“Momentan ist richtig, momentan ist gut…“ – in den ersten Zeilen von „Mensch“ bringt es Herbert Grönemeyer auf den Punkt. Es ist gut – und zwar richtig gut, was der 46-Jährige derzeit macht. Vergessen ist die lange Zwangspause, Grönemeyer hat sich 2002 lautstark und höchst erfolgreich zurückgemeldet. Die Single „Mensch“ stieg von null auf eins in die Charts ein, ebenso das Album, immerhin sein erstes seit „Bleibt alles anders“ vor vier Jahren.
Rückblende I: Grönemeyer, Arthur Wiglev Clamor, geboren am 12. April 1956 in Göttingen, aufgewachsen in Bochum. Klavierunterricht ab zehn, erste eigene Band mit zwölf. (Skandal-)Regisseur Peter Zadek entdeckt ihn als Komponisten für Theaterstücke am Schauspielhaus Bochum, dann als Darsteller für Bühne und Film. Durchbruch Nummer eins: mit Wolfgang Petersens Monumental-Film „Das Boot“ 1981, Durchbruch Nummer zwei: 1984 mit dem vierten Album „4630 Bochum„.
Es folgen über zwölf Millionen verkaufte Platten, ausverkaufte Tourneen, Gold- und Platinauszeichnungen sowie musikalische Legenden deutscher Rock- und Popmusik: „Männer“, „Alkohol“, „Kinder an die Macht“, „Flugzeuge im Bauch„, „Deine Liebe klebt“, „Was soll das?“…
Rückblende II: Grönemeyer, der Musiker, feiert 1998 mit „Bleibt alles anders“ gewohnte Mega-Erfolge. Aber Grönemeyer, der Mensch, muss in diesem Jahr zwei schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Innerhalb weniger Tage sterben im November zuerst sein Bruder Wilhelm, dann seine Ehefrau Anna an Krebs. Grönemeyer zieht sich zurück, flieht mit den Kindern Felix und Marie nach London, wo er immer noch lebt.
Anfangs meint er, wohl nie wieder Songs schreiben zu können. Doch dann fängt er wieder an, langsam, zögerlich, traurig. Wie einer, der erst wieder lernen muss zu laufen, nachdem er schwer verletzt worden ist. Und Grönemeyer schreibt und komponiert und singt – und es läuft und läuft und läuft: „Mensch“ ist geboren, Grönemeyers persönliches und musikalisches Comeback, ein weiterer Meilenstein in Leben und Karriere eines Künstlers, den viele lieben und manch einer hasst, der aber dennoch steht wie ein Fels in der Brandung.
„Allgemein bin ich ja Optimist; ich glaube, eine Krise hat immer auch einen Vorteil, sie bringt was Positives“, so Grönemeyer im Gespräch mit „musikwoche.de“, dem Fachmagazin der Musikbranche, in dem er über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Leben und dem Musikgeschäft erzählte. Beide sind im Moment wieder sehr gut zu dem Multitalent. So gut, dass selbst Grönemeyer den Erfolg der LP „Mensch“ (über zweieinhalb Millionen verkaufte Exemplare) kaum fassen kann.
Herbert im Interview: „Ich bin von dem Erfolg völlig überrascht. Für mich gab es einfach das elementare Interesse, dass ich es hinkriege, wieder eine Platte zu machen. Wir hörten zwar von der Krise, wie der Markt einbricht, zum Beispiel vom Kopieren. Aber man denkt selber gar nicht so weit – sondern macht eine Platte und ist stolz, wenn sie fertig ist. Das war das wichtigste Ziel. Doch dann ging die Single plötzlich überfallartig direkt auf eins, was wir vorher noch nie hatten, und dann kam alles andere – das kann man selber noch gar nicht alles so schnell einschätzen, es überrennt einen. Für mich ist das alles noch gar nicht fassbar.“
Und doch ist es wieder wie früher: Ganz Deutschland singt mit, wenn Grönemeyer singt – was ist das für ein Gefühl? „Es ist überwältigend, diese Zustimmung und auch Zuneigung. Aber es ist auch einfach die Musik, die Zuspruch findet – und darüber freut man sich, auch wenn es dauert, bis man es richtig realisiert. Ich bin wirklich überwältigt. Es fühlt sich alles sehr verblüffend an, und natürlich auch sehr schön. Für mich war die erste Woche, als das Album herauskam, am besten: Zu merken, wie das auf Zustimmung stößt, das war fast der schönste Moment. Und das Maß der Zustimmung machte uns fassungslos!“
Aber: So ganz zurück ist Grönemeyer noch immer nicht. Das Haus in Berlin steht nämlich meistens leer, Grönemeyer und seine Kinder nach wie vor in London, wo auch „Mensch“ entstanden ist. Doch seine Noch-immer-nicht-Rückkehr in die Heimat hat nichts mit Ablehnung zu tun, sondern eher mit dem Londoner Flair, wie er in einem SWR3-Interview verriet: „Bestimmt 20 Prozent der Leute, die hier leben, sind nur mal vorbei gekommen, mal eben für ein paar Monate. Und jetzt leben sie seit 25 oder 30 Jahren hier. Das hohe Tempo dieser Stadt hat etwas von einer Droge. Man hasst es, wenn man hier ist. Aber wenn man weg ist, merkt man: Oh, das fehlt mir!“
Dennoch ist er sich zu „99 Prozent sicher, dass ich zurück nach Berlin gehe, weil ich Berlin einfach liebe. Das ist meine Stadt.“ (Bochum möge es ihm verzeihen.) Spätestens am 15. Februar wird Grönemeyer wieder in der Hauptstadt sein, wenn auch nur kurz, um den prestigeträchtigen Schallplattenpreis „Echo“ in Empfang zu nehmen. Bis dahin telefoniert er sich Mund und Ohr wund: „Der größte Glücksmoment für mich ist, wenn ich nach Berlin gehe oder mit Deutschen telefoniere und dann schnattern kann.“ Das geht ins Geld. Grönemeyers Telefonrechnung ist „irrsinnig hoch, vielleicht 1000 Pfund im Monat. Ich telefoniere wie ein Geistesgestörter…“


