Musik

Diskussion: Pro und Contra Radioquote

Seit der Popkomm. liegt die Forderung der Plattenfirmen nach einer Radioquote auf dem Tisch. In musikwoche.de beziehen beide Seiten Stellung: Gerd Gebhardt für die Phonoverbände, Jochen Rausch von Eins Live für die öffentlich-rechtlichen Sender.

Pro: „Danke für die Musik“

„Thank you for the music.“ Das ist sicher ein Satz, der vielen Kollegen einfällt, wenn sie über unsere Branche nachdenken. Der Slogan ist kurz und prägnant, und Abbas Musik ist auch nach 25 Jahren noch in bester Erinnerung, selbst wenn man damals kein Fan war. Natürlich kann man das auch in Deutsch sagen und singen. Muss man aber nicht. Schließlich leben gerade Rock- und Popmusik von amerikanischen (und vielen anderen) Einflüssen. Musik ist international. Sie lebt von Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Die Forderung der deutschen Musikwirtschaft nach einer Radioquote ist deshalb zu allererst eine Quote für Neuheiten. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk spielt einfach zu wenig neue Musik. Trotz rühmlicher Ausnahmen spielen die meisten Wellen die Charts-Hits rauf und runter. Dagegen hilft nur eine Verpflichtung zu mehr Mut. Diese Verpflichtung gibt es eigentlich schon: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen Kulturauftrag – er kommt dem nur leider zu wenig nach. Wir leben mit einem Radio ohne Format.

„50:50“ heißt die Devise für die Radioquote, und die zweite 50 steht für deutschsprachige Texte. Die Hälfte aller Titel-Neuheiten, davon die Hälfte auf deutsch – so stellen wir uns die Musik im Radio vor. Dass deutsche Texte zu unserer Kultur gehören, ist eine Binsenweisheit. Selbstverständlich prägt sich unsere Kultur auch in deutscher Sprache aus. In keinem anderen Land der Welt sind die Menschen so distanziert ihrer eigenen Sprache gegenüber. Das heißt überhaupt nicht, dass künftig hauptsächlich zu 25 Prozent von schwarzbraunen Haselnüssen und grünen Wäldern gesungen werden muss. Auch Grönemeyer und Westernhagen waren einmal deutschsprachige Neuheiten. Bunt und reich stelle ich mir die Musik im Radio vor – nicht so einfarbig wie heute. Die Musikfirmen produzieren heute neue Musik in einer enormen Breite, darunter auch viele Titel in deutscher Sprache. Musik ist vielfältiger denn je – ihre Präsentation im Radio aber ist so einfältig wie nie zuvor. Darum: „50:50“.


Contra: „Einfache Lösungen gibt es nicht“

Eins Live hatte nie eine Quote für Musik aus Deutschland. Eins Live hatte eine Vision. Jeder dritte Titel sollte aus einem deutschen Studio kommen. Wegen der Musik, wegen unseres Publikums, nicht wegen der Plattenindustrie. Dafür wurden wir von Radioformatierern belächelt. Sieben Jahre später ist Eins Live das erfolgreichste junge Radio in Deutschland – mit 2,7 Millionen HörerInnen täglich. Und immer noch kommt etwa jeder dritte Titel im Programm aus einem deutschen Studio. Es gibt Sendungen für den Nachwuchs („Das erste Mal“, „Melodien von Morgen“). Und es gibt „Die Krone“, den größten deutschen Radiopreis für nationale Künstler. Auf den ersten Blick ist Eins Live also der beste Beweis für eine Quote. Trotzdem sind wir dagegen. Nicht nur wegen Honecker, der in der DDR nach Quote senden ließ. Übrigens mit dem Ergebnis, dass die Menschen heimlich Westsender hörten. Es geht bei der Quote um viel mehr als um Musik und verkaufte CDs. Es geht um redaktionelle Freiheit und Unabhängigkeit. Ein hohes Gut. Und eine Quote für Musik würde rasch Nachahmer auf den Plan rufen: Quoten für alles und jedes!

Dass Musikmanagern möglicherweise Grundwerte der Demokratie weniger wichtig sind als der Bilanzgewinn, kann man sich noch so gerade eben vorstellen. Allerdings geht die Quotenforderung auch noch gegen den Hörer. Denn wir machen Radio nicht für Plattenfirmen, sondern für Hörer. Welche Musik ihnen gefällt und welche nicht, das entscheidet nicht das Radio alleine. Wer stets am Geschmack des Publikums vorbeisendet (oder vorbeisenden muss), wird nicht mehr gehört – eine Binsenweisheit. Kurios ist in diesem Zusammenhang die Forderung nach der Quote ausschließlich für die öffentlich-rechtlichen Sender: Sie würden Publikum verlieren. Zugunsten der Privatradios. Die spielen aber nichts Neues und kaum nationale Musik. Wem wäre damit geholfen? Also sehr kurz gedacht, die Quote für öffentlich-rechtliche Radios. Merkwürdig erscheint der Regulierungseifer der Industriefunktionäre auch im Hinblick auf die künstlerische Freiheit: Sollte es nicht den Musikern überlassen bleiben, wie, was und in welcher Sprache sie singen? Und warum sollen sie nicht die Chance haben, auch international erfolgreich zu sein?

Frankreich ist mit seiner Quote das beste schlechte Beispiel: International erfolgreiche Acts wie Air oder Daft Punk singen englisch, nicht französisch. Einfache Lösungen gibt es nicht. Vielleicht sind die Radiohörer gar nicht so dumm, wie viele Programmmacher glauben. Vielleicht müsste die Industrie aufhören, die Sender mit weit über 10.000 Neuerscheinungen zu torpedieren. Vielleicht müsste man sich mehr auf richtige Künstler konzentrieren. Vielleicht wäre dann den Konsumenten die Musik weniger egal, als dies leider momentan der Fall ist.