Musik

„DVD Entertainment 2002“: Bekämpfung der Piraterie bleibt zentrales Problem

Wie ein roter Faden zog sich die Frage nach der richtigen Antwort auf das wachsende Piraterieproblem durch die Panels des Branchenforums „DVD Entertainment 2002“ in München. Zwei Tage lang diskutierten nationale und internationale Fachleute über die Weiterentwicklung der DVD-Branche und darüber, inwiefern die Piraterie das glänzende Marktpotenzial gefährden kann.

Angesichts einer Verdoppelung der Absatzzahlen von Musik-DVDs im ersten Halbjahr 2002 stellten sich die Teilnehmer des Musikpanels der Frage: „Die Musik-DVD im Steigflug – kommt jetzt der Durchbruch?“ Dr. Balthasar Schramm, President Sony Music Entertainment GSA, dämpfte ein wenig die hohen Erwartungen, indem er die Musik-DVD als „einen Mosaikstein“ in der künftigen Entwicklung der Tonträgerbranche bezeichnete. Zusammen mit edel-Chef Michael Haentjes, Michael Huchthausen als Vertreter des Handelsverbands GDM und Red-Rock-Chef Leslie Mandoki diskutierte Schramm daran anschließend die aktuellen Probleme der Musikbranche. In der Runde ging es um Fragen der Preisgestaltung von DVDs sowie der künstlerischen und technischen Qualität von Musik-DVDs, aber auch darum, wie sich die Kommunikationsarbeit der Musikbranche verbessern lässt.

Das zweitägige Branchenforum „DVD Entertainment 2002“ begann am 22. Oktober mit der Keynote von Jack Valenti, President der Motion Picture Association of America (MPAA). Valenti forderte alle Kreativen auf, gemeinsam gegen Piraterie vorzugehen. Die Entertainmentbranche brauche eine globale Allianz gegen illegale Internetdownloads und Brennerei, ansonsten drohe ernste Gefahr. „Die erschreckende Zahl von 400.000 bis 600.000 Filmen, die in den USA jeden Tag illegal aus dem Netz gezogen werden, belegt die Notwendigkeit einer konzertierten Aktion aller Kreativen“, so die Schlussfolgerung Valentis. Auch Jean-Paul Commin, der Präsident der International Video Federation (IVF), griff das Thema Urheberrecht und Kopierschutz auf. Eines der Schlüsselelemente zur Sicherung des Wachstums für die europäische Entertainmentindustrie sei die letzte EU-Copyright-Direktive. Vor allem die von der deutschen Regierung vorgeschlagene Umsetzung der EU-Direktive bezeichnete Commin als problematisch. „Die vorgesehene Ausnahmeregelung für Privatkopien ist zu weit gefasst und öffnet dem wild wuchernden File-Sharing alle Tore“, so Commin.

Der nächste europäische Gast, Ben Keen, Executive Editor and Director des Fachblatts „Screen Digest“, sorgte bei seinem Vortrag für Diskussionsstoff. Bei einem Vergleich von 85 Filmtiteln im deutschen Markt fand „Screen Digest“ heraus, dass Filme im Verkauf deutlich besser performen, sofern sie ohne Verleihvorlauf veröffentlicht werden. Und Keen lieferte weitere interessante Marktforschungsergebnisse: Demnach ist Deutschland derzeit außerhalb der USA nur der fünftgrößte DVD-Markt. Bis 2006 sollen außerhalb der Vereinigten Staaten 30 Milliarden Dollar Umsatz mit dem DVD-Business generiert werden, wobei der Trend eindeutig zum Kaufgeschäft gehe. Für den deutschen DVD-Markt präsentierte schließlich Dr. Wolfgang Adlwarth, Geschäftsführer der GfK, die neuesten Zahlen: So soll Ende 2003 in jedem dritten deutschen Haushalt ein DVD-Player stehen. Für 2002 geht die GfK von einem Umsatz von 2,359 Milliarden Euro in der gesamten Filmverwertung aus. 988 Millionen Euro entfallen davon auf den Kinobereich, der DVD-Verkauf trägt 685 Millionen Euro bei. Der Umsatz aus dem VHS-Verkauf bleibt mit 330 Millionen Euro unter dem Verleihmarkt. Aber auch nach Ansicht der GfK bereitet die Piraterie Probleme: „Jeder dritte Bundesbürger hat bereits eine CD selbst gebrannt – Tendenz steigend“, warnt Adlwarth.

Beim großen DVD-Gipfel der führenden Anbieter fürchteten die Marktmacher ebenfalls das wachsende Pirateriephänomen. Tania Reichert-Facilides, Geschäftsführerin BMG Video, forderte, man müsse der Piraterie einen Riegel vorschieben. Fox-Geschäftsführer Klaus Schröder erinnerte daran, dass derzeit niemand schätzen könne, wie lang die DVD letztlich überleben kann. Die Duplizierer setzen hingegen eindeutig auf die DVD und sehen neue Formate in weiter Ferne. „Ich bin überzeugt, dass wir noch vier bis acht Jahre auf die DVD setzen können“, prognostizierte zum Beispiel Gunnar Marx von OK Media auf dem Duplication-Panel.

Im Zukunftsforum „Zehn Jahre DVD“ waren sich die Panelisten einig, dass die Konsumenten weiter unterhalten werden wollen und deswegen das Entertainment nicht Not leiden werde. Die Konsumenten werden Entertainment in Zukunft allerdings über viele verschiedene Kanäle beziehen. Abgesehen davon wird es immer Sammler geben, die ein physisches Produkt besitzen wollen. Trotzdem ist laut Wilfried Geike, Managing Director Warner, vor allem „bei der Verwertung von Katalogtiteln Eile geboten“. Am zweiten Veranstaltungstag zeigte zunächst Prof. Dr. Karlheinz Brandenburg vom Fraunhofer Institut das Dilemma der Digital-Rights-Management-Systeme auf. In nicht allzu ferner Zukunft könne eine DVD in einer Minute kopiert werden. „Darum müssen jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt und die rapide technische Entwicklung berücksichtigt werden“, stellte Brandenburg klar. Die zentrale Frage der Zukunft sei dabei: Immer mehr Speicherplatz oder alles im Netz? Für die von der Piraterie arg gebeutelte Musikindustrie ist dieses Thema schon akut. Aber nun gebe es ja den Hoffnungsträger DVD.

Joachim Thielke (Geschäftsführer GVU) zeigte anhand von Fallbeispielen die immer raffinierteren Methoden der Softwarepiraten auf. Beim hochrangig besetzten Abschlusspanel wurden die Gräben zwischen Anbietern und Nutzern von Raubkopien erneut deutlich: So ist für Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club Downloading kein Diebstahl – ein Standpunkt, der bei Johannes Klingsporn (VdF), Bodo Schwartz (GVU), Prof. Dr. Jürgen Becker (GEMA) und Joachim A. Birr (BVV), aber auch beim anwesenden Fachpublikum auf größtes Unverständnis stieß. So wurde zum Schluss des zweitägigen Branchenforums, das mit hochkarätigen Panels überzeugte, noch einmal sehr emotional und kontrovers diskutiert – auf einen Lösungsansatz konnte man sich vorerst nicht einigen.