Musik

Die ungezogenen Erben von Kurt Weill

Die Punk-Kabarett-Band wirbelte mit ihrem Debütalbum ordentlich Staub auf. Mit „Yes, Virginia“ präsentiert das Duo erneut seinen tiefschwarzen Humor.

Der überraschend große Erfolg ihres Debütalbums brachte für The Dresden Dolls einige Veränderungen mit sich. „Die Aufnahmen zu unserem zweiten Album waren in so gut wie jeder Beziehung eine neue Erfahrung“, erklärt Schlagzeuger, Gitarrist und Sänger Brian Viglione.

„Statt in einem kleinen Undergroundstudio konnten wir diesmal in einem großen Studiokomplex aufnehmen, und wir hatten mit Sean Slade und Paul Q. Kolderie einen Produzenten und einen Ingenieur, die uns viel Arbeit abnahmen.“

Die Experimentierfreude des Duos nahm durch die Entlastung von diesen Aufgaben sogar noch zu, wie Sängerin und Pianistin Amanda Palmer unterstreicht: „Beim ersten Album mussten wir erst lernen, musikalisch und menschlich richtig miteinander zu kommunizieren. Damals fiel es uns noch relativ schwer, gute Kompromisse zu finden. Dank Sean Slade, dem es schnell gelang, unsere unterschiedlichen Ansätze zu bündeln, war das diesmal jedoch ganz anders.“

Die richtige Entscheidung

Die Dresden Dolls sind keine Band, bei der künstlerische Differenzen einfach unter den Teppich gekehrt werden. Und das verleiht ihrer Musik auch auf „Yes, Virginia“ eine besondere Spannung. Zudem war die Verpflichtung von Sean Slade ein Glücksfall für das Duo.

„Ich wusste schon länger, dass er in Boston wohnt“, erklärt Amanda Palmer. „Als wir unser erstes Album fertig hatten, war er einer der ersten, dem ich es zuschickte. Er kam dann zu einem unserer Konzerte und bekundete sein Interesse an einer Zusammenarbeit. Seit diesem Zeitpunkt stand für uns fest, dass er unser nächstes Album produzieren würde.“

Alle neuen Songs komponierte wieder Amanda Palmer. „Einige Stücke sind etwas älter und stammen zum Teil noch aus der Zeit, bevor Brian und ich uns zum ersten Mal trafen.“

Freie Meinung

Einer der Schlüsselsongs von „Yes, Virginia“ ist „Mrs. O“, eine Ballade, die sich auf ungewöhnliche Weise mit dem Thema Holocaust auseinander setzt. „Mir ging es vor allem darum zu zeigen, wie ambivalent Geschichte behandelt wird. Es geht letztlich darum, wie wir mit unserer Geschichte umgehen und wie viel Wahrheit wir uns selbst zumuten wollen.“ Amanda Palmer ist sich dabei durchaus bewusst, dass sie mit diesem Song nicht überall auf offene Ohren stoßen wird.

„Wenn man nur eine bestimmte Zeile herausnimmt und isoliert, dann begibt man sich auf gefährliches Terrain. Man sollte sich selbst dafür sensibilisieren, was man sagen darf und was nicht. Heute sind die Menschen von den sozialen und politischen Umständen oft schon so verängstigt, dass sie den wahren Wert der freien Meinungsäußerung gar nicht mehr zu schätzen wissen, auch wenn sie damit unter Umständen vielleicht jemandem auf die Füße treten.“

Ohne Sorgen

Die Dresden Dolls sind sich dabei als Kabarett-Band mit einem recht eigenwilligen Verständnis von Humor ihrer besonderen Situation, die zu Missverständnissen einlädt, durchaus bewusst:

„Es wird immer Menschen geben, die nicht mit deiner Sichtweise der Dinge einverstanden sind. Damit muss man als Künstler einfach leben. Aber solange wir von vielen Leuten einen so positiven Zuspruch bekommen, machen wir uns darüber keine Sorgen.“