Musik

„Der Wurm muss dem Fisch schmecken – nicht umgekehrt“

Hans Seelenmeyer, Director Sales & Marketing Connected Music Vertrieb GmbH, Hamburg

Natürlich muss die Musikbranche jetzt besonders aufpassen, vor wessen Karren sie sich spannen lässt. Ebenso gilt es allerdings, eigene, jahrelange wissentlich gezüchtete Probleme, nicht auf einmal zum Allgemeingut der deutschen Kultur und Wirtschaftspolitik zu machen. In der Tat – da macht es sich Herr Stein schon etwas einfach. Schließlich sind insbesondere die Monokulturen der deutschen Handelslandschaft (und auch Medienlandschaft!) durch eine sehr kurzsichtige, rein absatzorientierte Vertriebs- und Promotionpolitik maßgeblich beeinflußt worden. Wie mir einmal ein Einkäufer einer bedeutenden Handelskette erklärte: „Natürlich führen wir einen Vernichtungskrieg – aber ihr (die Industrie) liefert schließlich die Munition – und lebt selbst nicht schlecht dabei.“ Dass diese „goldenen“ Zeiten vorbei sind, bekommt jeder zu spüren, der mit der desaströsen Handelslandschaft zur Zeit zu tun hat. Leider wurde verpasst, in guten Zeiten langfristige, am Consumer orientierte Pläne zu entwickeln und dabei das Medium vor allem auch noch bezahlbar zu halten. Bei der immer mehr voranschreitenden Entwertung des Mediums CD und der wirklich „hundsmiserablen“ Selbstdarstellung der Musikkonzerne in den letzten Jahren braucht man sich wirklich nicht zu wundern, dass der einstige Fan und Intensivkäufer der (teuer) erstandenen Musik eine deutliche Absage erteilt hat.

Das Schlimme daran: Diese einmal „entmobilisierten“ Zielkäufer, gerade in der Middleclass/upper 40-Zielgruppe, kommen nicht wieder; sie wenden sich einfach anderen, weniger schnelllebigen Interessen zu. Allerdings sollte sich gerade die deutsche Politik in Sachen Rock/Pop und Kulturförderung nicht aufs Treppchen stellen. Hier werden seit Jahrzehnten – an einer breiten Zielgruppe vorbei – staatliche Opern und Theaterhäuser zu Tode subventioniert, die nichts oder zumindest sehr wenig mit den Bedürfnissen breiter Bevölkerungsschichten zu tun haben. Das Geld, das hier versenkt wurde (und wird!), wäre sicherlich sinnvoller in zukunftsorientierte Musik und Kulturschaffende – und eben solche schützende – Einrichtungen investiert. Nirgendwo in Europa hat Rock- und Popmusik nationaler Herkunft (egal, welche Sprache) einen so niedrigen Image- und Förderwert wie in Deutschland – maßgeblich beinflußt durch den deutschen „Dummfunk“ mit Einheitsformat. Da muss man sich mal anschauen, wer eigentlich in den Rundfunkräten/Aufsichtsräten sitzt – wobei wir dann schon wieder bei der Politik angelangt sind! Ergo: Die Misere hat natürlich viele Väter und sehr facettenreiche Auswirkungen; aber eines muss man sich unbedingt merken: Der Wurm muss dem Fisch schmecken – und nicht umgekehrt.