junge) deutsche Fernsehen ebenso mit wie den Schlagerfilm jener Jahre: Die Valente als Moderatorin, Gastgeberin in TV-Shows – und immer sah es leicht aus, wie von selbst ergeben. Das war und ist eben ihr Geheimnis: Dass das Publikum nicht sah, welch schwere Arbeit, welches tagelange Training hinter den Leichtigkeiten steckte.

Berühmt wurde sie im Ausland, nicht in Deutschland. Hierzulande schätzte man sie als albernen Vogel, der vom Popocatepetl-Twist schwärmt und von Paris, das durch sie von der Liebe träumt. Die Jazzerin, die anspruchsvolle Bossa-Sängerin, die „Malagueña“-Sängerin (ein Titel, der zwar in Deutschland produziert wurde, aber erst über den amerikanischen Umweg zu uns zurück fand) galt vielen Menschen als suspekt. Entertainment, das mag man heute nicht mehr sehen, war in Deutschland gleichbedeutend mit Kabarett und besinnungsloser Heiterkeit: Und damit konnte eine wie die Valente nicht recht landen. Erst Anfang der 60er Jahre – beispielsweise bei ihrem legendären Auftritt angelegentlich der Deutschen Schlagerfestspiele – begann das deutsche Publikum, sie als Entertainerin zu mögen.

Act auf den westlichen Bühnen

Bis in die 70er Jahre hinein war Caterina Valente einer der Top-Acts auf europäischen und amerikanischen Bühnen, danach wurde es etwas stiller um sie: Auch eine wie sie konnte gegen die Angloamerikanisierung der Jugendkultur nicht ansingen. Gelegentlich ist sie noch im deutschen Fernsehen zu Gast, zuletzt voriges Jahr anlässlich ihres 70. Geburtstags am 14. Januar (den sie übrigens zusammen mit den beiden Söhnen in ihrem Haus im Tessin vor dem Fernseher verbrachte). Sie zeigte sich als gütige, witzige und außerordentlich frische Showfrau, die keineswegs den Eindruck hinterließ, ihr künstlerisches Leben sei am Ende. Im Gegenteil, das war offenkundig, sie scheint nur auf Angebote zu warten, die sie künstlerisch nicht beleidigen. Dass sie nun einen Echo für ihr Lebenswerk bekommt, erscheint als späte und seit langem überfällige Ehrung. Jetzt wird es wirklich Zeit für eine würdige Valente-Renaissance.