Musik

Die einfachen Wahrheiten der Anna N.

Auf den Opernbühnen der Welt ist sie derzeit die unbestrittene Königin. Aber wie steht ein gefeierter Live-Star zur Konserven-Musik?

“Man kann heute keine Karriere mehr machen ohne eines von beiden – Opernbühne und Musikbiz“, sinniert Anna Netrebko. „Man muss nur die richtige Balance im Auge behalten. Und natürlich liebe ich es ungemein, auf der Bühne zu singen und zu spielen.“

Auf Opernbühnen und bei Festivals ist sie bereits ein Star, und auch mit ihrem zweiten Album sollte sie den großen Erfolg des ersten mühelos wiederholen, das zehn Monate die deutschen Klassik-Charts dominierte und es sogar in die Pop-Hitlisten schaffte.

Um die Absatzzahlen weiter anzuheizen, posiert Anna Netrebko als lasziver Vamp, der mehr wecken soll als die reine Sehnsucht nach klassischer Musik. Nicht, dass die lebenslustige Sängerin dieses Image nötig hätte: Die 33-jährige Sopranistin aus dem südrussischen Krasnodar formte ihre Stimme am Konservatorium in St. Petersburg und trat 1993 dem Ensemble der Kirow-Oper am Mariinski-Theater bei. Seitdem konnte sie sich bis zu ihrer heutigen Größe langsam entwickeln.

Alles kein Vergleich

Auch Vergleiche mit anderen Primadonnen fallen schwer. Zwar nennt sie selbst Renata Scotti als Vorbild, doch im gleichen Atemzug sagt sie: „Alle diese Vergleiche bedeuten mir wirklich nichts – ich versuche, einfach ich selbst zu sein, viel zu arbeiten und mein Leben zu genießen.“

Anna Netrebko weiß um ihre Qualitäten, daher trotzt sie auch mit gesundem Selbstvertrauen jeglichem Erfolgsdruck. „Ich fühle, dass das neue Album sogar besser ist als das erste. Und ich finde die Idee großartig, ganze Szenen und nicht nur einzelne Arien zu singen.“

Reinheit geht nie verloren

Auch „Sempre Libera“ widmet sich – wie schon ihr Debüt – dem Belcanto-Fach, wobei sie diesmal den Fokus auf die italienischen Komponisten Giuseppe Verdi, Vincenzo Bellini und Gaetano Donizetti legt.

Und sind ihr die Lucia („Lucia di Lammermoor“) und Amina („La Sonnambula“) bereits vertraut, so stand sie bei der Desdemona („Otello“) vor einer zweifachen Herausforderung: Denn sie sang die Rolle unter Claudio Abbado im Studio zum ersten Mal ein, und zudem liegt sie tiefer als die anderen Bravourpartien.

Doch ihr dunkel eingefärbter Sopran verliert nicht einmal bei extremen Spitzen wie bei der Arie „Sempre Libera“ aus Verdis „La Traviata“, wo es hinaufgeht bis zum hohen Es, seine Reinheit. Er umschmeichelt den Nachtgesang Desdemonas und lässt Platz für Netrebkos starken und nachhaltigen Ausdruck.

„Die meisten Szenen kannte ich bereits sehr gut, aber ich entdeckte auch Musik für dieses Album, die ich wohl nie auf einer Bühne singen werde, wie Desdemonas wundervolle Szene. Und obwohl die Rolle nicht immer zu meiner Stimme passt, entpuppte sich ‚Mia Madre… Ave Maria‘ als ideal für mich.“

Studio? Mal was anderes!

Mit Claudio Abbado zusammenzuarbeiten sei immer ihr Traum gewesen, erzählt sie. Zudem machten es die angenehme Atmosphäre in der italienischen Reggio Emilia und Abbados Offenheit der Sängerin leicht, „sich selbst zu öffnen“, wie sie sagt.

Und das sei extrem gewesen, denn „Studioaufnahmen sind eine große Herausforderung und eine vollkommen andere Erfahrung als ein Bühnenauftritt. Derzeit bestimmen Sommerfestivals mein Leben. Das bedeutet jeden Tag viel Arbeit. Je mehr ich mich in die Musik vertiefe, desto mehr will ich auch darüber wissen – das ist die simple Wahrheit.“