musikwoche.de: Hans R. Beierlein hat kürzlich in einem Interview mit musikwoche.de gesagt, der Erfolg eines Schlagers oder eines volkstümlichen Liedes sei vor allem vom Text abhängig und gute Texte seien absolute Mangelware. Sehen Sie das genauso?
Bernd Meinunger: An guten Texten mangelt es in der Tat. Früher ließ man die Texte fast ausschließlich von bekannten Textern schreiben. Heute sagen sich viele Interpreten: „Die drei Wörter bekomme ich auch alleine hin.“ Das ist aber leider nicht der Fall, was man spätestens an den Verkaufszahlen merkt. Gute Texte und gute Musik sind weiterhin die Erfolgskriterien.
mw: Haben Sie deshalb heute mehr Arbeit als früher?
Meinunger: Ich könnte sicher viel mehr machen, wenn ich wollte. Aber ich habe meine Komponisten, mit denen ich schon lange zusammen arbeite. Wenn mir aber ein Lied richtig gefällt, dann mache ich das auch.
mw: Woraus besteht für Sie ein guter Text?
Meinunger: Er sollte zuerst eine halbwegs originelle Zeile haben, damit man sich das Lied merken kann. Das gleiche gilt für den Inhalt. Am besten ist es, wenn eine Geschichte erzählt wird. Eine gute Zeile und eine gute Geschichte – das ist es. Ansonsten muss es so geschrieben sein, dass es die Menschen berührt.
mw: Sollte man, um glaubwürdige volkstümliche Texte schreiben zu können, nicht ab und zu am Stammtisch in der Dorfwirtschaft sitzen?
Meinunger: Unter den so genannten volkstümlichen Texten gibt es nur wenige glaubwürdige Texte. Was unter dieser Rubrik läuft, ist überwiegend nur heiße Luft. Aber es gibt auch Ausnahmen wie die Kastelruter Spatzen. Die haben extrem ausgefallene Texte, was ich super finde.
mw: Dennoch – muss man sich, wenn man Musik für die breite Masse schreibt, nicht auch dort aufhalten, wo sie gehört wird?
Meinunger: Das glaube ich nicht. Ich muss nicht am Biertisch sitzen, um zu wissen, was die Leute denken. Außerdem lebe ich nicht in einem Elfenbeinturm, sondern gehe raus, zum Beispiel auch mal auf den Fußballplatz.
mw: Wieviele Texte haben Sie in Ihrem Leben schon veröffentlicht? Wissen Sie es genau?
Meinunger: Nein, aber es sind ungefähr 3.800 Stück. Ich schreibe 100 bis 150 Texte pro Jahr.
mw: Und wie hoch ist dabei die Veröffentlichungsquote?
Meinunger: Die liegt seit Jahren bei 50 Prozent. Man muss natürlich mehr schreiben, als veröffentlicht wird. Ich befinde mich aber in der begünstigten Situation, für viele Komponisten und Interpreten gezielt schreiben zu können. In dieser glücklichen Lage ist nicht jeder Texter.
mw: Lässt sich Ihr Beruf auch mit einem Bürojob vergleichen?
Meinunger: Nein. Ein kreativer Beruf erfordert sehr viel Disziplin. Es ist natürlich auch verlockend, weil man sich die Zeit zum Schreiben selber einteilen kann. Ich habe meine Regeln: Ich stehe jeden Morgen um sieben Uhr auf und sitze spätestens um halb neun an meinem Schreibtisch. Ich zwinge mich dazu.
mw: Was sollte man mitbringen, um als Texter erfolgreich zu sein?
Meinunger: Kreativität, witzige, originelle Einfälle, Disziplin – und man sollte der deutschen Sprache mächtig sein. Hat man das drauf, sollte man einen Komponisten finden, mit dem man arbeiten kann. Als Texter alleine bist du gar nichts. Du brauchst einen Komponisten, ein Team. Das ist die Basis.
mw: Sind Grand-Prix-Veranstaltungen – ob auf Eurovisions-Ebene oder bei der Volksmusik – zu einer Farce verkommen?
Meinunger: Ja, so empfinde ich das. Deshalb hält sich die Begeisterung der etablierten Interpreten, beim Grand Prix mitzumachen, auch in Grenzen. Der Grand Prix der Volksmusik wird inzwischen von vielen wichtigen Interpreten regelrecht boykottiert.
mw: Woran liegt das?
Meinunger: Weil sie Angst haben, wieder mal runtergepunktet zu werden. Auch der Eurovisions-Grand-Prix ist vor ein paar Jahren für eine Zeitlang zu einem Nachwuchswettbewerb verkommen. Mit dem Grand Prix der Volksmusik geschieht zurzeit das Gleiche.
mw: Wo sehen Sie hierfür die Gründe?
Meinunger: Das liegt an der unsäglichen Art der internationalen Bewertung. Alle Schweizer wählen die Österreicher, und die Österreicher wählen die Schweizer. Und wenn sie mal für einen deutschen Titel stimmen, dann nur für den schlechtesten, der ohnehin keine Chance hat. Das finde ich auf Dauer ärgerlich.
mw: Was lässt sich dagegen tun?
Meinunger: Man muss den Abstimmungsmodus verändern. Jetzt hat es nur noch mit Animositäten zwischen Österreich und Deutschland zu tun – mit der Folge, dass nur noch jemand aus Österreich oder der Schweiz gewinnen kann. Da geht es nicht mehr um die Musik, das ist reine Politik. Und das ist schon seit Jahren so. Vor vier Jahren habe ich mit Gaby Albrecht teilgenommen, und wir sind Zweite geworden. Der Song wurde für Gaby Albrecht zum Hit – das Siegerlied aber hat anschließend niemand mehr irgendwo gehört. Es lagen Welten zwischen den Liedern, aber ein deutscher Interpret kann halt so gut wie überhaupt nicht gewinnen. Das darf einfach nicht sein.
mw: Gilt das nicht auch für den Grand Prix Eurovision? Sie haben ja den Text zu Corinna Mays Beitrag, „I Can’t Live Without Music„, geschrieben…
Meinunger: Stimmt, das ist mittlerweile ähnlich. Nur machen dabei deutlich mehr Länder mit, so dass die Aversion von Österreich und der Schweiz nicht so sehr ins Gewicht fällt.
mw: In diesem Jahr zeigten dafür anscheinend auch andere Länder ihre Aversion… Liegt es an solchen Umständen, dass sich große Namen diese Wettbewerbe nicht mehr antun?
Meinunger: Genau. Aber auch die TED-Vorentscheidungen sind bei beiden Grand-Prix-Veranstaltungen in meinen Augen sehr zweifelhaft. Es gewinnen die Leute mit den meisten Fanclubs. Hier geht es nicht mehr um das beste Lied oder den besten Interpreten, sondern um den besten Fanclub. Das ärgert mich – und die Interpreten bestimmt noch viel mehr.
mw: Eröffnet das nicht auch die Möglichkeit der Manipulation?
Meinunger: Hinzu kommt noch, dass man beim Grand Prix der Volksmusik nur noch zum Vollplayback singt. Früher wurde live gesungen, was – zugegeben – teilweise ziemlich furchtbar klang. Dabei fand man aber zumindest heraus, wer den Ton trifft. Das lässt sich jetzt mit Vollplayback nicht mehr sagen, schließlich kann man im Studio alles einigermaßen hinbiegen.
mw: Sie waren dieses Jahr beim Grand Prix der Volksmusik mit sechs Songtexten dabei. Wieviele Lieder haben Sie denn insgesamt ins Rennen geschickt?
Meinunger: Zehn.
mw: Gundula Walter vom Initiator des Grand Prix der Volksmusik, der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung der mu-sikalischen Unterhaltungskultur, konstatiert, dass es eine künstlerische Hinwendung zum Schlager gibt. Kommt Ihnen eine solche Entwicklung entgegen?
Meinunger: Das einzige Volkstümliche sind heut-zutage die Kleidung der Interpreten und die Texte. Die Musik hingegen ist längst zum reinen Schlager geworden. Die Arrangements zeigen schon lange keine volkstümlichen Aspekte mehr auf. Aber wen wundert’s? Selbst beim „Sommerfest der Volksmusik“ tritt im Fernsehen heute ein Englisch singender Chris Norman auf oder ein Popsänger wie Nino de Angelo. Mittlerweile ist das sehr übergreifend geworden – was ich aber gut finde.



