musikwoche.de: Welchen Stellenwert nimmt die Musik beim Konzept von Viva Plus ein?
Dominik Kaiser: Musik ist sehr wichtig, denn wir sind ein Musikfernsehsender. Wir haben uns auf den Sitzungen unserer Musik AG schon sehr lang die Köpfe zerbrochen, welche Musik wir spielen wollen und welche nicht. Aber über die Verpackung, das Konzept, über die Internationalisierung und die News positionieren wir uns inhaltlich natürlich als ein Musiksender, wie es ihn nie zuvor gegeben hat.
mw: Dennoch könnte man den Eindruck haben, dass Musik inmitten all der interaktiven Features nur noch die Rolle eines Bindemittels spielt.
Kaiser: Die Bedeutung der Musik ist genauso hoch wie bei Viva oder Viva Zwei. Der Unterschied bei uns ist die Situation, aus der heraus wir starten. Denn der Musik-TV-Markt ist sehr voll. Wenn wir jetzt nur einen weiteren Clip-Abspielkanal gestartet hätten, der kommerziell nur wenig bringt und die Zuschauer überhaupt nicht an den Sender bindet, hätten wir nur geringe Chancen, uns zu etablieren. Ohne ein Konzept, das neben der Musik noch etwas bietet, würden wir gegen die anderen beiden starken Musiksender – Viva an der Spitze und MTV dahinter – nicht ankommen. Deswegen ist Musik zwar die Grundlage, aber die Zuschauer sollen sich mit unseren Korrespondenten und dem Lifestyle, den sie repräsentieren, identifizieren. Wir wollen ein Stammpublikum, das jeden Tag einschaltet, weil es zum Beispiel Simon aus Los Angeles sehen will. Dieses Konzept ist extrem wichtig, aber ohne die Musik wären wir natürlich nichts.
mw: Also finden Reportagen zu Künstlern oder neuen Veröffentlichungen genauso statt wie auf Viva oder Viva Zwei?
Kaiser: Richtig. Der Unterschied zu Viva Zwei ist, dass wir experimentell- progressive Themen in unserer Rotation nicht mehr berücksichtigen, sondern sie in den Spezialsendungen unterbringen werden. Und anders als bei Viva werden wir Euro-Trash wie DJ BoBo oder Scooter nicht spielen. Ansonsten wollen wir die ganze Bandbreite zwischen R&B, Hip-Hop, Soul, Dance, Elektronik, Rock und Alternative einsetzen, und dabei natürlich auch deutsche Newcomer berücksichtigen. Dabei kommt es uns nicht nur auf den Stil an, sondern auch auf die Single- und Album-Platzierungen. Während Viva sich klar an den Singles-Charts orientiert, wollen wir uns Geschmacksurteile erlauben. Der Grundteppich liegt zwar bei kommerzieller Musik, internationalen Stars und aktuellen Hits, dazwischen ist jedoch genügend Platz für Newcomer- Themen, die unserer Meinung nach groß werden könnten.
mw: Wie würden Sie das Konzept von Viva Plus beschreiben?
Kaiser: Wir sind eine Mischung aus Musikfernsehen und News-Channel. Gerade die News sind entscheidend, weil sie zusammen mit anderen Informationen visuell in Form der permanenten Laufbänder am unteren Bildschirm, den Crawls, optisch auffallen. Über diesen Look differenzieren wir uns ganz klar von allen anderen.
mw: Wie wollen Sie die News-Produktion realisieren?
Kaiser: Wir haben neben einer starken Musikredaktion auch ein großes News-Team, das den ganzen Tag ausschließlich diesen Bereich betreut. Die Viva Media AG ist entschlossen, einen neuen Musiksender zu starten und ihn mit den finanziellen Mitteln auszustatten, mit denen man auch etwas bewegen kann. Das spiegelt sich nicht nur in der Größe der Redaktion wider, sondern auch im weltweiten Korrespondentennetz. Viva Plus ist kein Billigfernsehen.
mw: Das strategische Ziel liegt nun darin, hinter Viva, aber vor MTV die Nummer zwei im deutschen Musikfernsehen zu werden?
„Beweisen, dass es funktioniert“
Kaiser: Das stimmt, wobei wir uns nicht gegen MTV, sondern pro Viva Plus definieren. Das Ziel lautet, zu beweisen, dass dieses internationale Format und diese Form des Musikfernsehsehens funktioniert. Wir wollen zeigen, dass in Deutschland noch Platz für einen dritten, richtigen Mu-sikfernsehsender ist. Das Ziel, MTV von der Nummer zwei zu verdrängen, kommt auch daher, dass Catherine Mühlemann und ich beide Schweizer sind, auch wenn ich sie persönlich noch nicht kennengelernt habe. [IMG#107250_2.jpg#“Viva Plus ist kein Billigfernsehen“#LEFT] Ich hielt es aber immer für ein lustiges Bild, dass wir jetzt gemeinsam in Deutschland ganz sportlich um Platz zwei im deutschen Musikmarkt ringen.
mw: Auch beim Start von www.viva.tv spielte die Vernetzung zum analogen Fernsehsen der eine zentrale Rolle. Wie sieht diese Vernetzung nun bei Viva Plus aus?
Kaiser: Wir wollen in Fernsehen und Internet die gleichen News und das gleiche Grundgefühl vermitteln, aber über zwei verschiedene Medien. Unser Online- und TV-Design sieht mehr oder weniger gleich aus. Das Interview auf Viva Plus wird es in voller Länge auch auf www.vivaplus.tv geben, wobei hier noch mehr hinzukommt – etwa Fotos und Texte oder direkte Kaufmöglichkeiten. Ziel ist, dass die Zuschauer unsere redaktionellen Inhalte über zwei Medien abfragen können. Die Unterscheidung Internet oder TV spielt bei uns keine große Rolle mehr. Wir wollen mit diesen Ebenen spielen und auf beiden Plattformen etwas bieten, das sich ergänzt. Deswegen verzichten wir auch auf separate Webshows, wie es sie auf www.viva.tv gibt.
mw: Die vielbeschworene Interaktivität zeigt jedoch schon Abnutzungserscheinungen. Reicht es noch aus, die Zuschauer über ein paar zu spielende Clips abstimmen zu lassen?
Kaiser: Wenn wir nur so etwas machen würden, wüsste ich auch nicht, ob das so spannend ist. Es kommt jedoch auf die Kombination an: das internationale, coole Design, der inhaltlich ebenfalls internationale Anspruch, die Aktualität der News und unsere Musikprogrammierung ergeben zusammen mit der Interaktivität ein Musikfernsehen mit Zukunft. Und das Konzept von Sendern wie „The Box“ geht auf, nur mit wählbaren Clips zu arbeiten. Für Jugendliche ist es nach wie vor interessant, mitzubestimmen, welche Clips laufen. Ergänzend dazu halten wir die Clip-Auswahl offen, denn die Zuschauer können die Liste aus 50 wählbaren Songs mit eigenen Vorschlägen jederzeit erweitern. Auch der Marketing-Effekt ist groß. Denn bei einem nur konsumierenden Zuschauer ist die Bindung schwächer als bei einem, der aktiv mitgestalten kann.
mw: Erfordert das nicht einen Zuschauer, der ähnlich wie bei Viva Zwei ein hohes Maß an Aufmerksamkeit mitbringt?
„Mehr als ein Hintergrundmedium „
Kaiser: Ich sehe Viva Plus auch in dieser Beziehung zwischen Viva und Viva Zwei. Denn die Musikprogrammierung und die Länge der Berichte, die bei genauem Hinhören auch höheren Ansprüchen genügen, lassen es zu, uns auch als Hintergrundmedium zu nutzen. Wir wollen vermeiden, dass durch zu lange Beiträge oder News die Clips in den Hintergrund treten. Andererseits kann aus einem Hintergrundmedium, wenn wir erst einmal das Interesse für ein Thema wecken, eine ausführlichere Beschäftigung werden, die sich dann etwa auf unserer Homepage niederschlägt.
mw: Wie schwer liegt das Erbe von Viva Zwei? Denn die Fans des Senders haben sehr an ihm gehangen.
Kaiser: Ja, denn Viva Zwei war ein hervorragender Musiksender, bei dem es nur schade war, dass er kommerziell nicht funktioniert hat. Mein größter Test bestand darin, als wir den Viva-Zwei-Leuten das neue Konzept vorstellten. Denn diese Mitarbeiter, die wir übrigens bis auf eine Ausnahme komplett in das Team von Viva Plus integrieren konnten, hatten ihr Herzblut für den alten Sender gegeben. Und zu meiner Überraschung fanden sie das Konzept richtig toll und waren bereit, wieder mit vollem Engagement mitzumachen. Denn sie spürten, dass hier etwas gutes Neues entsteht.
mw: Wie sieht die Zusammenarbeit in der sogenannten Viva Content Fabrik aus?
Kaiser: Wir sind zwar eine eigenständige Firma mit eigener Finanzierung und eigener Struktur, aber natürlich wollen wir möglichst viele Synergien nutzen, Informationen austauschen und uns gegenseitig stärken. So werden sich etwa unsere Redaktionen mit den jeweiligen Redaktionen im Hause der Viva Media AG absprechen, um möglicherweise gefilmtes Material -verschiedenartig aufbereitet – für beide Sender zu nutzen.
mw: Gab oder gibt es redaktionelle Einflüsse von AOL Time Warner/Turner?
Kaiser: Bevor ich zum Team hinzustieß, haben Dieter Gorny und Viva-Programmdirektor Stefan Kauertz zusammen mit den Leuten von Turner die Idee mit den Korrespondenten entwickelt. Ins Tagesgeschäft mischen sie sich jedoch nicht ein. Sie wollen zwar informiert sein, halten sich aber raus, wenn es um redaktionelle Entscheidungen geht.
mw: Wie sind die ersten Erfahrungen mit der deutschen Musikindustrie?
Kaiser: Wir haben auf unserer zweiwöchigen Roadshow überwiegend positive Reaktionen eingeholt. Die Angst war zwar da, dass wir all ihre Newcomer nicht mehr spielen würden, aber das konnten wir beilegen. Zum einen planen wir eine Newcomer-Rotation und zum anderen werden wir die deutschen Produktionen auf jeden Fall berücksichtigen, sofern sie zu unserem Programm passen. Wo genau dort unsere Grenzen liegen, müssen wir noch genau definieren.
Zur Person
Dominik Kaiser geboren 29.Oktober 1969 in Basel, Schweiz
Nach einer Lehre als Radio-TV-Elektriker fängt Dominik Kaiser sein Berufsleben 1992 als Product Manager bei der Mega Shop AG an, ein Jahr später beendet er zudem seine Ausbildung zum Associated NLP-Trainer. Ab 1994 wird er als freier Berater und Trainer für zahlreiche Unternehmen tätig und knüpft mit einer 50-prozentigen Beteiligung am Züricher Rave-Shop die ersten professionellen Kontakte zur Dance-Szene. Diese baut er bei der Konzeption und Veranstaltung der Parisienne Rave Awards und der Organisation des Evolution Raves 1995 weiter aus. Im gleichen Jahr startet Kaiser das Musiklabel Energetic Records und erhält eine Goldene Schallplatte. Zudem leistet er Werbe- und Promotion-Beratung für MTV und Warner Bros. in der Schweiz, wo er auch Bücher über Jugendmarketing mitherausgibt. 1996 baut er das Label Elevator Music auf, die beiden Jahre darauf entwickelt er den Comic „Nina -Voyager Girl „in Verbindung mit einem Musiktitel und gestaltete mehrere Fernsehserien für das Schweizer Fernsehen. 1999 wird er Mitglied des Organisations-Komitees der Street Parade in Zürich und wechselt 2000 in den Vorstand des Komitees. Hier zeichnet er verantwortlich für Visuals und Design, Internet, Radio Street Parade und Medienpartnerschaften, Merchandising, Tonträger und die Gesamtkoordination der Techno-Parade, die unter seiner Leitung erstmals mehr Teilnehmer anzog als die Berliner Loveparade. Im gleichen Jahr nahm er seine Beratungstätigkeit für die Viva Media AG auf, bevor ihn der Kölner Medienkonzern im November zum Geschäftsführer von Viva Plus ernannte.


