Musik

„Die Angst geht um, als uncool zu gelten“

Sven Regeners Protest gegen die Missachtung geistigen Eigentums hat viele Reaktionen provoziert. In seinem Gastkommentar ruft GEMA-Aufsichtsrat Burkhard Brozat alle Kreativen dazu auf, für das Urheberrecht zu kämpfen.

Sven Regeners Protest gegen die Missachtung geistigen Eigentums hat viele Reaktionen provoziert. In seinem Gastkommentar ruft GEMA-Aufsichtsrat Burkhard Brozat alle Kreativen dazu auf, für das Urheberrecht zu kämpfen.

Wir müssen aufstehen. Wir, die Komponisten, Textdichter, Schriftsteller, Journalisten, Fotografen, Maler, Bildhauer, Architekten, Softwareentwickler, Erfinder und alle, die mit ihrem kreativen Schaffen diese Welt und unser Leben bereichern. Wir müssen aufstehen und Sven Regener applaudieren. Für seine Dar- und Klarstellung im „Zündfunk“-Beitrag des Bayerischen Rundfunks zum Thema Urheberrecht.

In einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ vom 31. März 2012 las ich mit Erstaunen und Schrecken, dass ein bekannter Musiker und Songschreiber einer Rockband aus Angst davor, „out“ zu sein und keine CDs mehr verkaufen zu können, seinen Namen nicht nennen möchte. Obwohl er die von Regener geschilderte Situation der Kreativen unterstützt.

Ja, wie weit sind wir denn gekommen?

Müssen wir uns verstecken und tarnen, nur weil wir Künstler sind und für unsere Arbeit Geld verlangen, um davon zu leben? Werden wir Brot- und Buttermarken erhalten und uns in „Künstlersuppenküchen“ aufwärmen, wenn die Piratenpartei dieses Land mitregiert? Ist der Bäcker uncool, weil er für sein Brötchen und seinen „Coffee to go“ Geld verlangt? Ist der Computerhersteller uncool, weil er für seine Geräte Geld verlangt? Nein. Aber eine Party ohne Musik, auch eine Wahlparty, könnte sehr, sehr uncool sein!

Schon bei der Diskussion über den deutschsprachigen Anteil in Musiksendungen des Rundfunks vor ein paar Jahren war eine gewisse Scheu einiger Betroffener zu spüren, sich klar zu äußern und eine Quote zu fordern – aus Angst, vielleicht bei dem einen oder anderen Redakteur in Ungnade zu fallen. Nun aber, da es um nichts geringeres geht als um das finanzielle Überleben von kreativen Kulturschaffenden und damit um das Überleben von Kultur generell, ist das Schweigen kaum noch zu überhören. Die Angst geht um. Die Angst, als uncool zu gelten, nicht mehr geliebt zu werden. Nur weil man für seine Arbeit eine angemessene Entlohnung verlangt.

Wir Musikautoren haben uns in der Verwertungsgesellschaft GEMA zusammengeschlossen. Sie handelt für uns mit den Nutzern unserer Werke Tarife aus, auf deren Basis dann ein Händler oder Provider sein Geschäft kalkulieren kann. Das ist marktwirtschaftlich in Ordnung. Wenn nun aber einzelne Nutzer dieses unser Gut nutzen, ohne Entgelt zu zahlen, ist das ein Paradigmenwechsel in der freien, sozialen Marktwirtschaft. Und wenn dieses Verhalten noch von einer Partei wie den Piraten Unterstützung findet, erwächst daraus ein soziokulturelles Problem in unserer Gesellschaft. Das hätte konsequenterweise zur Folge, dass die Kunstschaffenden vom Staat alimentiert werden müssten, also von der Allgemeinheit. Auch von denen, die ihre Musik gar nicht hören wollen. Und auch da stimme ich Sven Regener zu: Das könnte durchaus das Ende der Subkultur und der Kreativität bedeuten. Meine These: „Rock’n’Roll gibt es nicht auf Essenmarken.“ Ja klar, man kann die Welt verändern, aber bitte mit Verstand.

Die positiven Nutzungsmöglichkeiten des Internets stehen außer Frage, auch als Wirtschaftsfaktor. Aber die Kreativen, die durch ihre Leistung erst die Möglichkeit einer Nutzung und somit Ertragsschöpfung schaffen, müssen für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden. Also Kolleginnen und Kollegen von Abba bis Zappa: Lasst uns aufstehen und Sven Regener applaudieren. Und das laut! Sehr laut! Lasst uns, je nach unseren Möglichkeiten, in Wort, Bild, Lied, Ton, Tanz oder sonstwie für den Schutz des Urheberrechts eintreten.

Burkhard Brozat arbeitet als Autor, Komponist, Liedermacher und Produzent in der Nordheide bei Hamburg. Er ist Aufsichtsratsmitglied der GEMA.