Das ist ein beachtliches Ergebnis. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass die tatsächliche Zahl der verkauften Vinylschallplatten wohl noch um ein Vielfaches höher liegen dürfte, denn die Umsätze der vielen Spezialgeschäfte und von Onlineversendern werden bei dieser Sta tistik mangels fehlender Scannerkassen nicht erfasst. Trotzdem gibt es keinen Grund, in Euphorie auszubrechen. „Das Vinylgeschäft ist neben dem Digital segment einer der wenigen Bereiche, der im Moment Zuwachsraten verzeichnet“, erklärt Felix Horstmann, Catalogue & Repertoire Manager bei Cargo. „Man muss sich aber immer wieder ins Gedächtnis rufen: Vinyl ist und bleibt ein Nischenmarkt.“ Ganz allgemein könne man feststellen, dass Vinyl auch bei den Majors inzwischen wieder eine größere Rolle spielt. „Die Umsätze in diesem Bereich werden auch für solche Firmen wieder relevanter“, so Horstmann. Diese Einschätzung teilt auch Kai Seemann, Geschäftsführer von Speakers Corner: „Die Majorlabels sind auf diesem Gebiet inzwischen sehr viel aktiver, als sie es in der Vergangenheit waren. Da hat sich das Bewusstsein deutlich gewandelt. Was die Verfügbarkeit von Schallplatten angeht, hat der Kunde mehr Auswahl denn je.“ Wobei man im deutschen Vinylmarkt eine zweigeteilte Entwicklung beobachten könne, betont Matthias Böttcher, Director Sales & Repertoire Development bei GoodToGo. „Während die Verkaufszahlen der 12″-Singles im Dance- und Club – bereich aufgrund des veränderten DJArbeitsverhaltens radikal sanken, explodieren die Absatzzahlen bei Vinylalben geradezu, unter anderem auch im Dancebereich.“ GoodToGo, Groove Attack und Rough Trade verbuchten dank dieser Entwicklung im vergangenen Jahr einen Anteil von elf Prozent am Vinylgesamtmarkt in Deutschland. „Die Ursache dafür, dass wir wieder so viel mehr Umsatz mit Vinyl machen, liegt erstrangig daran, dass es in Deutschland weit über 200 unabhängige Trendstores gibt, die Vinyl führen“, erklärt Matthias Bötcher. Das sei eine große Stärke des deutschen Marktes, die europaweit einzigartig ist. In England gebe es dagegen keine 50 unabhängigen Trendhandels outlets mehr. Auch das seit eineinhalb Jahren weiter wachsende Angebot an Schallplatten über Amazon wirke sich positiv auf den Gesamtvinylverkauf aus, ebenso wie die „positive Rückwärtsbewegung“ bei weit über der Hälfte der MediaMarkt- und Saturn- Filialen, die wieder Vinyl einführten. „Das ist vom Umsatzvolumen absolut erheblich“, sagt Bötcher. Die steigenden Absatzzahlen und die erhöhte Nachfrage sorgen auch bei den meisten Herstellern der meist schwarzen Scheiben für eine positive Geschäftsentwicklung. So erklärt Grit Schreiber, Prokuristin, Leitung Vertrieb/ Marketing bei optimal media productions: „Die gestiegenen Marktzahlen für Vinyl, die der Bundesverband meldet, spiegeln einen Trend wider, den auch wir verzeichnen. Generell nimmt die Bereitschaft wieder zu, ein Album auch auf Vinyl zu veröffentlichen. Das ist ganz deutlich zu spüren.“ Beliebt sei mittlerweile die Kombination aus Vinyl und Download. „Und diese neuen Absatzmöglichkeiten haben die weggebrochenen Umsätze aus dem Dancegeschäft mehr als kompensiert.“ Aus der Not eine Tugend machen Für Sandra Fritzsch, Commercial & Administration Director bei MPO, zeigt sich „der Vinylmarkt zur Zeit als herausforderndes Terrain“. Die Anforderungen an ausgefeilte Produktentwicklungen würden steigen. „Mehr und mehr treten individuelle, aus dem Rahmen fallende Produkte in den Vordergrund. Dies erkennen wir an der verstärkten Nachfrage nach ausgefalleneren Verpackungen, nach Schallplatten in der stärkeren 180er-Grammatur oder auch beispielsweise nach Picture Discs.“ Etwas differenzierter fällt die Einschätzung des Vinylmarkts von Andreas Peters, Director Sales & Procurement bei der Celebrate Records GmbH in Stollberg, aus. Während seiner Meinung nach speziell die Danceszene „mit ihrer schnelllebigen und kreativen Entwicklung“ von digitalen Tracks profitierte, brach gleichzeitig der Vinyl – absatz in diesem Genre ein. Das zwang auch Peters und Celebrate Records zum Umdenken. Die Lösung fand er in der Verbindung von Produkt und Download, als p&d-active, wie er sagt. Mittlerweile sei es gelungen, erste namhafte Labels, welche ihre Veröffentlichungen auf Vinyl ein – gestellt haben oder einstellen wollten, zu gewinnen. Dafür bietet Celebrate Records den Kunden als Presswerk einen Rundumservice aus einer Hand an, betont Peters. „Die ersten Produktionen, die auf diese Art und Weise ihren Weg gehen, laufen bereits sehr erfolgreich über die von Celebrate Records neu gegründete Division, den Vertrieb taste distribution. Somit kann man sagen, dass wir in gewisser Weise aktiv und in unserem Sinne den Vinylmarkt beein flussen – eben aus der Not eine Tugend machen.“ Etwas anders bleibt dem Nischensegment Vinyl wohl auch in Zukunft nicht übrig, will es die errungenen Zuwächse auch halten. Röbel/Müritz (dis) – „Wir sind in diesem Jahr bislang sehr zufrieden mit der Auftragslage und den Umsätzen im Vinyl – bereich“, erklärt Grit Schreiber, Leiterin Vertrieb/Marketing bei optimal media production. Der norddeutsche Duplizierer ver zeichne derzeit sogar eine Steigerung der Vinylumsätze. In diesem Jahr will optimal fünf Millionen Platten pressen, kündigt Schreiber an. Dabei ist der optimal-Prokuristin die schwierige Marktlage durchaus bewusst. „Mir ist klar, dass diese Um – sätze bei anderen wegbrechen.“ So spielt der Dancemarkt im Vinyl – geschäft keine große Rolle mehr. „Im Dance – geschäft ging es lediglich darum, dass ein Track für den DJ auf Vinyl verfügbar war. Da ist heute nicht mehr erforderlich. Stattdessen dreht sich alles um Optik, Haptik, Verpackung, Boxsets oder die Frage, wie man Mehrwert schaffen kann.“ Auf diese Anforderungen hat optimal längst reagiert: „Neben der Bandbreite der verschiedensten Vinyle wie Picture, Heavy, 7″, 10″ und 12″ gewinnt die Kombination von Vinyl und Download eine große Bedeutung“, erläutert Schreiber. „Immer häufiger werden etwa Vinylprojekte realisiert, die der Endverbraucher zusammen mit einem Downloadcode erwerben kann. Mit Hilfe dieses Codes kann er dann das Album zusätzlich kostenfrei herunterladen.“ Auch hat optimal die Kapazitäten bei Druckerei und Weiter – verarbeitung weiter ausgebaut. Damit will das Unternehmen „die Ideen und Projekte unserer Kunden nun noch besser und schneller umsetzen“. Zudem beobachtet Schreiber bei 180-Gramm-Schallplatten eine verstärkte Nachfrage. „Vinyl wird wieder als Sammlerobjekt gesehen, das man sich ins Regal stellt.“ Schließlich spielen Vinylboxsets eine immer größere Rolle und würden zunehmend mit CDs oder Büchern kombiniert. „All dies ist aber nicht nur ein Trend, sondern die einzige Chance im Musikbereich. Denn wie sonst kann man die Leute noch motivieren, etwas physisch zu kaufen? Man braucht den Mehrwert, den etwa eine Vinylscheibe bietet.“ So hat optimal zuletzt unter anderem aufwändige Projekte wie die „Cocoon“- Box mit sechs LPs für den DJ und Label – betreiber Sven Väth oder die acht LPs umfassende Vinylausgabe des Kraftwerk- Katalogs hergestellt. Auch die jüngsten Vinyl – editionen von Künstlern wie Rammstein, Tocotronic, Him, Deftones, Madness, Neil Young, den Fantastischen Vier, Bullet For My Valentine, MGMT, AC/DC, den Scorpions, Vampire Weekend, Them Crooked Vultures, Fettes Brot, R.E.M. oder die Edition der Neu-Alben auf dem Grönland- Label stammen aus dem Hause optimal media produc tion. „Es macht einfach Spaß, eine Vinylplatte zu fertigen“, fasst Schreiber zu sammen, die optimistisch bleibt: „Für die Zukunft des Vinyls haben wir noch nie schwarz gesehen und werden das auch nicht tun. Wir jammern definitiv nicht.“ „Das Verhältnis zwischen Vinyl und CD bewegt sich bei uns nach wie vor relativ konstant in einem Bereich von 20 zu 80 Prozent“, erklärt Felix Horstmann, Catalogue & Repertoire Manager bei Cargo. „Die Händler stehen dem Produkt sehr positiv gegenüber, und selbst Ketten wie Media- Saturn wollen nicht darauf verzichten.“ Zu den wichtigsten Umsatzbringern von Cargo in Deutschland, Österreich und der Schweiz zählt inzwischen das Label Music On Vinyl aus Holland, eine Tochterfirma des Großhändlers Bertus. „Die Firma wertet einen Großteil des Sony-Backkatalogs aus, der viele Titel von Michael Jackson und Jimi Hendrix umfasst, und ist damit sehr erfolgreich. Wir waren selbst überrascht, wie gut das Konzept funktioniert.“ Vor allem das Mitte März veröffentlichte Album „Valleys Of Neptune“ von Jimi Hendrix, das bisher unveröffentlichte Aufnahmen des Gitarristen enthielt, sei ein Renner. Auch Katalogtitel von Bands wie Rage Against The Machine erzielten durchgehend hohe Absatzzahlen. „Das sind alles Selbstläufer. Solche Titel werden gerade auf Vinyl immer wieder nachgefragt.“ Felix Horstmann hebt besonders die gute Zusammenarbeit mit Sony Music hervor, zum Beispiel beim aktuellen Album Der Fantastischen Vier, „Für Dich immer noch Fanta Sie“. Auch die Zusammenarbeit mit Road runner beschreibt der Manager durchweg positiv. „Ich muss nur an das letzte Album,,No Guts No Glory‘, von Airbourne denken, das sich auf Vinyl wie geschnitten Brot verkaufte.“ Auch Underground- Themen wie Exhorder oder Grand Magus mit dem neuem Album, „Hammer Of The North“, räumt Felix Horstmann gute Chancen ein. „Gerade im Rock- und Metalsegment werden die Fans auch weiterhin auf Vinyl setzen.“ Über die Zukunft macht sich Horstmann keine Sorgen, Anfragen von Labels, die über Cargo ihre Vinylschallplatten vertreiben wollen, gebe es genug: „Das ehrt uns zwar, aber wir müssen inzwischen sehr gut abwägen, wen wir bei uns aufnehmen. Für einen Schwerpunktlieferanten haben wir allerdings immer noch Luft.“ Köln (dis) – „Wir haben zwar in der jüngeren Vergangenheit einen leichten Rückgang im Vinylbereich verspürt“, räumt Sandra Fritzsch ein, Commercial & Administration Director beim Kölner Duplizierer MPO. „Aber dank der frühzeitigen Positionierung in den Bereichen wie Verpackung, 180er Grammatur oder Picture Discs konnten wir den Großteil der Minderungen kompensieren.“ Das 1957 im französischen Averton gegründete Unternehmen, dessen deutsches Sales Office an MPO France angegliedert ist, blickt dem weiteren Jahresverlauf im Vinylbereich „mit gespannter Aufmerksamkeit“ entgegen, sagt Fritzsch: „Denn insbesondere vor dem Hintergrund der Preisentwicklung bei den Rohstoffen bleibt die vor uns liegende Zeit schwierig. Eine gewisse Portion Optimismus ist uns jedoch erlaubt, denn wir verspüren gleichzeitig die positiven Auswirkungen unserer strategischen Aus – richtung.“ Die steigenden Rohstoffpreise beträfen nicht nur die Vinylproduktion, sondern auch produktübergreifend die Medienherstellung wie die verpackungsherstellung, führt die Vinylexpertin aus: „Als Vorteil für MPO erweist sich hier unter anderem der Ausbau der Inhouse- Druckerei sowie die Anschaffung einer weiteren Cover-Verarbeitungsmaschine.“ Damit sieht sich MPO auf dem richtigen Weg. „Investitionen dieser Art ermöglichen uns zumindest in begrenztem Maße, eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber dem engen Preisgefüge des Marktes aufrechtzuerhalten.“
Dossier: Höhenflug der schwarzen Scheibe
Trotz der weiterhin sinkenden Verkäufe im Musikmarkt bleibt Vinyl als Umsatzfaktor erstaunlich konstant. Konnten 2006 nur 600.000 Stück verkauft werden, so waren es im vergangengen Jahr nach Angaben des Bundesverband Musikindustrie mehr als 1,2 Millionen Einheiten – damit konnte Vinyl seine Absatz zahlen binnen drei Jahren verdoppeln.


