Ja ja, Redakteur in der Entertainment-Sparte zu sein, bringt manchen Vorteil mit sich. Man muss bekanntlich nichts arbeiten, kann endlos ausschlafen – und bekommt jedes Album der Welt schon Monate vor seinem Erscheinen samt bündelweise Bestechungsbargeld zugeschickt, um es später rein zufällig „ganz grandios“ zu finden.
Na ja, soviel zur Theorie. Abgesehen vom nichts arbeiten, ausschlafen und dem Bestechungsgeld stimmt’s sogar. Was nicht heißt, dass wir nicht etliche Alben grandios finden. Allerdings ohne Bestechung und meist selbst im Laden gelöhnt. Hier sind die CDs, die 2006 unser Herz gebrochen haben:
Muse – Black Holes And Revelations
Das vierte Album der Brit-Band MUSE hält alles bereit, was man sich wünschen kann: Wer’s gern ruhiger mag, darf sich über Songs wie „Invincible“ freuen. Für Freunde der härteren Gangart bieten sich „Supermassive Black Hole“ und das sich wunderbar steigernde „Take a Bow“ an. Sänger Matthew Bellamy ist eine Offenbarung, der Mann kann einfach alles singen, was ihm unterkommt. Was will man mehr? (Marion Brandstetter, Redakteurin Publikum)
Wenn’s draußen nicht schneit, kommt der Schnee eben auf CD: Mit „Eyes Open“ haben Snow Patrol dieses Jahr ein großartiges Album abgeliefert, das nicht nur mit herzerwärmenden Texten (wie in „Chasing Cars“), sondern auch durch Gary Lightbodys ungewöhnlich schöne Stimme begeistert. Zum Glück gehen CDs vom vielen Hören nicht so schnell kaputt! (Bettina Friemel, Redakteurin Publikum)
Mark Knopfler & Emmylou Harris – All The Roadrunning
Mark Knopfler hat in seiner späten Liebe zu Folk und Country noch genügend Platz für Dire-Straits-Groove. Gemeinsam mit der legendären Sängerin Emmylou Harris gelangen dem Weltklasse-Gitarristen einige Tracks für die Ewigkeit. (Hans Fuchs, Chefredakteur Publikum)
Flipsyde – We The People (New Edition)
Diese Truppe aus LA hat’s wirklich drauf: Ihr Debütalbum schafft eine hochenergetische Symbiose aus Rap und Rock, ohne in Holzhackerklischees zu verfallen. Knackige Hip-Hop-Rhythmen werden mit melodischen Synthiepolstern aufgewertet; brillante Gitarrenarbeit veredelt die zwölf Tracks – mal als schwermetalliges Solo, mal als latinomäßig akustisch perlender Lauf. Zudem haben Flipsyde im Überfluss, was andere Acts meist dringend brauchen: eine eigene kreative Handschrift und vor allem starke Melodien („Angel“). Außerdem ist die Produktion makellos – die raffinierte Abmischung von „Trumpets“ zum Beispiel bringt sogar Blechgebläse ins Spiel. Und schließlich liegen die Texte weit über dem Level des Gewohnten: So verarbeitet MC Piper in der Single „Happy Birthday“ seine Schuldgefühle wegen einer Abtreibung; „US History“ ist eine radikale Abrechnung mit der amerikanischen Weltmachtpolitik. Keine andere CD habe ich im Jahr 2006 öfter gehört. (Manfred Gillig-Degrave, Chefredakteur MusikWoche)
Auch mit seinem dritten Album lässt der 25-jährige Bariton keine Wünsche offen. Der Crossover zwischen Pop und Klassik gelingt Groban wieder mühelos. Seine einzigartige Stimme berührt von der ersten klassischen Ballade bis hin zum letzten Titel auf dem Album. Also CD einlegen, zurücklehnen und entspannen. (Bettina Kittl, Redaktion Publikum)
Nevio Passaro – Amore per sempre
Da hat sich dieses Jahr doch tatsächlich ein Musiker in eine Castingshow verlaufen, denkt sich eigene Melodien aus und bedient seine Instrumente auch noch selbst. Jetzt zum Reinhören und 2007 zu kaufen: Statt body-geshapetem Schablonenstar mit durchgestyltem Popsong aus der Massenproduktion gibt’s nur einen untersetzten Halbitaliener mit seiner eigenen Musik – Gott sei Dank. (Uwe Osterrieder, Chefredakteur Publikum)
Midlake – The Trials Of Van Occupanther
Der gute, alte Folkpop feiert seit einiger Zeit ein erstaunliches Comeback und diese Herren aus Texas sind nicht ganz unschuldig daran. Knarzende Gitarren, psychedelisches Flötenspiel und samtweiche Pianoteppiche – wer das zweite Album von Midlake auflegt, fühlt sich unweigerlich in die 70er-Jahre zurückversetzt. Und zwar auf die Hippie-Ranch von Crosby, Stills, Nash & Young. Gefühlsecht nur in der knisternden Vinyl-Variante. (Matthias Ott, Redakteur Publikum)
Pharrell Williams – In My Mind
Mit seinem ersten Soloalbum zaubert Produzent und Rapper Pharrell Williams 14 abwechslungsreiche Tracks aus dem Ärmel und pendelt dabei geschickt zwischen Hip-Hop, Funk, R&B, Soul und Jazz. Unterstützt wird das Musikgenie von namhaften Künstlern wie Kanye West, Gwen Stefani, Snoop Dogg, Nelly und Jay-Z. (Marcos Placias, Redaktion Publikum)
Barbara Morgenstern – The Grass Is Always Greener
Auf ihrem erfrischenden Album vereint die Berliner Sängerin, Songwriterin und Keyboarderin die digitale Track-Welt aus der Elektronik meisterhaft mit der Songstruktur des analogen Pop. Grandiose Stücke wie das geheimnisvolle „The Operator“ hätten in einer besseren Welt gar das Potenzial zu einem Überhit. (Dietmar Schwenger, Redaktion MusikWoche)
Tomte – Buchstaben über der Stadt
„Ich lebe mich durch eines der schönsten Leben mit den schönsten Songs der Welt“: Dass Indie-Pop nicht immer nur depressives Gitarrengeschrammel sein muss, beweist Thees Uhlmann einmal mehr mit seiner Band Tomte. Er singt von Liebe und Freundschaft, ohne dass sich ein einziges Mal „Herz“ auf „Schmerz“ reimt. Anbetungswürdig! (Nathalie Stowasser, Redaktion Publikum)
Gitarrenriffs zum Niederknien, Lyrics, die diese englische Bezeichnung tatsächlich verdienen, und dann noch solch eine Stimme: Wenn John Mayer zart-rauchig seinen Blues-Pop intoniert, habe ich meinen Lebens-Soundtrack für 2006 gefunden. Skip-Taste unnötig! (Boris Sunjic, Redakteur Publikum)


