Musik

Delays… und der Sommer kann kommen

Britpop lebt. Das verdankt die Welt in diesem Jahr einzig und allein einem jungen Quartett aus der südenglischen Hafenstadt Southampton. „Faded Seaside Glamour“, das Debütalbum der Delays, liefert den Auftakt zu einem sonnigen Musiksommer. Rough-Trade-Gründer Geoff Travis hat damit wieder einmal einen guten Riecher bewiesen.

Greg Gilbert übt sich nicht in falscher Bescheidenheit: „Wir haben große Ziele und hohe Ideale. Keine Band war bisher perfekt, keine Band hat bisher das erreicht, was wir erreichen wollen. Wir wollen die perfekte Pop-Band sein.“ Das hört sich an wie ein weiterer größenwahnsinniger Jungspund von den britischen Inseln, der mit seinen milchgesichtigen, flaumbärtigen Kumpels in die Fußstapfen von Oasis treten möchte. Und da drängt sich sogleich der Verdacht auf, bei den Delays handele es sich halt bloß um den neuesten Britpop-Hype, der einen kurzen Sommer lang als Sternschnuppe am Pophimmel aufglüht, um sogleich wieder zu verlöschen. Doch dann legt man das erste Album des Quartetts aus Southampton auf – und die Sonne geht auf.

Schon das erste Stück, „Wanderlust“, steckt kühn das Terrain ab – ein grandioser, klassischer Opener, der perfekt seinen Zweck erfüllt, den Hörer zu fesseln. Melodiöse Gitarrenwogen und Steeldrum-Tupfer tragen den außergewöhnlichen Gesang von Greg Gilbert. Diese Stimme ist im Britpop-Kontext einmalig: Gitarrist und Sänger Gilbert (auf dem Foto rechts außen) verbindet als Kontertenor die weiche Falsettlage von Graham Nash von den Hollies mit dem rauchigen Timbre von Colin Blunstone von den Zombies und klingt dennoch frisch und unverbraucht, als stünde er kurz vor dem Stimmbruch. Sein Bruder Aaron (zweiter von links) steuert die Keyboards bei und sorgt mit dezenten Elektroniktupfern für Spannung; und in „Stay Where You Are“ beschwört er eine mysteriöse, sinistre Stimmung, die einen Kontrapunkt zu den übrigen elf Songs setzt.

Bassist Colin Fox (zweiter von rechts) und der Schlagzeuger Rowly, der seinen Nachnamen beharrlich verschweigt, verankern die Höhenflüge der Gilbert-Brüder in einem soliden Rhythmusfundament. „Wanderlust“ verspricht als Einstieg nicht zu viel; ein brillanter Popsong folgt dem anderen, darunter die bisherigen drei Singles „Nearer Than Heaven“, „Long Time Coming“ und „Hey Girl“, die sich alle drei schon vor dem Album in den UK-Charts platzierten. Ihre Westcoast-Harmonien, blitzblanken Gitarrenbretter und Synthiepop-Anklänge machen sie zu Pop-Perlen, wie man sie nur selten zu hören bekommt. Das fand wohl auf Geoff Travis, der Gründer von Rough Trade, der die Delays Anfang 2003 hörte und sofort unter Vertrag nahm; bei Rough Trade sind sie nun mit The Strokes und The Libertines in bester Gesellschaft.

„Wenn du auf einem Label wie Rough Trade bist, kommst du bei den Leuten ganz anders an, als wenn du bei einem Major unter Vertrag stehst“, betont Greg Gilbert. „Und wir sind für Rough Trade ein bemerkenswerter Act, weil wir uns wirklich von allem unterscheiden, was im vergangenen Jahr in der Musikszene passierte.“ Auch in diesem Punkt kann man dem selbstbewussten jungen Mann nicht widersprechen. Geoff Travis schickte die vier Musiker ins Studio, um „Faded Seaside Glamour“ aufzunehmen. Und da zeigte sich, dass der Perfektionismus von Greg Gilbert nicht bloß Pose war: „Ich habe alle in den Wahnsinn getrieben“, erinnert er sich, „mit einem Take nach dem anderen“. Bis er nach langen und komplizierten Aufnahmesessions endlich zufrieden mit dem Resultat war.

Doch das Ergebnis gibt ihm Recht: „Faded Seaside Glamour“ ist das beste Debütalbum einer englischen Band seit vielen Jahren, vielleicht nicht seit den Zombies, aber sicher seit den Happy Mondays oder Stone Roses. Jeder einzelne der zwölf Songs hat das Zeug zum Klassiker; das Album klingt jung und neu und liefert dennoch jede Menge Stoff für Namedropping – so nennt die offizielle Band-Biografie Referenzen, die von Big Star bis zu den Cocteau Twins reichen. Dabei zeigen die Delays von Anfang an eigenes Format. Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn sie nicht auch auf dem deutschen Markt einschlagen würden. Erste Live-Kostproben liefern sie im Mai als Vorgruppe für The Veils – am 18. in Köln, am 24. in Hamburg, am 25. in Schorndorf und am 26. Mai in Heidelberg.