“Die Idee hatte ich in Japan, wo ich ein Chopin-Recital von Maurizio Pollini hörte“, sagt Hélène Grimaud. „Während ich Pollini zuhörte, kam mir der Gedanke: Warum beraubst du dich dieser Musik? Es war ein Augenblick von fast erschreckender Klarheit und Bedeutung.“
Die Sonate in b-moll handelt vom Tod – mit dem berühmtesten Trauermarsch als Kopfthema. Rachmaninoffs Sonate Nr. 2, die im Exil entstand, spricht voller Wehmut über Trauer und Abschied. „Mein Vater hatte mir die Horowitz-Aufnahme gekauft“, erinnert sich Hélène Grimaud. Damals war sie gerade mal 14 Jahre alt. „Ich war wie gebannt und wusste, dass ich das Werk aufnehmen musste.“
Sie lernte es innerhalb von nur einer Woche und machte noch mit 15 Jahren eine Aufnahme, rührte die Sonate seither jedoch nicht mehr an. Für die französische Pianistin sind beide Sonaten Werke, die das „Tor zur Unendlichkeit öffnen“. Und genau dieses Tor stößt sie mit ihrem Spiel auf: Mit klarer Präzision seziert sie Chopins Trauermarsch und verursacht damit kalte Schauer auf dem Rücken; Rachmaninoffs dunklen Visionen nimmt sie mit warmem Klang den Schrecken.
Seelenverwandtschaft zu Wölfen
Die Königin des Klaviers beweist hier ihre ganze Größe, indem sie dem Thema Tod ein gnadenlos brillantes Spiel entgegensetzt, das sie selbst mit einem „Lavastrom“ vergleicht.
Vielleicht kommen ihr dabei ihre Vorlieben für Grenzerfahrungen und extreme Einstellungen zu Hilfe: In ihrer Wahlheimat, den Vereinigten Staaten, hat sie ein Wolfsgehege eingerichtet; in einem angegliederten Dokumentationszentrum informiert sie über ihre Arbeit mit diesen Tieren.
Und in ihrer Biografie mit dem Titel „Wolfssonate“, die ebenfalls noch im Februar erscheint, spricht sie unter anderem über das Leben mit den Wölfen, die sie als ihre „Seelenverwandten“ bezeichnet.
Um ihr neues Album nicht im Morbiden versinken zu lassen, sozusagen als Zeichen der Versöhnung mit dem Leben, fügt Hélène Grimaud den beiden Sonaten noch Chopins „Berceuse op. 57“ und die „Barcarole op. 60“ hinzu – beide spielt sie voller Sinnlichkeit und Zärtlichkeit.


