Musikjournalist Ralf Dombrowski macht sich Gedanken über das Recht am eigenen Content.
Die Diskussion wird immer grotesker. Vor kurzem widmete das 3sat-Magazin „Kulturzeit“ eine ganze Sondersendung der Diskussion um das Urheberrecht und war doch nicht wirklich in der Lage, die Fragen zu packen. Da formulierte ein leidlich naiver Bruno Kramm als Bosshoss der Piratenpartei Allgemeinplätze von der Freiheit im Netz und dass man ja doch gar nicht den Kreativen an den Karren pinkeln wolle. Dezent larmoyant näherte sich Frank Spilker von der Combo Die Sterne an das Regener-Statement an, Künstler seien eben vor allem uncool, wenn sie darauf bestünden, dass sie von ihren Einfällen leben wollten. Die Schriftstellerin Tanja Dückers wiederum fand den Impetus des Demokratischen durchaus lobenswert, stellte aber zur Debatte, dass Autoren eine Industrie im Hintergrund bräuchten, um wirklich kreativ sein zu können.
Lauwarm das Ganze, gewürzt von Livechat-Kommentaren, die das Recht auf totalen Konsum und das Internet als eigentlichen Ort der Kunst beschworen. Lauwarm das Ganze, weil auch hier wieder an der Oberfläche der Erscheinung gekratzt wurde, ohne dass eine Diskussion darüber geführt wird, was es denn eigentlich bedeutet, wenn digitalisiertes Kulturgut als Gratisware definiert wird.
Lustig dann der Blick in die Morgenzeitung. Da kombiniert ein Autor im Feuilleton der „SZ“ (Titel: „Im Garten der Gemeinschaft“) die Idee des Urheberrechts mit dem Commoning à la Elinor Ostrom, also einer Art Sozialisierung von geistigen Leistungen zugunsten einer globalen Netzgesellschaft, und darüber hinaus – streng postmodern – mit Berliner Guerilla-Gärtchen, dem charmant spießigen Kleinbürgerwiderstand gegen die vermeintlichen Segnungen des Urbanen (erinnert sich noch jemand an die „Obstkolonie Eden“?).
Die Idee ist vage – da muss wohl irgendwo ein Diskurs sein, der an übergreifende Strukturen anknüpft, nur worin besteht der bloß? Aber sie geht in die richtige Richtung, sich vom Schaulaufen der Institutionen zu emanzipieren.
Auch das hat man in letzter Zeit hie und da gelesen: dass es inzwischen einige Weltkonzerne gibt, die prächtig an der geistigen und kreativen Leistung anderer verdienen (die sie konsequenterweise Content nennen), die aber nicht die Bohne daran denken, von diesen Gewinnen etwas abzugeben. Letztlich ist die Rechnung ja vergleichsweise schlicht. Die Geräteindustrie hat ein Interesse daran, ihre Produkte zu verkaufen. Diese werden attraktiv, wenn sie viel können und im Vergleich zu früheren Baureihen einen Mehrwert darstellen. Mehrwert entsteht durch kostenlosen Konsum, zumeist quantifiziert, weil das menschliche Denken sich häufig an der Menge, nicht an der Qualität orientiert. Er wird gewährleistet von Verteilungsplattformen, die der Geräteindustrie mit eigener Gewinnabsicht zuarbeiten.
Um etwaigen Ansprüchen entgegen zu wirken, wird von den Zuckerbergs dieser Welt die Demokratie der Verteilung als Maxime des Handelns beschworen, auf die die sogenannten Netzaktivisten, die selbst in der Regel Maximalkonsumenten sind, gern ihre Legitimation aufbauen. Ein schöner alter Wert des Abendlandes als virtueller Schlüssel für die Zukunft – raffiniert eingefädelt.
Wer sich als Künstler dagegenstellt und darauf beharrt, dass das, was er seinem Hirn entwringt, auch honoriert werden sollte, wird damit mindestens zum Reaktionär, wenn nicht gar zu einem Hindernis im Wettlauf des ungehinderten Konsums. Und darf daher in der Konzernlogik umgangen werden, zumal sich auf diese Weise gleich noch anderen Konkurrenten, Plattenfirmen zum Beispiel oder Verlage, ausschalten lassen, die doch ebenfalls nur diesem konservativen Modell hinterher hechelten.
Irgendwo da am Ende der Diskussionsschlange kommen die Künstler, Autoren, Musiker vor, zumeist als Argument gegen die Freiheitlichkeit des Internets, funktionalisiert von allen Seiten der Industrie. Und leider sind diese Kreativen wiederum inkonsequent genug, nicht einfach ihre Arbeit einzustellen. Die ewigen Wurschtler laborieren weiter, versuchen es allen irgendwie Recht zu machen, indem sie sich dem Verwertungssystem anpassen, Nischen suchen oder resignieren.
Damit aber setzt sich eine nach unten offene Spirale der Missachtung in Gang: Kultur, die nichts kostet, ist nichts wert. Mit ihr darf umgegangen werden wie mit der Postwurfsendung im Briefkasten: im besten Fall durchblättern und tschüss! Die Basis der eigenen Identität wird verschenkt an die Segnungen des Konsums – das ist natürlich ein kulturpessimistischer Topos, aber er wird mehr und mehr Bedeutung bekommen. Denn wenn erst China und Indien, die Länder der Kopisten, der Geräteindustrie ernsthaft Konkurrenz machen und die Geldströme ganz woanders hin fließen, dann werden die Auguren des Niedergangs mit einem Mal fragen, wo denn der eigene Wert geblieben ist.
Im Content? Im Kostenlosen?
Der Autor: Ralf Dombrowski schreibt als Musikjournalist unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“, „Spiegel Online“, den Bayerischen Rundfunk, „Jazzthing“, „Jazzzeitung“, verschiedene Onlinemedien und vieles mehr. Er ist außerdem Juror (Echo Jazz, Burghausen, Preis der deutschen Schallplattenkritik), Festivalleiter (European Jazztival, Schloss Elmau), Dozent, Moderator, DJ und Hobbymusiker. www.ralfdombrowski.de



