musikwoche.de: Die Goldene Stimmgabel ehrt nun mehr und mehr Künstler, die mit dem traditionellen Schlager nichts mehr zu tun haben. Neben Claudia Jung sahen und hörten wir in diesem Jahr die Gruppe E-Nomine mit einer Vampirnummer, Oswald Sattler besang das Edelweiß, und Xavier Naidoo gab seinen religiösen Gefühlen Ausdruck. Demnach müsste Sie auch bald Herbert Grönemeyer die Goldene Stimmgabel überreichen. Nimmt diese Preisverleihung damit aber nicht eine groteske Form an?
Dieter Thomas Heck: Überhaupt nicht! Denn alles, was Media Control erfasst, ist in der Sendung. Die Goldene Stimmgabel spiegelt also zu 90 Prozent das wieder, was Media Control ermittelt. Damit repräsentiert die Sendung den Geschmack der Mehrheit.
mw: Fühlen Sie sich bei der Präsentation noch wohl, oder leiden Sie, wenn Sie sehen, wohin sich der Schlager zurückzieht?
Heck: Ich bin kein Schiedsrichter. Ich bin nicht derjenige, der sich nur wohlfühlen muss. Ich fühle mich aber sogar wohl, denn in der Sendung sind ja alle Sparten vertreten. Und im Gegensatz zum Echo, wo deutsche Interpreten wie die Flippers ausgebuht werden, was ich schlimm finde, ist hier alles vertreten. Und das habe ich immer gewollt.
mw: Früher fühlten Sie sich nicht wohl, wenn Vicky Leandros Umweltprobleme kommerziell verwerten wollte oder Geier Sturzflug sang: „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht.“ Ehren Sie mit Naidoo jetzt nicht einen Künstler, der ein Geschäft mit der Religion macht?
Heck: Adenauer sagte: „Wer verbietet mir, von gestern auf heute schlauer geworden zu sein?“ Damals meinte ich, dass man in einer Unterhaltungssendung wohl kaum innerhalb von drei Minuten ein kritisches Thema in einer Art Tralala-Nummer abhandeln könne. Das passte nicht zusammen. Genausowenig, wie es passte, dass Geier Sturzflug die ernste Problematik der Neutronenbombe zu einer Mitklatschnummer mit dem Refrain „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht“ verarbeitete – da merken die Menschen doch gar nicht, wozu sie klatschen. Aber Xavier Naidoo ist nun einmal jemand, den ich persönlich sehr mag. Wer singt heute noch von Gott? Es gibt immer mehr Menschen, die nicht mal mehr daran glauben. Ich finde gut, dass ein junger Mensch das macht und junge Menschen damit auf einen vernünftigen Weg bringt.
mw: Mit dem Wegfall der Hitparade und weiterer Musiksendungen hat der deutsche Schlager seine wichtigsten Plattformen verloren. Wie sehen Sie die Zukunft des Schlagers?
Heck: Es wird immer wieder Schlager geben, auch den herkömmlichen Schlager wie Andrea Berg, die Flippers oder Hansi Hinterseer. Auch Hansi Hinterseer ist für mich ein Schlagersänger, denn die für volkstümliche Musik charakteristischen Elemente wie zum Beispiel die Klampfe auf dem Tisch und das Hackbrett oder die Tuba fehlen.
mw: Hatten Sie geahnt, dass nach Ihrem Abschied von der Hitparade die Sendung an Format verlieren würde?
Heck: Nein, denn ich nehme mich nicht so wichtig, wie das vielleicht viele Kollegen tun. Ich habe aber damals zu Viktor Worms gesagt: Du kriegst ein ungeheures Pfund in die Hand, verändere nichts. Und da sagte er „ja, ja“. Und ich bin Hamburger, und „jaja“ heißt für mich: mal sehen. Und dann hatte er sehr schnell in Deutschland produzierte englische Titel eingeführt, aber die Leute, die deutsch hören wollen, interessiert es nicht, ob ein englischer Titel nun in Deutschland von Frank Farian produziert wurde. Ein englischer Titel gehörte nicht in die Hitparade.
mw: Was halten Sie von der Quotenregelung?
Heck: Das muss man wohl wahrscheinlich in Deutschland einführen, denn sonst gehen ganze Berufssparten kaputt. Nicht nur Sänger, auch Plattenfirmen, Autoren, Verleger und so weiter. In anderen Ländern gibt es das auch, zum Beispiel in Frankreich. Und wer kontrolliert das? Media Control aus Deutschland!
mw: Kann man die Quotenregelung innerhalb einer Demokratie überhaupt rechtfertigen?
Heck: Sicherlich, solange es zu viele Musikredakteure gibt, die sich und ihren Geschmack repräsentieren und nicht den Geschmack des Publikums.
mw: War die ZDF-Hitparade zu der Zeit, als Musikredakteure die Auswahltitel bestimmten, nicht am besten und wurde sie nicht etwas langweilig, als Media Control allein die Titel bestimmte?
Heck: Ich glaube schon, dass das eine gute Sache war. Da waren natürlich auch Redakteure dabei, die deutsche Titel gerne hörten und sich für Roy Black, Katja Ebstein, und Peter Alexander einsetzten. Das Schlimme war nur, dass diese Künstler hinterher nicht mehr kamen. Ich habe damals auch Peter Alexander öffentlich angegriffen, als er nicht mehr kommen wollte.
mw: Die Musikindustrie steckt in einer schweren Krise. Kann man eine solche Lage wirklich nur auf den 11. September schieben, wie es manche tun?
Heck: Sicher nicht. Auch unser Bundeskanzler macht es sich hierbei zu einfach. In anderen Ländern ist es anders. Der entscheidende Punkt ist der Wechsel von der Mark zum Euro – und die Arbeitslosigkeit. Und dann gibt es noch die Problematik der Raubkopie.
mw: Aber Herbert Grönemeyer wird offensichtlich weniger kopiert als gekauft, weil man seine CD für hochwertig hält. Da will man das Original. Nach Ihnen wurde der Schlager nie mehr so hochwertig praäsentiert. Liegt es daran?
Heck: Es ist toll, was Grönemeyer erreicht hat. Ich habe immer versucht, mich selber bei der Präsentation der Titel zurückzunehmen. Natürlich hat mir manches nicht gefallen, aber ich habe doch nicht das Recht zu sagen: „Also, wenn ich wählen würde…“ Es ist ein Fehler, wenn sich Moderatoren in den Vordergrund spielen.
mw: Hat der Schlager eine Chance, wenn sich weiterhin niemand um den Nachwuchs kümmert?
Heck: Das bereitet mir großes Kopfzerbrechen. Wir haben ja bei der Goldenen Stimmgabel auch dieses Jahr einen Nachwuchsförderungspreis. Es wird aber auch viel zu viel deutsch produziert. Und vieles ist schlecht.
mw: Sind Sie mit Ihrem Lebenswerk zufrieden?
Heck: Ich bin glücklich. Aber es ist ja noch nicht abgeschlossen.
mw: Sehen Sie Ihr Lebenswerk nicht in Gefahr?
Heck: Nein. Die Goldene Stimmgabel 2002 zum Beispiel ist von der Farbe her hoch interessant. So wird sie wohl bleiben. Es wird immer etwas dazu kommen, was nicht allen gefällt. Aber Geschmäcker müssen verschieden sein.
mw: Möchten Sie nicht eine neue, zeitgemäße Musiksendung erfinden, die die deutsche Sprache wieder attraktiv macht? Oder glauben Sie, dass der Quotenkampf Musiksendungen überflüssig macht?
Heck: Es gibt bei den Sendern zu viele Leute. Eine Idee durchzubringen, die alle überzeugt, ist schwer geworden. Der Samstagabend ist sicherlich für die Unterhaltung ein ausgezeichneter Tag – siehe Andy Borg mit einem Marktanteil von 23 Prozent und Frank Elstner bei seinem Debüt mit rund 26 Prozent.
mw: Ist die Schlagerlandschaft denn so gespalten, dass man gemeinsam nichts ändern kann?
Heck: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es gibt einfach zu viele, die sagen, der Deutsche Schlager läuft nicht mehr. Was man natürlich nicht verneinen kann. Denn auch die Hitparade lief nicht mehr gut und flog aus dem Programm.
mw: Was wäre denn Ihr Rat, wenn Sie keine neue Sendung erfinden wollen?
Heck: Am Wollen liegt’s nicht. Ich habe ganze Schubladen voll von Ideen, die auch zu finanzieren sind.
mw: Wenn Sie Ideen haben – wie gespalten ist denn die Schlagerlandschaft, dass man Ihren Rat nicht hören will?
Heck: Diese Frage kann ich nicht beantworten. Es gibt einfach zu viele Menschen, die gegen das Deutsche sind.





